Waiblingen

Die Volkshochschule kämpft gegen Analphabetismus

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Symbolbild. © Fotolia/Lassedesignen

Waiblingen. Schnitzel mit Pommes mag fast jeder. Wer Schnitzel aber nur bestellt, weil er die Speisekarte nicht lesen kann und hofft, dass das Allerweltsgericht draufsteht, hat ein Problem. So geht es in Deutschland 7,5 Millionen Menschen, die als funktionale Analphabeten gelten. Jetzt nimmt sich die Volkshochschule ihrer an: mit Kursen fürs Lesen- und Schreibenlernen, aber auch Politik und Gesundheitsvorsorge.

Stellen Sie sich vor, Sie brauchen ein Medikament und können den Beipackzettel nicht lesen ... oder Sie wollen Autofahren lernen und verstehen die Verkehrsschilder nicht. Der Alltag ist kompliziert für Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Trotzdem oder gerade deshalb versuchen viele oft sehr erfolgreich, diese Schwäche zu verbergen.

Bundesweit gelten 7,5 Millionen Menschen als funktionale Analphabeten, knapp 14 000 sind im unteren Remstal davon betroffen. Mehr Männer als Frauen, eher Ältere als Jüngere und – überraschend: viele Erwerbstätige. Als funktionale Analphabeten gelten Menschen, die nur bruchstückhaft lesen können, einzelne Wörter oder Wortbilder zwar erkennen, aber keine Texte, geschweige denn ein ganzes Buch verstehen würden.

Alarmierendes Ergebnis bereits 2010

Bereits 2010 hat die Leo-Studie die Lese-Schreib-Kompetenzen von Erwachsenen untersucht. „Das Ergebnis war alarmierend“, sagt Angela Helf, Fachbereichsleiterin Grundbildung bei der VHS. Damit Menschen am Leben teilhaben können, sollte das Angebot aber mehr umfassen als Lese- und Schreibkurse. Da viele Menschen nur auf Grundschulniveau rechnen könnten und keinerlei Basiswissen zu Politik, Ernährung und Gesundheitsvorsorge hätten, wurden auch diese Bereiche ins Kursprogramm aufgenommen. „Unser Anspruch an Grundbildung ist umfassend“, sagt Angela Helf. So stehen jetzt nicht nur die Lese- und Schreibwerkstatt und ein Kurs für mehr Sicherheit in der Rechtschreibung auf dem Programm. Angeboten werden auch die Rechenwerkstatt sowie Kurse, um die persönlichen Ausgaben in den Griff zu bekommen, englische Wörter im Deutschen zu verstehen, das Thema Demokratie, das ABC des Kochens und erste Schritte am Computer.

Wer nicht lesen kann, ist ausgegrenzt

Wer nicht lesen kann, ist ausgegrenzt. Doch Analphabeten sind schwer zu erreichen, zumal Freunde, Bekannte und manchmal sogar die Angehörigen nichts von der Schwäche wissen. Und wer davon ahnt, tut sich schwer damit. Die Volkshochschule will Menschen deshalb für das Problem sensibilisieren. Beim Kurs „Nur Mut!- Funktionale Analphabeten als Kunden erkennen, ansprechen und vermitteln“ sollen Tipps und Hinweise zum Umgang mit den Betroffenen vermittelt werden.

Der Weg führt über Famile und Freunde

Dass es ohne Vermittlung schwer wird, den Personenkreis zu erreichen, weiß auch die Volkshochschule. In der Kursbeschreibung der Lese- und Schreibwerkstatt wendet sich die VHS deshalb direkt an Bekannte und Familien der Betroffenen: „Bitte informieren Sie sie über dieses Angebot. In einem geschützen Umfeld üben Menschen mit ähnlichen Schwierigkeiten zusammen.“ Im Kurs kann sich jeder die Zeit nehmen, die er persönlich braucht. Das Angebot ist fortlaufend, ein Einstieg also jederzeit möglich. Mut, Vertrauen und Verschwiegenheit seien dabei besonders wichtig.

„Die Idee ist, eine gute Beziehung aufzubauen und auch dabei zu bleiben“, sagt Volkshochschulleiterin Stefanie Köhler. Zwar sei der Kurs nicht gebührenfrei, die VHS bemühe sich derzeit aber um Fördermittel. Im Gegensatz zu anderen VHS-Kursen gibt es auch keine Mindestteilnehmerzahl. Los geht’’s, auch wenn nur ein Teilnehmer am Start ist.

Auftakt des neuen Schwerpunktthemas Grundbildung der VHS Unteres Remstal ist am Freitag, 17. Februar,  um 13 Uhr im Foyer der VHS, Bürgermühlenweg 4.

Das Alfa-Mobil, das deutschlandweit unterwegs ist, um Werbung für Lese- und Schreibkurse zu machen, wird an diesem Tag vor Ort sein und über Alphabetisierung und Grundbildung informieren. Es gibt einen Fachvortrag, aber auch ein ehemaliger Betroffener wird von seinem Weg in die Bildung erzählen. Als Beiprogramm gibt es den Workshop Schriftenzauber zum Handlettering in Kooperation mit der Kunstschule Unteres Remstal – eine Gelegenheit, sich einmal auf andere, dekorative Weise mit Buchstaben zu beschäftigen.

Noch immer ist Analphabetismus ein Tabuthema. Zu sehen ist deshalb die Ausstellung „Wie lebt es sich in einer Welt ohne Buchstaben? Lebenswelten funktionaler Analphabeten”. Entwickelt wurde das Projekt in Zusammenarbeit mit der Designerin Katrin Wassen für den Strafvollzug und die Straffälligenhilfe entwickelt.

Viele Menschen mit Lese- und Schreibproblemen verbergen ihre Schwierigkeiten. Sie befürchten, bloßgesellt zu werden. Für sie heißt das: nicht auffallen und die Ausbildung, Freundschaften oder sogar ihre Partnerschaft riskieren. Der Informationsstand darüber ist in unserer Gesellschaft gering. Die Ausstellung zeigt alltägliche Herausforderungen für funktionale Analphabeten. Die Bildmotive wurden mit den Betroffenen abgestimmt.

Schirmherr der Initiative ist Landrat Richard Sigel.