Waiblingen

Die wiederentdeckte Heimat

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Die gebürtige Iranerin Soheyla Mielke ist 2004 mit ihrer Familie nach Iran gereist – zum ersten Mal seit 14 Jahren. © Eduard Mielke
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Soheyla Mielke im Einkaufszentrum Paladium in Teheran. © Christiane Widmann
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Urlaub 2005 Iran
Der Wildbach in Darband, einem Stadtteil im Norden von Teheran, bildet den Anfangspunkt eines beliebten Kletter- und Wanderweges. © Christiane Widmann
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Verschiedenste Tücher und Stoffe können auf dem Basar in Schiras erstanden werden. © Eduard Mielke
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Bunt und kostbar hat das Grand Hotel in Schiras seinen Neujahrstisch geschmückt. © Christiane Widmann
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Mielke und ihre Familie beim Besuch des Grabs des Dichters und Mystikers Hafis in Schiras. © Christiane Widmann
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Urlaub 2004 Iran
Der schiraser Dichter und Mystiker Hafis wird von einigen Iranern zutiefst verehrt - auch von einem Verwandten Mielkes. © Christiane Widmann
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Der Islam hat freilich seinen Platz im Alltag: Hier ein Gebetssaal der Nasir-ol-Molk-Moschee in Schiras. © Christiane Widmann
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Die Moscheen sind zum Teil aufwendig gestaltet: Hier ein verspiegelter, glänzender Raum in der Sayyed-Alaeddin-Hossein-Moschee bzw. des gleichnamigen Mausoleums. © Christiane Widmann
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Nicht selten hat Soheyla Mielke in Iran Gastfreundschaft erfahren, zum Beispiel bei Einladungen zum gemeinsamen Essen. © Christiane Widmann
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Eine der Sehenswürdigkeiten in Iran: Die Ruinen des Rudkhan-Schlosses im Norden des Landes, erbaut im ersten Jahrhundert nach Christus. © Christiane Widmann
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Urlaub Iran 2005
Der Amir-Kabir-Stausee nordwestlich von Teheran. © Eduard Mielke
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Soheyla Mielke in einem Museumsdorf bei Rascht, der Hauptstadt der Provinz Gilan. Diese liegt im Norden des Landes, an der Küste des Kaspischen Meeres. © Christiane Widmann
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Urlaub Iran 2004
Das private königliche Bethaus Masdsched-e Scheich Lotfollah ist einer der Blickfänge am Naqsch-e-Dschahan-Platz in Isfahan. © Christiane Widmann
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Ein Unesco-Weltkulturerbe: Der Naqsch-e-Dschahan-Platz, auch Platz des Imams, im historischen Zentrum der Stadt Isfahan. © Christiane Widmann
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Soheyla und Eduard Mielke in einem Restaurant in Isfahan - einem der Restaurants, die ohne Tische arbeiten. © Christiane Widmann
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Iraner lieben es zu picknicken, sagt Mielke. © Christiane Widmann
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Das Elburshochgebirge im nördlichen Iran liegt zwischen dem Kaspischen Meer und dem Persischen Hochland. Die Hauptstadt Teheran grenzt unmittelbar an die Südhänge des Elburs an. © Christiane Widmann
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Neben Meeresküsten und Gebirgen ist die Landschaft von Wüstenstreifen geprägt. Doch auch dort finden sich Seen: Hier der Maharlusee, ein Salzsee nahe Schiras. © Christiane Widmann
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Urlaub 2012 Iran
Masuleh, ein Dorf in der Provinz Gilan, hat eine besondere Bauweise: Jedes Dach ist zugleich Gehweg der nächsthöheren Ebene. © Christiane Widmann
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Blütenpracht: ein Tulpengarten in Iran. © Christiane Widmann
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Am Naqsch-e-Dschahan-Platz, dem "Platz des Imams" in Isfahan, ist diese Aufnahme der Familie Mielke und zweier iranischer Verwandter entstanden.

Korb. US-Präsident Donald Trump ruft nach neuen Wirtschaftssanktionen, Amnesty International pocht auf eine Stärkung der Menschenrechte, das Auswärtige Amt mahnt Reisende zu äußerster Vorsicht: Schon nach einem kurzen Blick ins Internet ergibt sich kein gutes Bild vom öl- und konfliktreichen Iran. Diesem einseitigen Eindruck will Soheyla Mielke, Leiterin der VHS-Außenstelle Korb und gebürtige Iranerin, neben einer Vortragsveranstaltung auch ihre eigenen Erfahrungen entgegensetzen.

Aus zwei zierlichen Teegläsern steigt Dampf auf; daneben liegen Kandisspieße auf einem kleinen Tellerchen. Persischen Tee hat Soheyla Mielke für das Gespräch mit unserer Zeitung zubereitet, ganz klassisch im Samowar, einer bauchigen Teemaschine. Mielke liebt es, ihn mit Kardamom, Zimt oder Safran ziehen zu lassen. Oder mit Rosenblättern, dem Wahrzeichen ihrer Geburtsstadt Schiras. Diese 1,87-Millionen-Stadt im Süden Irans ist nämlich bekannt für ihre Rosenzüchtungen und ihre Blumenvielfalt; sie wird auch „Garten des Irans“ genannt.

Schwer vereinbar mit diesen Anklängen an den fernen Orient ist es, als Soheyla Mielke sagt, was ihrer Ansicht nach nicht wenige Menschen über die Einwohner von Iran denken: „Teufel“, „islamische Fanatiker“, „rückständig“. Doch so sind die Iraner nicht – nicht in Mielkes Augen, nicht in ihrer Erfahrung.

Mielke war 19 Jahre alt, als die Islamische Revolution ausbrach

Die politischen Entwicklungen gingen natürlich nicht spurlos an ihr vorbei. Als Mielke 19 Jahre alt war, erlebte sie die islamische Revolution, den Sturz des Schahs und die Einrichtung der Islamischen Republik Iran: einem totalitären System mit Religionsführer und Wächterrat an der Spitze, strengen Sitten und Gesetzen. Vier Jahre später zog sie nach Deutschland: In der neuen Republik hatte sie nicht studieren dürfen, da sie die nötige Gesinnungsprüfung nicht bestanden hatte – also „nicht regierungskonform“ war, sagt Mielke. In Iran habe sie da keine Zukunft mehr gesehen

In und um Stuttgart baute sie sich ein neues Leben auf: Die gelernte Buchhalterin ließ sich zur Fremdsprachenkorrespondentin ausbilden. Sie begann beim Caritas-Verband und nebenberuflich als Dolmetscherin zu arbeiten. 1989 zog sie nach Weinstadt. Im Jahr 2000, nach einem Intermezzo als Studentin und der Geburt ihrer beiden Kinder, nahm Mielke eine Stelle als Sprachlehrerin bei der Volkshochschule Unteres Remstal an. 2002 wurde sie zur Leiterin der Außenstelle Korb ernannt. „Heimat im Herzen und im Kopf“ war Deutschland da schon längst: das Land, in dem ihr Leben stattfand und mittlerweile all ihre Geschwister und ihre Mutter wohnten.

Rückkehr in die alte Heimat

Erst 2004 reiste Mielke mit ihrem Mann und ihren Kindern nach Iran, auf deren Drängen hin. Zuvor war sie nur ein einziges Mal zurückgekehrt: 1990, zur Beerdigung ihres Vaters. Dieser Besuch schreckte sie für lange Jahre davon ab, wiederzukehren; der erste Golfkrieg, touristischer Boykott sowie die strengen Regeln im öffentlichen Leben hatten Land und Leute gezeichnet.

Doch bei dieser und den folgenden Urlaubsreisen entdeckte Mielke „ein ganz neues Gesicht“: „Einen offenen, fröhlichen Iran, so wie ich das gekannt habe und geliebt habe.“ Seither fühlt sie sich dem Land wieder verbunden, mit seinen Gebirgen, Wüsten, Wäldern, Teeplantagen, Skigebieten, Nationalparks, Kulturdenkmälern und schirasischen Gartenrestaurants.

Das Doppelleben der Iraner: Öffentliche Strenge, private Freiheit

Natürlich, die strengen Verhaltensregeln in der Öffentlichkeit galten und gelten in Iran weiterhin. Keinerlei Körperkontakt zwischen Mann und Frau; langärmelige Kleidung und Kopfbedeckungen für Frauen, lange Hosen für die Männer; kein Singen, kein Tanzen, kein Alkohol, bloß keine Drogen: Alles Dinge, auf die Bürger und Touristen tunlichst achten sollten, wenn sie Ärger vermeiden wollen. Ein Rüffel von Sittenwächtern ist da noch milde; je nach Vergehen kann es auch völlig unverhältnismäßige Strafen wie Inhaftierung und Auspeitschungen geben.

„Das ist sehr traurig, aber das ist die Wahrheit“, sagt die 56-Jährige. Doch dem gegenüber steht die Freiheit im Privaten: das „Doppelleben“ der Iraner, in dem freizügige Kleidung getragen und Partys gefeiert werden können. Selbst wenn sich nur zwei Familien treffen, werde musiziert, getanzt und gescherzt.

Die Welt wird mit offenen Armen empfangen

Und wer sich an die Regeln halte, für den sei Iran ein sehr sicheres Urlaubsland. Seit das Atomabkommen zwischen Iran und den fünf UN-Vetomächten China, Frankreich, Großbritannien, Russland und USA sowie zusätzlich Deutschland abgeschlossen wurde und 2016 die Wirtschaftssanktionen gegen das Land aufgehoben wurden, kommen wieder Touristen und ausländische Unternehmen ins Land. „Die Welt geht in den Iran“, sagt Mielke, „und wird mit offenen Armen empfangen.“

Die Iraner zeigten sich dabei als lebensfrohe, freundliche Menschen. Und als „Paradebeispiel für Gastfreundschaft“, sagt Mielke: Sie selbst, ihr Mann und ihre Kinder seien schon oft auf unaufdringliche Weise zu Stadtführungen oder zum Essen eingeladen worden. Dabei gäbe es für die Iraner mit klassischen Touri-Angeboten und -Preisen durchaus etwas zu verdienen.

Diese Gastfreundschaft sei nicht mit Hintergedanken verbunden, sondern mit der Neugierde auf die weite Welt außerhalb der Landesgrenzen. „Und das sage ich nicht, weil ich Iranerin bin“, betont Mielke. Den Menschen gehe es darum, sich von ihrer besten Seite zu zeigen; zu zeigen: Wir sind nicht die „Teufel“, die strengen Zuchtmeister, die alle einsperren wollen.

Mystik, Dichtkunst und Picknick

Stattdessen seien die Iraner Rosengärtner; und sie seien Liebhaber von Poesie. Beispielsweise spielten sie „Reden in Versform“: ein Gespräch bestehend aus nichts als Dichterzitaten, beginnend mit dem letzten Buchstaben des letzten Zitats. Besonders gelte das wieder für die Schiraser, da aus ihrer Stadt der berühmte iranische Dichter und Mystiker Hafis stammt. So sehr wird er verehrt, dass es sogar Schreine für ihn gibt. Manche schlügen seine Bücher an zufälligen Stellen auf, um eine Weisung für Entscheidungen oder drängende Fragen zu erhalten, berichtet Mielke.

Auch picknicken gehen Iraner gern. An freien und an Feiertagen machen sie dann Ausflüge, mit Grill, Wasserpfeife und Kartenspielen im Gepäck. Und natürlich mit gewürztem persischen Tee, zubereitet im Samowar.


Iraner feiern den Frühjahrsbeginn mit dem persischen Neujahrsfest, und zwar „auf die Sekunde genau“, sagt Soheyla Mielke. Obwohl es ein rein heidnisches Fest sei, drückten an diesem Tag auch Sittenwächter ein Auge zu.

Der wichtigste weltliche Feiertag in Persien war das Fest „Nouruz“ (persisch „Neuer Tag“). Noch heute schmücken Iraner, aber auch beispielsweise Kurden, zu diesem Anlass aufwendig einen Neujahrstisch.

Sieben Dinge, die im Persischen mit „S“ beginnen, gehören darauf. Beispielsweise Eier als Symbol des Lebens, Äpfel für die Gesundheit, Kerzen für Licht, Goldmünzen als Zeichen von Reichtum, Hyazinthen, Knoblauch, Gewürz oder Essigwein. Dazu legen religiöse Menschen beispielsweise einen Koran. Es kann aber auch ein anderes Buch sein; einige Schiraser greifen Mielke zufolge auch zu Gedichtbänden des persischen Dichters Hafis, der sehr verehrt wird.

Zusätzlich werden auf einem Teller Keimlinge eingesät: etwa Kresse, Tafellinsen oder Weizen. Diese werden 13 Tage lang stehen gelassen und gegossen. Am 13. Tag verlassen Iraner das Haus – es bringe Unglück, daheim zu bleiben, so der Aberglaube. Bei diesem Ausflug soll dann das Tellergewächs in fließendes Wasser gegeben werden, als Geschenk an die Natur.

Vortrag

  • Um die Gegensätze, die Iran landschaftlich und gesellschaftlich prägen, geht es beim Bildervortrag „Iran: Islamischer Gottesstaat und jahrtausendealte Kultur“ der Korber Volkshochschule.
  • Er findet am Freitag, 17. November, von 20 Uhr an im Feuerwehrgerätehaus (Siemensstraße 15) statt. Der Eintritt kostet fünf Euro.
  • Roland Reinberger führt von Teheran entlang der großen Wüsten zu kulturgeschichtlichen Sehenswürdigkeiten nach Kaschan, Kerman, Yazd, Schiras, Isfahan und Persepolis.
  • Die Veranstaltung ist Auftakt einer Reihe: Am 1. Dezember folgt der Vortrag „Oman: Land der Weihrauchstraße“, am 1. Februar „Jordanien: Im „Königreich der Haschemiten“.

Weiterlesen:

Ganz Vorderasien haben Abenteurer aus dem Remstal bereist: Gunther Mack und Patrick Brühl im VW Bus, Andreas Beutelspacher mit dem Motorrad. Sie berichteten unserer Zeitung von ihren aufregendsten und denkwürdigsten Erlebnissen.