Waiblingen

Diebe lieben BMW

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Ausgebildete Diebe wissen genau, wo welche Schrauben sitzen. Sie bauen solch ein Lenkrad innerhalb kürzester Zeit aus. © Büttner / ZVW

Waiblingen. Das Landeskriminalamt geht „absolut von einer Bandenstruktur aus“: In schöner Regelmäßigkeit verschwinden aus teuren Autos, gern aus BMW, Lenkräder und Navigationsgeräte. Jüngst waren Diebe in Schwaikheim unterwegs.

Ein Blick in die Datenbank der Polizeimeldungen bundesweit zeigt: Im ganzen Land brechen Ganoven immer wieder nicht nur, aber gefühlt besonders oft BMW auf. Sie bauen hochwertige Multifunktionslenkräder, Bedienelemente oder Navigationsgeräte fachmännisch aus.

Ganoven schlagen gezielt zu

In Paderborn bockten jüngst dreiste Diebe im Hof einer Autovermietung einen BMW auf, montierten alle Alu-Räder ab und verschwanden unerkannt. Ganoven nehmen BMW-Autohäuser ins Visier, kundschaften dort gezielt die Überwachung aus, checken die Fluchtwege, die Entfernung zur nächsten Polizeidienststelle – und schlagen dann gezielt zu.

Zurück zum Rems-Murr-Kreis. Die jüngste Meldung dieser Art veröffentlichte die Polizei am 8. Mai: In der Nacht davor hatten sich Unbekannte an mehreren Fahrzeugen in Schwaikheim zu schaffen gemacht. Diebe hatten Autoscheiben eingeworfen und hochwertige Einbauteile geklaut. Bevorzugt aus BMW. Am 5. Mai meldete die Polizei zwei ähnliche Fälle aus Schorndorf.

In der Nacht zum 4. Mai waren dort bereits mehrere BMW aufgebrochen worden. „Wieder teure Autoteile weg“ titelten wir bereits Ende April: In der Nacht auf 24. April waren erneut Autoknacker unterwegs gewesen, damals schon in Schwaikheim. Sie interessierten sich besonders für X-Modelle und 5er-Serien, schlugen Dreiecksfenster ein und bedienten sich großzügig am Equipment im Innern der Fahrzeuge. Die Polizei schätzte den Schaden seinerzeit auf rund 28 000 Euro.

Teurer Mercedes ist nahe Tschechien wieder aufgetaucht

In Winnenden gaben sich Diebe vergangene Woche nicht mit hochwertigen Einbauteilen zufrieden. Sie nahmen das ganze Auto mit; in diesem Fall war’s ein Mercedes S-Klasse, Wert: 100 000 Euro. Wenig später stellte die Polizei den Wagen in Tschechien nahe der polnischen Grenze sicher. Ein anderer Fall passt zwar nicht ganz in diese Reihe, fällt aber trotzdem auf wegen der Dreistigkeit und der Höhe des Schadens: Einbrecher haben kürzlich aus einem Fellbacher Fahrradladen 40 Luxus-Räder im Wert von insgesamt 150 000 Euro gestohlen (wir haben jeweils berichtet).

Diebstähle dieser Art begeht kein Einzeltäter. Das riecht nach organisierter Bandenkriminalität, und um dieses Feld kümmert sich das Landeskriminalamt in Stuttgart. Pressesprecher Ulrich Heffner berichtet von Fällen aus der jüngeren Vergangenheit, bei denen der Anteil von Polen und Litauern an den Tatverdächtigen „auffällig“ gewesen sei. Die Vorgehensweise lasse eindeutig auf Bandenstrukturen schließen: Zielgerichtet, professionell und schnell verrichten die Täter ihren Job.

„Nicht so stark belastet wie andere Landkreise“

Der Rems-Murr-Kreis ist laut Ulrich Heffner „nicht so stark belastet wie andere Landkreise“. Präsidien wie Karlsruhe und Mannheim, natürlich bedingt durch die städtische Struktur, sind „um ein Vielfaches höher betroffen“, sagt Heffner.

Stark belastete Dienststellen gründen mitunter eigene Ermittlungsgruppen, um sich diesem speziellen Kriminalitätsfeld intensiv zu widmen. Solche Ermittlungsgruppen fahren dann auch Erfolge ein – doch heißt das noch lange nicht, dass eine Bande gleich komplett zerschlagen wäre.

„Man braucht schon Geduld“

Entweder kennen Geschnappte die Hintermänner gar nicht, oder sie hüllen sich – wenn wundert’s – in Schweigen. „Man braucht schon Geduld“, umschreibt Ulrich Heffner die Sachlage. Einer Festnahme folgen Auswertungen beispielsweise des Smartphones eines Tatverdächtigen in der Hoffnung, Spuren führen zur nächsten Stufe in der Täterhierarchie. Mag sein, ein Autoknacker ist nur für eine Diebstahlserie eingereist und trägt zur Aufklärung kaum bei.

Wohin all die BMW-Multifunktionslenkräder verschwinden und wer sie kauft, bleibt oft im Dunkeln. Dass es einen lukrativen Markt dafür gibt, steht fest, sonst würden sich Diebe die Mühe nicht machen.

Preise bewegten sich zwischen 60 und 350 Euro

Auf einer bekannten Online-Plattform bieten eine Menge Verkäufer gebrauchte BMW-Lenkräder für diverse Modelle an. Dass das eine oder andere aus dunklen Geschäften stammen könnte, ist nicht bewiesen. Autoersatzteilhändler nutzen natürlich solche Plattformen, um einen möglichst großen Kundenkreis zu erreichen. BMW-Lenkräder sind dort in großer Zahl erhältlich; allein eine Momentaufnahme am Dienstagvormittag förderte vier ganz neu veröffentlichte Angebote zutage. Die Preise bewegten sich zwischen 60 und 350 Euro.

Ein neues BMW-Multifunktionslenkrad kostet je nach Ausstattung und Modell mehrere Hundert Euro – oder 1400 Euro, wie beispielsweise das M-Performance- Lenkrad M Alcantara mit Carbonblende und Race-Display, das laut Anbieter „Motorsportatmosphäre“ ins Auto zaubert. Hochwertige, fest installierte Navigationssysteme in BMW kosten leicht um die 800 Euro – das variiert je nach Modell.

Jeder Ersatz bringt BMW Geld

In Internet-Foren zeigen sich BMW-Liebhaber oder Teilnehmer, die sich als solche ausgeben, enttäuscht von der Münchner Marke: „Wozu sollte BMW auch etwas an der Diebstahlsicherheit ändern“, jeder Ersatz bringe dem Unternehmen Geld, heißt es dort.

Dem widerspricht natürlich das Unternehmen. Beispielsweise hätten sich die Sicherheitssysteme, die vor widerrechtlichem Neu-Einbau eines gestohlenen Navigationsrechners schützen sollen, seit Juli 2015 kontinuierlich verbessert, versichert Pressesprecher Dieter Falkensteiner. Weitere Komponenten wie Lenkräder würden nach und nach in dieses System eingebunden. Nachrüstungen geklauter Komponenten seien erheblich erschwert.

Bei Dieben beliebt

  • Diebe schätzen nicht nur BMW-Teile – auch beim Komplett-Auto-Klau liegt BMW stets weit vorn.
  • In der 2015er-Liste der meistgeklauten Autos, jedes Jahr herausgegeben vom Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft, belegt der BMW X6 XDrive Platz zwei. Auf Platz eins steht der Range Rover 3.0 TD. Unter den ersten zehn sind in dieser Liste mehrere Audi- sowie weitere BMW-Modelle zu finden.