Waiblingen

Diesel-Fahrer: Verbote lassen sich nicht durchsetzen

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Symbolfoto. © Sarah Utz

Waiblingen. Politiker und Autobauer diskutierten beim Dieselgipfel über schädliche Abgase und Fahrverbote. Am Ende sind es aber die Autofahrer, die von möglichen Verboten betroffen sein werden. „Fahrverbote mit lauter Ausnahmen von der Ausnahme?“, daran glaubt der Fahrlehrer Josef Dürr aus Waiblingen nicht.

Bisher ging es bei der Diesel-Diskussion um mögliche Fahrverbote wegen der hohen Feinstaubbelastung und eine neue, blaue Plakette, mit der viele Autos nicht mehr in Städte mit Umweltzonen fahren dürften. Mit dem Abgas-Skandal kam ein neuer Grund dazu: die Luftbelastung durch Stickoxide. Der Ausstoß dieser Atemgifte soll durch ein Software-Update bei Fahrzeugen mit den Schadstoffklassen Euro-5 und -6 um 25 bis 30 Prozent zu reduziert werden. So lautete der Kompromiss zwischen Politik und Autoindustrie kürzlich beim Dieselgipfel.

Es könnte viele treffen, die finanziell ohnehin nicht gut aufgestellt sind

„Aus technischer Sicht bei Euro-5 sicherlich machbar. Aber wenn das alles so einfach wäre, hätte man es ja vorher schon machen können“, gibt Tankstellenbesitzer Frank Gehring zu bedenken. „Es sind ja auch noch viele Euro-1, -2 und -3-Modelle unterwegs. Und was machen die Leute? Diese Autos werden ja automatisch unverkäuflich.“ Es könnte viele treffen, die finanziell ohnehin nicht gut aufgestellt sind, gibt der Betreiber der Avia-Tankestelle an der Querspange in Waiblingen zu bedenken.

Wer ein solch älteres Modell fährt, hat bei möglichen Fahrverboten schlechte Karten. Mit dem einfach Software-Update für rund 100 Euro wäre es hier nicht getan. Bei Euro-4-Dieseln gibt es offenbar Lösungen, die erfordern aber bauliche Veränderungen mit Kosten zwischen 1500 und 2000 Euro.

„Es geht um die Gesundheit“

Zwar wollen die Autohersteller beim Kauf eines Neuwagens Prämien für Diesel der Schadstoffklasse Euro-4 zahlen, doch der Neuwagenkauf kommt aus finanziellen Gründen nicht für alle in Frage. „Mein Sohn ist noch in der Ausbildung, er fährt einen alten Diesel und muss jeden Tag durch Stuttgart. Für Jugendliche mit 400 Euro Gehalt oder Studenten wird es dann echt schwierig“, befürchtet Michael Schöllkopf, der nach Feierabend zur Tankstelle an der Querspange gefahren ist. „Dafür müsste es dann Ausnahmegenehmigungen geben. Trotzdem sollte jeder machen, was er kann – wenn er kann. Da geht es jetzt um die Gesundheit.“ Ein anderer Tankstellen-Kunde wendet ein, dass es auch für ihn als Unternehmer existenzgefährdend sei, wenn seine Firmenfahrzeuge plötzlich nicht mehr in die Stadt fahren dürften. Seine Konsequenz: Privat nicht mehr nach Stuttgart fahren.

Unverständnis: Autohersteller sollten für den Betrug aufkommen

Auch Nicole Wartbiegler, die südlich von Stuttgart wohnt und in Waiblingen arbeitet, stünde mit ihrem Diesel vor einem großen Problem. „Ich werde aber erst einmal abwarten. Ich glaube nicht, dass da so bald etwas kommt.“ Darauf hofft auch Manuel Weiß, der am Freitagmorgen bei Shell in der Mayenner Straße tankt: „Natürlich, ich möchte saubere Luft atmen. Aber warum soll ich dann für den Betrug der Autohersteller aufkommen? Das sollen diejenigen zahlen, die dafür verantwortlich sind.“ Er fährt ebenfalls einen Diesel, der mit der grünen Plakette für die Schadstoffklasse 4 gekennzeichnet ist.

Wegen der Umwelt von Diesel- auf Hybridfahrzeuge umgestiegen ist die Firma, bei der Michael Weber arbeitet. Der Altbestand ist trotzdem nachgerüstet worden. Aus dem gleichen Grund fährt er auch privat keinen Diesel.

Für Strecken in die Umweltzone ein Auto leihen

Helmut Spannfellner kann nicht umsteigen, für seinen Pick-up gibt es seiner Meinung nach keine sinnvolle Benziner-Alternative. „Man kann den ja nachrüsten. Mit diesem Adblue, also mit dieser Harnstoffeinspritzung. Dann ist der NOx-Ausstoß viel geringer wie jetzt.“ Wenn Fahrverbote kommen sollten, wird er überlegen nachzurüsten oder für Strecken in die Umweltzone das Auto von einem Familienmitglied zu leihen.

Dass sich Fahrverbote tatsächlich umsetzen lassen, daran glaubte keiner der von uns an den Waiblinger Tankstellen Befragten. Fahrlehrer Josef Dürr geht davon aus, dass die Autoindustrie dann ein mächtiges Problem wegen Schadensersatzforderungen hätte: „Ob sich das durchsetzen lässt? Ich kann es mir nicht vorstellen. Eher geht der Diesel jetzt voll den Bach runter, weil keiner mehr einen kauft. Aber Fahrverbote mit lauter Ausnahmen von der Ausnahme? Daran glaube ich nicht.“


Der aktuelle Stand

Der Diesel-Gipfel hatte das Ziel, Fahrverbote zu vermeiden, doch noch sind sie nicht vom Tisch.

Daimler, VW, BMW und Opel übernehmen die Kosten für die Umrüstung mit einem Software-Update für Euro-5- und Euro-6-Diesel bei insgesamt rund fünf Millionen Autos. Darin sind bereits die Fahrzeuge enthalten, die nach dem Abgas-Skandal ohnehin nachgerüstet werden müssen.

Eine Umrüstung bei Fahrzeugen der Schadstoffklasse 4 ist zwar möglich, aber teuer. Zwischen 1500 und 2000 Euro kosten die erforderlichen baulichen Maßnahmen am Motor. Hier zahlen die Autobesitzer selbst.

Die Autobauer stellen als Anreiz für einen Neuwagenkauf teilweise Prämien bei der Rückgabe eines Euro-4-Diesels in Aussicht. Staatliche Prämien wird es nicht geben.

Mit der finanziellen Beteiligung der Autoindustrie will die Bundesregierung einen Fonds für „Nachhaltige Mobilität für die Stadt“ mit 500 Millionen Euro ausstatten.