Waiblingen

Dohlen gegen Taubenplage in Bittenfeld: Hilft das wirklich - und wäre ein preisgünstiger Taubenschlag eine Alternative zum Taubenturm?

Taubenturm
Thomas Porada, hauptberuflich Bibliothekar, engagiert sich ehrenamtlich für den Waiblinger Taubenturm. Das Bild stammt von Ende August 2020. © Gabriel Habermann

Mit der Ansiedlung von Dohlen will die Ortschaftsverwaltung von Bittenfeld gegen die vielen Tauben bei der Schillerschule vorgehen. Sie folgt damit dem Rat von Bruno Lorinser, dem Vorsitzenden des Naturschutzbundes Waiblingen, kurz Nabu. Dieser hatte das Anbringen von Nistkästen in der Sitzung des Ortschaftsrats im Dezember 2020 empfohlen und es mit aus seiner Sicht erfolgreichen Beispielen begründet – unter anderem bei der Martinskirche in Neustadt und einem Werk der Firma Stihl in Neustadt.

Daraufhin gab es Kritik vom Tierschutzverein Waiblingen, der den 2019 fertiggestellten Waiblinger Taubenturm betreut. Lorinser verteidigte sich dagegen – doch nun legen die Kritiker nach. Außerdem unterbreiten sie einen Gegenvorschlag, der preiswerter als ein Taubenturm ist: ein Taubenschlag.

Kritik an Ortschaftsrat und Ortschaftsverwaltung von Bittenfeld

Die Idee stammt von Thomas Porada. Er war einst das Gesicht der Initiative „Pro Aschenputtels Helfer“, die mittlerweile Teil des Tierschutzvereins Waiblingen und Umgebung ist. Porada findet: Bevor sich der Ortschaftsrat von Bittenfeld und die Ortschaftsverwaltung für die Ansiedlung von Dohlen entscheiden, sollten diese sich verschiedene Meinungen anhören. „Dies ist nicht passiert und das ist nicht souverän. Ein weiteres Beispiel dafür, dass bei Stadttauben Entscheider nicht nachhaltig denken und entscheiden, sondern Aktionismus gefragt ist, wohl auch, um die Bürger zu beruhigen.“

OB Andreas Hesky sagte 2019: „Die Tauben gehören zum Stadtbild“

Aus Poradas Sicht sollte sich die Bittenfelder Verwaltung an der Klugheit ihres Oberbürgermeisters Andreas Hesky ein Beispiel nehmen, der im September 2019 bei der Eröffnung des Waiblinger Taubenturmes Folgendes sagte: „Die Tauben gehören zum Stadtbild.“ Es dürften halt nur nicht so viele sein, wie es momentan noch der Fall sei.

Taubenschlag: Halb so viel Aufwand wie bei einem Taubenturm

Für das Putzen, Wasser und Futter für den Waiblinger Taubenturm braucht Thomas Porada nach eigenen Angaben mindestens 1,5 Stunden. „Nach oben hin sind keine Grenzen gesetzt, wenn ich zum Beispiel nass wische, Streu austausche oder desinfiziere. Andere brauchen allerdings weniger Zeit.“

Bei einem ebenerdigen Taubenschlag, wie ihn Porada als kostengünstige Alternative für Bittenfeld vorschlägt, würde manches leichter sein: Der zeit- und kraftaufwendige Auf- und Abstieg sowie der Transport von Wasserbehältern und Futtertrögen sowie von Streu und Nistmaterial über die Turmwendeltreppe entfallen. „Bei einem ebenerdigen Schlag benötigt für eine normale Reinigung sogar so ein pingeliger Putzer wie ich höchstens circa 45 Minuten.“

Vorbild Esslingen

Horst Müller, Taubenwart in Esslingen, hat seit vielen Jahren Erfolge mit der Reduzierung des Taubenbestands durch betreute Taubenschläge. Er bietet der Ortschaftsverwaltung von Bittenfeld und den Ortschaftsräten an, sich bei ihm direkt zu informieren (07 11/3 45 40 05). Die Kosten für einen Taubenschlag beziffert er auf rund 10 000 Euro. Zum Vergleich: Für den Waiblinger Taubenturm waren knapp 50 000 Euro nötig. Wichtig ist laut Horst Müller, dass der Taubenschlag so aufgestellt wird, dass er vor Vandalismus geschützt ist.

Tierschutzverein Ludwigsburg: Dohlen sind keine Feinde der Tauben

Anne Pieplow ist Mitglied des Tierschutzvereins Ludwigsburg, ihr Fachgebiet sind seit einigen Jahren die Stadttauben und Wildvögel. Sie hält Bruno Lorinsers Konzept „Dohlen gegen Tauben“ für nicht zielführend. „Ich würde ja gern mal die genannten Plätze sehen, an denen es angeblich funktioniert haben soll, dass durch die Ansiedelung von Dohlen die Stadttauben verschwanden“, schreibt sie. Dohlen seien keine natürlichen Feinde der Tauben. Sie plünderten auch mal Nester – aber eine effektive Abwehrmaßnahme oder gar einen reduzierenden Effekt auf die Population hält Anne Pieplow für ausgeschlossen.

Beispiele: Bönnigheim und Obersulm

„In Bönnigheim leben seit einigen Jahren Dohlen in einem Turm, gleich daneben Hunderte Tauben. Daran hat sich nichts geändert.“ Und Anne Pieplow führt ein weiteres Beispiel an: In der Kirche im Ortsteil Wilsbach der Gemeinde Obersulm hätten Dohlen und Stadttauben sogar im selben Turm genistet – ebenfalls über Jahre.

Nicht nur Taubenkot ist eine Gesundheitsgefahr

Anne Pieplow erinnert zudem daran, dass nicht nur Taubenkot gesundheitsschädlich sein kann. Pilze können nach ihrem Wissen auf jeglichem Kot wachsen, wenn die Umgebungsfaktoren stimmen. „Und potenziell gefährlicher für den Menschen sind aus medizinischer Sicht immer die Ausscheidungen von Omnivoren/Karnivoren.“ Sprich: von Rabenvögeln wie den Dohlen. Anne Pieplow hält die Gefahr allerdings für vernachlässigbar, da kaum ein Mensch dem Kot von Stadttauben, Dohlen oder sonstigen wildlebenden Vögeln so nahe komme, um genügend Erreger oral aufzunehmen.

Vorwurf an den Waiblinger Naturschutzbund

Dem Waiblinger Nabu-Vorsitzenden Bruno Lorinser wirft sie vor, beim Thema Tauben entweder uninformiert zu sein oder nicht ganz objektiv. „Was mich vor allem wieder stört, ist der grundsätzliche Ansatz, das Problem zu verlagern, statt es an der Wurzel anzupacken.“ In einem Punkt stimmt sie mit Lorinser allerdings überein: Auch sie hält Dohlen für schützenswerte Vögel. Auch ihnen als Gebäude- und Höhlenbrütern fehle es immer mehr an geeigneten Niststandorten. „So ist die Anschaffung von Dohlenkästen doch sehr wünschenswert. Die Stadttaubenprobleme werden dadurch nicht verschwinden.“

Der Waiblinger Nabu-Vorsitzende Bruno Lorinser wehrt sich

Bruno Lorinser selbst verteidigt sich. „Zu den Äußerungen von Frau Pieplow kann ich nur sagen, dass man das im Einzelfall aufgrund der jeweiligen Gegebenheiten beurteilen muss. Unser Konzept hat jedenfalls immer und überall sehr gut funktioniert.“ Auch bei einem Taubenschlag gilt nach seinem Dafürhalten ebenso wie bei einem Taubenturm die Betreuung als offene Fragestellung.

Auch die Frage des Standorts müsste bei einem Taubenschlag geklärt werden – und des ehrenamtlichen Engagements. „Wer möchte einen solchen haben und betreuen? Noch hat der Nabu in Bittenfeld vor Ort keine Nistkästen aufgehängt. „Schon wegen Corona braucht es da keine überstürzten Aktionen.“

Was sagt die Ortsvorsteherin von Bittenfeld?

Die Bittenfelder Ortsvorsteherin Veronika Franco Olias betont, dass sie bereits ausführlich über die verschiedenen Lösungsansätze durch Bruno Lorinser informiert worden sei. „Ein Taubenschlag verursacht wie ein Taubenturm einen hohen Betreuungsaufwand. Wir waren dieser Lösung gegenüber nie abgeneigt, sofern sich ein geeigneter Platz und Ehrenamtliche finden, die die Betreuung und Unterhaltung des Taubenschlags leisten können. Dies hat sich bisher jedoch nicht abgezeichnet.“

Zusammenarbeit mit Nabu wird fortgesetzt

Vor der Anschaffung der Dohlennistkästen für Bittenfeld sind zunächst geeignete Standorte hierfür zu finden und auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen. „Dieser Prozess läuft derzeit“, betont die Ortsvorsteherin. Für die angestrebte Lösung mit den Dohlen gibt es laut Veronika Franco Olias genug Beispiele, dass es funktionieren kann. Der Ortschaftsrat verlässt sich auf die Erfahrungen des Nabu-Vorsitzenden. „Es gibt für den Ortschaftsrat keinen Grund, an der Expertise von Herrn Lorinser zu zweifeln und seinen Empfehlungen andere Expertenmeinungen entgegenzusetzen.“

In Anbetracht dessen hält die Ortsvorsteherin am geplanten Vorgehen und der Zusammenarbeit mit dem Nabu fest. „Wir sind jedoch, wie geschildert, grundsätzlich aufgeschlossen für den ehrenamtlichen Betrieb eines Taubenschlages.“

Mit der Ansiedlung von Dohlen will die Ortschaftsverwaltung von Bittenfeld gegen die vielen Tauben bei der Schillerschule vorgehen. Sie folgt damit dem Rat von Bruno Lorinser, dem Vorsitzenden des Naturschutzbundes Waiblingen, kurz Nabu. Dieser hatte das Anbringen von Nistkästen in der Sitzung des Ortschaftsrats im Dezember 2020 empfohlen und es mit aus seiner Sicht erfolgreichen Beispielen begründet – unter anderem bei der Martinskirche in Neustadt und einem Werk der Firma Stihl in

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