Waiblingen

"Don Kosaken“-Sänger schildert Lage in Ukraine: Er sei bereit zu kämpfen

Kossaken
Ein Konzert des „Don Kosaken Chors Serge Jaroff“ in der Michaelskirche im Jahr 2015. © Büttner

Eigentlich sollten sie am 14. Mai in Waiblingen singen, doch wegen des Kriegs können die „Don Kosaken Serge Jaroff“ nicht ausreisen. Die etwa 20 Männer sind Ukrainer - frühere russische Mitglieder sind vor Jahren altersbedingt ausgeschieden. Fast alle Sänger sind im wehrfähigen Alter. Sie dürfen das Land nicht verlassen. Einer hat uns seine Situation geschildert. Er sagt: Er sei professioneller Musiker, habe keine militärische Erfahrung - doch falls nötig, werde er die Ukraine mit der Waffe in der Hand verteidigen.

Der Mann, er ist Mitte 40, lebt in einer Großstadt in der Ukraine. Dort ist es momentan ruhig, doch es hat schon russische Angriffe gegeben, bei denen Menschen getötet wurden. Um die Identität des Sängers zu schützen, nennen wir ihn nur V. Das Gespräch läuft über einen verschlüsselten Messenger, mit Hilfe einer Übersetzungssoftware. V. berichtet: Er engagiere sich an der Heimatfront, unterstütze als Freiwilliger die Armee. Aktuell habe er aber um eine kurze Pause gebeten. Seine Familie sei im Ausland in Sicherheit. Er sei geblieben, um seinem Heimatland nützlich zu sein.

Derzeit ist er zu Hause, kann auch in seiner Wohnung schlafen statt in einem Keller oder Bunker. Lebensmittel, Wasser und Strom sind verfügbar. Deshalb helfe man von seiner Stadt aus den Menschen in den belagerten Orten, denen es viel schlechter geht. Wenn er über ihre Lage schreibt, kann man Wut und Verzweiflung deutlich herauslesen: Putins Armee töte nicht nur vorsätzlich Zivilisten, sie „vernichte“ alles.

Sänger will in „zivilisiertem Land“ leben, kein „Sklave“ sein

Falls er müsse, werde er für sein Land kämpfen. Für besonders mutig halte er sich deshalb nicht. Er wolle „in einem normalen, zivilisierten, europäischen Land leben!“, schreibt er. „Mit menschlichen Werten!“ Was er nicht will: „Sklave“ eines Gegners zu sein, der sich an keine humanen Regeln mehr halte.

Auf die Frage, ob er - als Musiker, der in Friedenszeiten in andere Länder reist, Menschen trifft, Lieder in russischer Sprache singt - glaubt, dass die Ukrainer den Russen trotz der Kriegsverbrechen irgendwann verzeihen können, schickt er als Antwort ein Facebook-Video. Es zeigt das zerstörte Mariupol. Er hoffe, dass die Frage rhetorisch gewesen sei, schreibt er dann. Auch, ob er selbst in der Zukunft wieder als Musiker arbeiten wird, könne er momentan einfach nicht beantworten, entschuldigt er sich. „Wahrscheinlich ja! Ich werde darüber nachdenken, wenn es Frieden ist!“

Viel Kontakt zu den anderen Sängern der „Don Kosaken“ habe er leider nicht, dazu habe er zu wenig Zeit. Seine Tür sei aber immer für die anderen geöffnet. „Was auch immer wir tun können, um zu helfen!“

"Viele wollen sofort raus", sagt die Managerin

Helfen will auch die deutsche Firma, die die Auftritte des Kosaken-Chors organisiert. Sie sitzt in Bayern, die Geschäftsführerin Petra Fischer-Reitmayr stammt aus Waiblingen. Sie und Chorleiter Wanja Hlibka sind ständig mit den Musikern in der Ukraine im Kontakt. Alle seien zwischen 20 und 60 Jahren alt, dürften nicht ausreisen, sagt Fischer-Reitmayr.

Nicht alle wollen aber kämpfen wie V. „Viele wollen sofort raus“, so die Managerin. „Einer hat versucht, aus Mariupol über russische Korridore rauszukommen, aber von der Botschaft hieß es, er soll das ja nicht machen - wer weiß, was sonst mit ihnen passiert.“ Seine Frau und seine Kinder seien nach Polen geflüchtet und dann weiter. „Aber er kommt einfach nicht raus.“ Manche sitzen in anderen Städten im Bunker, während bei einigen „nur die Fenster kaputt“ sind. „Wir versuchen, sie zu unterstützen, mit Geld und allem.“ Aber es helfe ja nur wenig. In Deutschland bringe eine Helferin die Familienangehörigen der Sänger unter.

Junger Tenor dürfte raus, will aber Mutter und Oma nicht zurücklassen

Auch einer der Musiker konnte ausreisen, da er über 60 Jahre alt ist. Er sei bei seiner Tochter in Frankreich. Ein anderer, jüngerer, sei nach dem letzten Konzert im Januar in Deutschland geblieben, um Freunde zu besuchen. Dann begann Moskau seinen Angriffskrieg. „Der ist dann nicht zurück“, so Petra Fischer-Reitmayr. Doch die anderen sind noch in der Ukraine. Ein junger Tenor, der für den Chor sehr wichtig sei, könnte wegen einer Krankheit vielleicht ausreisen. Doch der wolle seine Mutter und die schwerkranke Oma nicht zurücklassen.

Früher hätten sie alle von ihren Konzerttourneen gelebt. Doch schon durch Corona wurde das schwierig. „Einer fährt Taxi, einer fährt Essen aus, ein anderer Getränke. Einer gibt Gesangsunterricht“, zählt Fischer-Reitmayr auf. Wenn es nach ihr geht, sollen die Männer so bald wie möglich für Konzerte durch Europa reisen.

Darauf hofft auch der GTV Hohenacker, der das Konzert Mitte Mai veranstaltet hätte. „Wir hoffen sehr, dass es möglich sein wird, im Laufe des Jahres erneut ein Konzert planen zu können“, so die Vereinsvorsitzende Gerda Jasper.

Wenn Frieden ist. Und wenn die Männer dann noch auftreten wollen und können. Eines, sagt Petra Fischer-Reitmayr, eint die Sänger, die übrigens auch im Alltag überwiegend Russisch sprechen: „Die sind solche Patrioten. Die sagen: Wir gewinnen!“

Eigentlich sollten sie am 14. Mai in Waiblingen singen, doch wegen des Kriegs können die „Don Kosaken Serge Jaroff“ nicht ausreisen. Die etwa 20 Männer sind Ukrainer - frühere russische Mitglieder sind vor Jahren altersbedingt ausgeschieden. Fast alle Sänger sind im wehrfähigen Alter. Sie dürfen das Land nicht verlassen. Einer hat uns seine Situation geschildert. Er sagt: Er sei professioneller Musiker, habe keine militärische Erfahrung - doch falls nötig, werde er die Ukraine mit der Waffe

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