Waiblingen

Doof und arm dran – ein Betrugsprozess

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Waiblingen. Der eine Angeklagte ist so ergriffen vom eigenen Leid, dass ihm die Tränen kommen. Der andere nennt sich selber „doof“. Am Landgericht Stuttgart müssen sie sich verantworten wegen Betrugs: Sie sollen naiven Anlegern traumhafte Renditen versprochen und so 1,7 Millionen Euro eingesammelt haben.

„Letztlich war ich doof und blauäugig“, sagt Arnulf Hülf, 46 (alle Namen geändert), „oder wie meine Frau sagt: ein Riesentrottel.“ Der Mann lebt im Rems-Murr-Kreis und ist Anwalt von Beruf. Bei dem, was er „die Sache“ nennt, habe er mitgemacht, das stimme, und einen „Mangel an Sorgfalt räume ich vollständig ein“. Aber „ich habe hieraus keinen Vermögensvorteil erlangt!“

„Postnatale Depression“

Zu „der Sache“ will sich Frieder Nimm, 45, vorerst noch gar nicht einlassen – dafür legt er seine persönliche Geschichte ergreifend offen: Einen Autounfall habe er mal gehabt, auch einen Herzinfarkt. Dann lernte er seine Frau „kennen und lieben“, aber – er seufzt schmerzlich auf und muss sich sammeln – sie habe nach der Geburt der ersten Tochter eine „postnatale Depression“ erlitten. Und im Jahr 2013 sei die zweite Tochter gleich nach der Geburt – jetzt bricht die Stimme, ein Schniefen, eine Träne – „auf die Baby-Intensivstation“ gekommen, „da die Herztöne schwach waren“.

Ach herrje, ist das arme Ding gestorben? Das nicht, das Mädchen ist offenbar längst wieder wohlauf und munter. Aber neulich habe er mit ihr telefoniert, und sie habe gesagt: „Papa, ich liebe dich! Wann kommst du wieder?“ Womöglich nicht so bald. Derzeit arbeitet er in der Stammheimer Untersuchungshaft als „Wäscher. Kapo“.

Das Geld binnen weniger Wochen vervielfachen 

Arnulf Hülf und Frieder Nimm, der eine „ein Riesentrottel“, der andere ein Häuflein Elend – das wird ihnen vorgeworfen: Sie sollen an Anlage-Willige herangetreten sein mit dem Versprechen, das Geld binnen weniger Wochen zu vervielfachen.

Nimm habe dabei wahlweise als „Präsident“ einer „Ltd.“ mit Sitz in Dubai, Chef einer „Finanz AG“ in Sargans, Schweiz, „Geschäftsführer“ einer „Invest AG“ in Sankt Gallen oder Vertreter eines Investors aus den USA firmiert. Hülf habe gegenüber den Kunden den seriösen Sidekick gegeben, als treuhänderisch handelnder Rechtsanwalt.

Aber fällt darauf überhaupt jemand rein? Oh ja

Wundersame Geldvermehrung, El-Dorado-Renditen, Goldgräbergewinne in Zeiten des Nullzinses, das glaubt doch kein Mensch? Oh doch: Anleger von Kufstein bis Stuttgart gaben Summen verschiedener Größe, von 2000 bis 100 000 Euro. Zusammen kamen Einemillionsiebenhundertsiebenundvierzigtausend Euro.

Das Geld aber, glaubt die Staatsanwaltschaft, hätten die Angeklagten „absprachewidrig zur Bestreitung der privaten Lebensführung“ verwendet. Vor allem Frieder Nimm brauchte es offenbar dringend: Er hatte bereits 2009 eine eidestattliche Versicherung abgegeben, im Volksmund Offenbarungseid genannt. Pleite Hilfsausdruck.

Im Lauf der Jahre 500 000 Euro zusammengeschnorrt

Weshalb er nebenbei, wie die Staatsanwaltschaft vorträgt, im Lauf der Jahre bei Bekannten 500 000 Euro zusammenschnorrte und gelobte: Er werde nicht nur bald zurückzahlen, sondern die Darlehensgeber auch am Gewinn beteiligen – er habe da enorm erfolgversprechende Investmentprojekte am Laufen ...

Hülf räumt seine Rolle bei den Geschäften zumindest im Groben ein. Allerdings: Er will sich bei all dem nichts Böses gedacht haben. Er habe seine Mitwirkung schlicht als „juristische Dienstleistung im Rahmen des Mandatsverhältnisses“ verstanden. Ein Satz, der den Prozessbeobachter schwer ins Grübeln bringt: Versucht der Mann, seine Rolle kleinzureden? Oder hat seine Gattin einfach so was von recht?

Keine Zweifel am "realen Anlageprojekt"

Er kenne seinen Mitangeklagten seit acht Jahren, sagt Hülf, habe ihn „sympathisch“ gefunden, den Eindruck gewonnen, „dass er sich mit Investmentgeschäften auskannte“, und „keine Zweifel“ daran gehegt, dass Nimm die eingesammelten Gelder für ein „reales Anlageprojekt“ verwenden würde.

Kleiner Haken: Die Leute dachten, das auf Hülfs Namen laufende Konto, wohin sie überwiesen, sei als sogenanntes „Anderkonto“ unter treuhänderischer Verantwortung besonders sicher – in Wahrheit handelte es sich um ein sturznormales Geschäftskonto. Und nun zahlte Hülf regelmäßig größere Summen an Nimm aus, mal per Überweisung, mal in bar. Hülf ging zur Bank und hob ab, Nimm wartete vor der Tür und packte dann die Scheine ein.

Selbst dabei will Hülf nicht misstrauisch geworden sein – Nimm habe ja begründet, wofür er die Abhebungen brauche: „Damit mit dem Geld gearbeitet werden kann.“

(Die Verhandlung wird nächste Woche fortgesetzt.)

Und noch was

  • Laut Anklageschrift soll Frieder Nimm bei seinen Geldsammelaktionen nicht nur mit dem Remstäler Arnulf Hülf kooperiert haben, sondern auch noch mit einem weiteren Anwalt, gegen den ein gesondertes Verfahren läuft. Im Duo mit Anwalt Nummer 2 soll Nimm eine weitere Million Euro zusammengekratzt haben.