Waiblingen

Ehemaliger Kinderarzt Pampel feiert 105. Geburtstag

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Herzlich und lebensfroh: Gerhard Pampel genießt auch im hohen Alter von 105 Jahren sein Leben in vollen Zügen. © Ralph Steinemann Pressefoto

Waiblingen. Dank seines neuen Rollators spaziert Gerhard Pampel in letzter Zeit wieder öfter durch seinen Garten. Ist er für sich, spielt er auf seiner Geige. „Es geht mir gut, ich kann nicht klagen“, sagt der ehemalige Kinderarzt. Er wird an diesem Dienstag 105 Jahre alt. Die Welt, die seit seiner Jugend eine ganze andere geworden ist, beobachtet Pampel genau. Und hält, ganz Humanist, ein Plädoyer für mehr Toleranz.

Empfängt Gerhard Pampel Besuch, erhebt er sich aus seinem Stuhl und schüttelt dem Gast die Hand. Er schaut seinem Gegenüber fest in die Augen, auch wenn seine Sehkraft im Alter nachgelassen hat. Pampel erzählt gerne aus seinem langen, bewegten Leben. Er hört aber ebenso gern zu, fragt nach, zugewandt und aufmerksam. 105 Jahre alt wird der ehemalige Kinderarzt an diesem Dienstag, er hat so vieles schon gesehen, Schlimmes wie Schönes. Man könnte erwarten, er stünde über den Dingen – doch gleichgültig ist Gerhard Pampel das, was um ihn herum geschieht, nie geworden.

Er wohnt noch immer in dem Haus, das er 1964 am Rosberg gebaut hat

Seine polnische Haushaltshilfe („eine exzellente Köchin“) hat einen Kuchen gebacken. Sie sorge sich sehr gut um ihn, sagt er. 60 Jahre lang war Gerhard Pampel glücklich mit seiner „fabelhaften“ Frau Margrit verheiratet. Er hat sie überlebt, wie so viele andere Weggefährten, Freunde und Familienmitglieder. Noch immer wohnt er in dem Haus, das er 1964 gebaut hat und in dem er früher seine Praxis hatte. Immer noch in seinen eigenen vier Wänden leben zu können, macht ihn glücklich, auch wenn die Einsamkeit, die ihn häufig umgibt, in den vielen, großen Räumen besonders stark zu spüren ist. So schlimm sei das aber nun auch wieder nicht, sagt der lebensfrohe Mann: „Ich konnte sowieso schon immer sehr gut alleine sein.“

Auch nach der Rente hat er noch praktiziert

Wobei es für ihn stets eine Erfüllung war, seinen Mitmenschen zu helfen – vor allem den ganz kleinen. Pampel, Sohn eines Zahnarzts, wollte Kinderarzt werden, solange er denken kann. Zusätzlich zu seinem Medizinstudium machte er eine psychotherapeutische Ausbildung. Er studierte in Leipzig, Freiburg und Heidelberg und war von 1959 bis 1977 Chef der Waiblinger Kinderklinik. Danach praktizierte er noch jahrelang in seinem Haus am Rosberg und betreute die Neugeborenen im Kreiskrankenhaus. Seine eigene Kindheit sei sehr glücklich gewesen, erinnert sich Pampel. Viel verdanke er seinen Eltern, die ihn und seine sechs Geschwister humanistisch erzogen hätten. Das wichtigste menschliche Gebot ist für den Doktor die Toleranz: „Wenn sich alle tolerieren, gibt es keine Kriege.“

Pampel schimpft beim Gespräch über die Weltpolitik

Gerhard Pampel weiß den Frieden zu schätzen. Er hat im Zweiten Weltkrieg als Armeearzt gedient, Schreckliches erlebt. Und er wundert sich, dass die Menschen offenbar so wenig aus der Geschichte gelernt haben. „Ich denke nach, wie das möglich ist, dass die heutige Welt in ihrer politischen Situation so ekelhaft ist, wie man es gar nicht beschreiben kann!“ Es ist das einzige Mal, dass Pampel im Gespräch schimpft. Kurz darauf herrscht wieder Sanftmut.

In seiner Jugend tobte er sich im Wasser aus: "der Himmel auf Erden"

„Die heutige Jugend ist nicht so schlimm, wie sie manche beschreiben. Die jungen Leute arbeiten in einer großen Firma, um Geld zu verdienen. Dann fliegen sie nach Amerika, um etwas zu erleben. Das finde ich toll“, begeistert sich der 105-Jährige. Er hat sich seinerzeit vor allem im Wasser ausgetobt und Entspannung gefunden. Erst kraulte er durchs Becken, dann ließ er sich treiben wie ein Baumstamm – „das ist der Himmel auf Erden“, schwärmt Pampel.

Viel Besuch zu seinem Geburtstag

An diesem Dienstag wird er vermutlich viel Besuch bekommen. Die Jagdbläser werden dem ehemaligen Jäger ein Ständchen spielen, Kinder, Enkel, Urenkel ihm gratulieren. Pampel freut sich darauf. „Ich bin dankbar und zufrieden, ich hatte ein sehr buntes Leben, reich an Erlebnissen.“

„Auf Wiedersehen, bis zum 106. Geburtstag“, witzelt der Gast zum Abschied. „Ach, so langsam ist auch mal gut“, antwortet Pampel und lächelt. „Aber ich würde es natürlich akzeptieren.“


Über 100

Wie wird man 105 Jahre alt? Gerhard Pampel hat natürlich kein Patentrezept, aber einen guten Tipp: „Ich habe nicht geraucht, das ist das A und O.“

Ob der Waiblinger der älteste Bürger im Rems-Murr-Kreis ist, das lässt sich schwer herausfinden. Laut Werner Bachat-Schwarz vom Statistischen Landesamt gab es Ende 2015 aber 79 Personen im Rems-Murr-Kreis, die über 100 Jahre alt waren.

Nur neun von ihnen waren Männer, 70 Frauen. Das liegt nur zu einem geringen Anteil an der Genetik. Im Schnitt leben Frauen einfach gesünder und weniger risikoreich. So werden sie durchschnittlich vier Jahre älter.