Waiblingen

„Eigentlich war ich vorher glücklicher“: Wo Väter sich aussprechen können

Glückliche Väter?
Symbolfoto. © stock.adobe.com/AYAimages

Werde ich ein guter Vater sein? Was ist nach der Geburt meine Rolle? Und wem kann ich sagen, dass ich mit Kind manchmal unglücklicher bin als ohne? Mit Sorgen von Männern, die Vater werden oder sind, beschäftigt sich der Sexualpädagoge Richard Horváth von der Beratungsstelle Pro Familia in Waiblingen. Vor seinem Online-Kurs „Papa, wie geht’s?“ spricht er über moderne Vaterrollen, Partnerschaft zwischen Eltern und Tabus.

Herr Horváth, Ihr Kurs heißt „Papa, wie geht’s?“ Also, wie geht’s denn den Papas?

Es geht in meinem Kurs nicht in erster Linie darum, wie Papasein funktioniert. Sondern darum, zu fragen, wie es werdenden oder frischgebackenen Vätern geht. Für Frauen und Mütter gibt es sehr viele Angebote, für werdende Väter nicht so viele. Sie werden mit Sorgen, Ängsten und Unsicherheiten etwas alleingelassen. Ich weiß das aus Erfahrung: Ich bin selbst vor dreieinhalb Jahren zum ersten Mal Vater geworden und in diesem Sommer zum zweiten Mal.

Was treibt Männer um, die bald Vater werden oder es gerade geworden sind?

Vor allem, wie es sein wird, wenn das Kind da ist. Wo bin ich, wo sind wir als Partner? Gibt es noch Autonomie in der Partnerschaft? Welche Rolle werde ich bedienen, bin ich dafür überhaupt schon bereit, diese Vaterrolle einzunehmen? Und auch, wenn das Kind da ist, die Rolle als Vater für sich zu finden. Bin ich eher der fürsorgliche Vater? Was braucht meine Partnerin, was braucht das Kind?

Haben sich die Erwartungen der Väter an sich selbst und auch die der Mütter an ihre Partner verändert?

Das ist schwer zu beantworten. Aber wenn ich zurückdenke an meine Eltern, da gab es das klassische Bild: Vater geht frühmorgens zur Arbeit und kommt spät nach Hause. Heutzutage wollen viele Väter schon mehr Zeit mit den Kindern verbringen und versuchen, ihre Arbeitszeit so zu managen, dass das klappt. Es ist ihnen wichtig, das Kind zu begleiten. Wie die Mütter wollen auch die Väter dabei sein, wenn das Kind anfängt zu laufen oder erste Worte zu sprechen. Da ist schon eine Veränderung.

Es gibt einerseits hohe Erwartungen an die Männer, auch von ihnen selbst, andererseits nehmen viele nur das Minimum an Elterngeld-Monaten, nämlich zwei. Woran könnte das liegen?

Richtig. Viele können sich das finanziell nicht leisten oder sie haben Angst, dass sie nicht mehr voll in den Job zurückkommen. Es steht ihnen zwar rechtlich zu, aber sie haben Angst, dass der Arbeitgeber da einen Weg findet. Das höre ich in der Beratung. Leider sind wir oft noch in den alten Strukturen. Frauen verdienen oft weniger und bleiben dann eher zu Hause. Biologisch macht das ja auch Sinn, wenn die Frau stillt. Aber soziologisch sind wir da noch in den früheren Strukturen drin.

Was ist Ihr Rat für Männer, die zwischen diesen Erwartungen stehen?

Bei denen, die es sich finanziell leisten können, rate ich auf jeden Fall, mehr Elterngeld-Monate und eventuell darüber hinaus Elternzeit zu nehmen. Man hat Anspruch auf drei Jahre. Die kann man nicht nur direkt nach der Geburt des Kindes nutzen, sondern später, zum Beispiel, wenn die Schule ansteht. Die Möglichkeiten gibt es, der Staat bietet den Rahmen. Wenn man das gut plant, kann man das für sich und die Familie nutzen. Und Väter sollten auch versuchen, sich Zeit für die Kinder zu nehmen, früher aus dem Büro zu kommen. Wenn man mehrere Kinder hat, kann man auch mal alleine etwas mit dem Älteren unternehmen, für das Wochenende wegfahren. Man muss ja nicht immer alles zusammen machen.

Und dann beschwert sich die Mutter, dass sie mit dem Baby zu Hause bleiben muss ...

Das ist natürlich sehr individuell pro Familie. Es ist auch eine Frage von Partnerschaftlichkeit: Wie viel Raum gibt man sich, wie viel Autonomie überlässt man dem eigenen Partner? In einer Partnerschaft gehört Autonomie einfach dazu, man sollte sich selbst nicht komplett aufgeben. Man ist zwar Vater oder Mutter, aber man ist auch immer noch die Person dahinter. Sonst ist man sehr schnell überfordert. Auch der Vater sollte der Mutter das anbieten: „Geh’ mal mit deinen Freundinnen aus, ich bleibe mit den Kindern zu Hause.“

Wie oft ist Sex in Ihren Gesprächen Thema?

Da gibt es viel Unsicherheit, gerade in der Schwangerschaft: Wie lange ist Geschlechtsverkehr möglich? Kann da was passieren? Biologisch ist es meistens möglich, auch bis kurz vor der Geburt. Aber es gibt Frauen, die das in der Schwangerschaft nicht wollen. Und auch Männer. Da sprechen wir im Kurs darüber, welche Einflussfaktoren es gibt, warum es vielleicht weniger Lust gibt - auch von Seiten des Mannes. Der Körper der Partnerin verändert sich, es kann sein, dass man ihren Körper nicht mehr so anziehend findet. Das ist nicht ungewöhnlich und wir haben Raum, das anzusprechen. Auch wenn der Vater bei der Geburt dabei war und gesehen hat, wie das Kind zur Welt kommt, kann das bei manchen Männern Einfluss auf die Sexualität haben. Es kommt auf die Umstände an. Und auch für die Frau verändert sich mit der Geburt etwas. Sechs Wochen sollte man dann eh mindestens abwarten.

Fehlt Vätern manchmal ein Gesprächspartner, um über ihre Sorgen zu sprechen - beziehungsweise behalten sie vieles einfach für sich?

Ich habe schon den Eindruck, dass wir Väter sehr viel schlucken. Die Floskel ist: „Alles gut, passt schon.“ Wir haben das Gefühl, wir müssen stark sein und der Vaterrolle entsprechen. Schwäche zu zeigen entspricht oft nicht unserer Erziehung und Sozialisation. Das erlebe ich schon, dass das bei genaueren Nachfragen im geschützten Raum aufbricht, dass die Männer dann sagen, dass sie durchaus Sorgen und Ängste haben. Ich erlebe es auch im Freundeskreis und habe persönliche Erfahrungen. Wie gehe ich mit der Verantwortung um, mit dem Stress?

Und wie macht man das?

Indem man zum Beispiel so einen Kurs besucht. Indem man ins Gespräch geht, Dinge anspricht und sich auch Unterstützung holt. Es gibt unglaublich viele Angebote, wenn man danach schaut und auch offen dafür ist. Die Familienbildungsstätte hat viele Kurse, wir beraten zu Elterngeld und -zeit, zu finanziellen Hilfen, wenn man in eine prekäre Lage kommt. Wir haben einen Kurs zum Umgang mit Schreibabys. Und wir bieten psychosoziale Beratung an.

Ist es aus Ihrer Sicht ein Tabu, zuzugeben, dass man durch das Elternsein nicht immer glücklicher ist?

Ja, das gibt es, dieses Tabu. Es gibt sicherlich Väter, die sagen: „Eigentlich war ich mit meinem Leben vorher zufrieden und glücklicher. Ich war frei.“ Kinder zu haben bringt Verantwortung mit sich. Man ist nicht mehr für sich alleine. Eine Partnerschaft kann man, in Anführungszeichen, „aufgeben“, aber das eigene Kind wird immer das eigene Kind sein. Manchmal schwankt die Gefühlslage zwischen Elternglück und dem Wunsch, abzuhauen. Und das ist bei Frauen auch so. Und das wahrzunehmen und anzunehmen, ist ganz wichtig. Und trotzdem eben weiterzumachen. Das wäre dann schon meine motivierende Haltung hier. Sich aus der Verantwortung zu stehlen, schadet den Kindern. Es verletzt kleine Seelen.

Wie oft kommt es in Beratungsgesprächen zu dieser Frage: Partnerschaft beenden trotz der gemeinsamen Kinder?

Es kommt vor. Wir beraten dann dazu, wie man die Trennung so organisieren kann, dass die Kinder so wenig wie möglich darunter leiden. Eine Variante, die es noch selten gibt: Das Kind hat einen Platz, wo es lebt, und die Eltern ziehen hin  und her. Gewöhnlicher ist, dass das Kind drei Tage bei einem Elternteil und vier Tage beim anderen ist. So dass alle so wenig wie möglich darunter leiden müssen.

Welche Rolle spielt Großelternunterstützung vor Ort? Geht es den Vätern besser, die darüber verfügen, als denen, die zugezogen sind oder aus anderen Gründen nicht auf ein Familiennetzwerk zugreifen können?

Das kann man nicht pauschal beantworten, aber natürlich kann es sehr entlasten, wenn man ein familiäres Umfeld hat. Wenn man niemanden in der Nähe hat, macht es das deutlich schwieriger. Es gibt zwar Angebote wie Leihomas oder Tageselternvereine, aber natürlich ist es oft mit der eigenen Familie oder dem Freundeskreis einfacher oder entlastender.

Wenn die Kita um 16 Uhr schließt, ist eine Vollzeit-Erwerbsarbeit für viele gar nicht möglich ohne Großeltern. Müssen sich die gesellschaftlichen Strukturen ändern? Oder müssen sich Eltern anpassen und weniger arbeiten?

Es wäre wünschenswert, wenn es sich verändern würde. Wir haben das vor den Ferien auch fast täglich erlebt, dass die Kita zwei Stunden früher zugemacht hat, wegen des Erzieherinnenmangels. Das kann es für staatliche Einrichtungen nicht sein.

Werde ich ein guter Vater sein? Was ist nach der Geburt meine Rolle? Und wem kann ich sagen, dass ich mit Kind manchmal unglücklicher bin als ohne? Mit Sorgen von Männern, die Vater werden oder sind, beschäftigt sich der Sexualpädagoge Richard Horváth von der Beratungsstelle Pro Familia in Waiblingen. Vor seinem Online-Kurs „Papa, wie geht’s?“ spricht er über moderne Vaterrollen, Partnerschaft zwischen Eltern und Tabus.

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