Waiblingen

Ein Jahr Haft für Drogendealer

amtsgericht1_0
Das Amtsgericht in Waiblingen. © Ramona Adolf

Waiblingen/Winnenden. Mit Marihuana im Wert von etwa 600 Euro ist ein Asylbewerber aus Gambia am Bahnhof erwischt worden. Alles zur Deckung seines Eigenbedarfs, beteuerte der 25-Jährige. Gebracht hat ihm das am Ende nichts: Richter und Schöffen verurteilten den Mann zu einem Jahr hinter Gittern.

Eine Schule habe er nie besucht. Lesen und schreiben könne er ebenfalls nicht. In seiner Heimat habe er als Klempner gearbeitet. Das sagte am Montag ein 25-jähriger Gambier aus, der sich wegen Handels mit Marihuana vor dem Waiblinger Amtsgericht verantworten musste. Seit etwa zwei Jahren ist der Mann in Deutschland, derzeit lebt er in einer Asylbewerberunterkunft in Winnenden.

Marihuana rauche er fast täglich, gab der Angeklagte weiter an. Etwa fünf bis sechs Gramm brauche er für zwei Tage. Drogen zu verkaufen habe er aber zu keiner Zeit vorgehabt. Er sei nach Deutschland gekommen, um zu arbeiten und zu lernen, versuchte der 25-jährige Gambier Richter Kärcher und die Schöffen zu überzeugen, dass die rund 76 Gramm Marihuana, mit denen er im Mai am Bahnhof erwischt worden war, nur seinen Eigenbedarf decken sollten.

„Äußerst unrealistisch“, war die Einschätzung eines Kriminalkommissars, der als Zeuge aussagte. „Fast 80 Gramm zum Eigenbedarf, das ist sehr viel. Wir gehen hierbei von maximal 20 Gramm aus.“ Der Gambier sei am Bahnhof kontrolliert worden, weil er sich auffällig verhalten habe. Bei der Durchsuchung seines Rucksacks sei dann besagte Menge an Rauschgift sichergestellt worden. Im Zimmer des Angeklagten seien allerdings keine weiteren Beweise gefunden worden – weder für den Handel mit Drogen noch für den Konsum.

Handyfotos zeigen die Drogen

Bei der Überprüfung des Handys seien aber Fotos größerer Mengen Marihuana aufgetaucht. Alles deute also darauf hin, dass der Angeklagte des Öfteren mit größeren Mengen der Droge in Kontakt komme. Auch die Aussage des Angeklagten, er habe die knapp 80 Gramm für 110 Euro bei einem arabisch aussehenden Mann in Stuttgart erworben, halte er für unglaubwürdig. Das Rauschgift habe einen Verkehrswert von etwa 600 Euro.

Den Besitz des Marihuanas gab der Angeklagte vor Gericht zu, nicht aber den Handel damit. Zumindest nicht offiziell. Denn in einer später als Übersetzungsfehler der Dolmetscherin deklarierten Aussage gab er zunächst an, sich mit dem Verkauf von Gras seinen eigenen Konsum finanziert zu haben. Die korrigierte Version lautete später, der Angeklagte habe seinen Konsum vielmehr in kleinen Mengen gedeckt – und zwar nur, solange er Geld zur Verfügung hatte. Nicht aber Drogen verkauft. Woher er das Geld für die besagten 76 Gramm hatte, diese Antwort blieb der 25-Jährige allerdings schuldig.

Er hilft ehrenamtlich Behinderten

Ein Schreiben der Paulinenpflege bescheinigte dem jungen Mann hohes Engagement und eine gute Integrationsfähigkeit: Er arbeite dort ehrenamtlich mit geistig Behinderten, einmal pro Woche gehe er mit einem Autisten zum Joggen. In der Pflegeeinrichtung sei er als sehr fleißiger, zuverlässiger und vertrauenswürdiger junger Mann bekannt, den man nur ungern missen wolle. Zudem hat der Gambier keinerlei Vorstrafen. Doch das alles nützte ihm an Ende nichts: Obwohl der Verteidiger den Handel nicht als erwiesen ansah und andere Erklärungen für den Besitz einer so großen Rauschgiftmenge vorbrachte, schlossen sich Richter und Schöffen am Ende der Forderung der Staatsanwaltschaft an, die Freiheitsstrafe nicht zur Bewährung auszusetzen.

Der Mann muss nun für insgesamt ein Jahr hinter Gitter – die vier Monate, die er bereits in Untersuchungshaft verbracht hat, werden ihm angerechnet.

Das sagte der Richter zur Begründung

Völlig unglaubwürdig ist es, dass der Angeklagte das Marihuana für 110 Euro gekauft haben will“, sagte Richter Kärcher zur Urteilsbegründung. Völlig klar sei hingegen, dass er von seinen geringen Einkünften seinen eigenen Drogenkonsum nicht finanzieren könne. Dass der Gambier mit Marihuana gehandelt habe, sah der Richter deshalb als erwiesen an.

Eine positive Sozialprognose sei zudem nicht möglich. Es sei nicht abzusehen, dass der Angeklagte ohne Therapie die Finger von der Droge lasse. „Durch sein Verhalten trägt er vielmehr dazu bei, dass das Rauschgiftproblem in einigen Asylbewerberunterkünften verstärkt wird“, sagte Kärcher. Das sei sogar jugendgefährdend, da gewisse Unterkünfte mittlerweile zu einer richtigen Anlaufstelle für junge Rauschgiftkonsumenten geworden seien.

„Außerdem ist es schwer, in Deutschland Fuß zu fassen, wenn man weder lesen noch schreiben kann“, so der Richter. Auch dass Frau und gemeinsame Tochter noch in Gambia lebten, trage nicht dazu bei.