Waiblingen

Ein Jahr lang im Kampf für die Schwächsten

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Ariane Bukschat aus Rommelshausen hat Erfahrungen fürs Leben gesammelt. © Alexandra Palmizi
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Hilfe ganz praktisch: Monatsbinden für Mädchen. © privat
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Ariane Bukschat geht gern mit Kindern um. Sie will Lehrerin werden. © privat
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Ariane Bukschat geht gern mit Kindern um. Sie will Lehrerin werden.
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Hilfe ganz praktisch: Monatsbinden für Mädchen.

Kernen. Ariane Bukschat hatte während ihres Freiwilligendienstes in Botswana jeden Tag das Gefühl, „etwas Sinnvolles zu tun“. Das Land und die Menschen haben sie tief beeindruckt. Die Studentin wird wieder hinfliegen und sich um Frauen und Mädchen kümmern, die sexueller Gewalt ausgesetzt sind.

„Ich weiß, es ist einfach zu sagen, aber uns geht es wirklich besser, als wir denken. Wir sollten dankbar darüber sein“, schreibt die 20-Jährige in ihrem Blog „meinjahrinbotswana“.

Die Geschichte eines 15-jährigen Mädchens aus Botswana geht ihr noch immer sehr zu Herzen, das ist im Gespräch deutlich zu spüren. Der Bruder und der Nachbar haben das Mädchen vergewaltigt, und die kranke Mutter wusste davon. Außenstehende ahnten, was passiert war, und schließlich schritt ein Vertrauenslehrer ein. Die Polizei holte das Mädchen ab und brachte es ins „Safe house“, eine Art Frauenhaus. Dort lernte Ariane Bukschat das nur wenige Jahre jüngere Mädchen kennen. Sie hätte sich mehr professionelle psychologische Betreuung für das junge Mädchen gewünscht, erzählt sie. Zeitweise kümmerte sich die Rommelshausenerin im „Safe house“ ganz allein um Kinder und Jugendliche, die in ihren Familien Gewalt erfahren hatten und mit Suchtkrankheiten ihrer Eltern konfrontiert waren: „Ich hab’ sehr viel Verantwortung bekommen.“

Mädchen können nicht in die Schule - weil sie keine Binden haben

Ein Jahr lang war Ariane Bukschat für die Nichtregierungsorganisation „Women against rape“ (Frauen gegen Vergewaltigung) im Einsatz. Ihr Team sprach an Schulen und auf öffentlichen Plätzen mit Jugendlichen und Erwachsenen über heikle Themen. Es ging um HIV, um Verhütung, um sehr frühe Schwangerschaften. „Aufklärung ist ein Tabuthema. Wir haben versucht, das ein bisschen zu brechen“, berichtet die Lehramts-Studentin, denn Unkenntnis hat fatale Folgen: Manche junge Botswanerinnen wunderten sich gar nicht, wenn ein Taxifahrer massiv zudringlich wurde; sie dachten, das sei halt so normal.

Manche Mädchen besuchen in Botswana jeden Monat ein paar Tage lang die Schule aus einem einfachen Grund nicht: Sie besitzen keine Binden. Bukschats Team stattete Schulen mit Boxen aus, an denen sich die Mädchen bedienen konnten. Im Zuge dieses Projekts hat Ariane Bukschat gar die Bildungsministerin des afrikanischen Landes kennengelernt. Die Ministerin versucht im Parlament eine Vorschrift durchzubringen, wonach alle Schulen Binden für die Mädchen vorrätig haben müssen.

Eine spontan organisierte Demonstration hat nachhaltigen Eindruck bei der angehenden Englisch- und Geografie-Lehrerin hinterlassen. Ein übles Video hatte zuvor für Aufruhr im Land gesorgt. Es ging um eine Frau, die wegen ihres angeblich zu kurzen Rockes auf offener Straße übel angegangen worden war, auch von Frauen. Engagierte der Organisation „Women against rape“ organisierten eine Demo unter dem Motto #wearwhatyouwant – trage, was du möchtest. „Wir wurden bejubelt“, erzählt Ariane Bukschat. Es war einer der vielen Momente während des Auslandsjahrs, „bei dem ich das Gefühl hatte, wir können was bewirken“.

Respekt vor den Gastgebern

Mit größtem Respekt erzählt die junge Frau von den Menschen in Botswana – und von ihrem Gastgeber. Ein Amerikaner, der vor Jahrzehnten ins Land kam und blieb, beherbergt regelmäßig Freiwillige unter seinem Dach, steht als Ansprechpartner bei Sorgen und Fragen zur Verfügung – und wenn’s sein muss, kreiert er ein Solarlicht, damit man abends eine halbe Stunde lesen kann. Internet gab’s nur im Büro, zu Hause nicht. Mit der Familie skypen war nicht möglich, dafür war die Verbindung zu schwach. An die einfache Toilette außer Haus gewöhnte man sich, berichtet Ariane Bukschat: Viele Menschen kennen es nicht anders.

Trotz ganz anderer Standards fühlte sich die Rommelshausenerin in einem Krankenhaus in Botswana gut versorgt. Dort musste sie wegen gesundheitlicher Probleme drei Nächte verbringen. Die Behandlung war völlig in Ordnung, betont die 20-Jährige. Doch zehn Frauen teilten sich ein Zimmer, es war sehr heiß, im Bad gab es kein Licht und sie verstand oft nicht, was man ihr sagte: „Ich hatte einfach Angst. Da bin ich schon an meine Grenzen gekommen.“

Woher kommst du? Was machst du?

In Botswana begegnen Menschen Fremden anders, als es in Westeuropa üblich ist. Ariane Bukschat wurde dort oft angesprochen, einfach so auf der Straße. Woher kommst du? Was machst du? Gefällt es dir hier? „Ich hab’ noch nie in meinem Leben so viel Respekt bekommen“, beschreibt die Studentin ihr Gefühl. Als sehr offen, menschlich und unkompliziert hat sie die Menschen in ihrem Gastland erlebt. „Wenn man so ein bisschen offen ist ...“, sagt sie und ergänzt: „Mit Menschlichkeit kommt man ganz weit.“ Diese Botschaft trug die Rommelshausenerin bis in den Vatikan: Dort hielt sie im Zuge ihres Freiwilligendienstes eine Rede bei einer Versammlung junger Menschen.

Die Rommelshausenerin wird wiederkommen: „Afrika hat es mir angetan.“ Für nächsten Sommer ist mit anderen Freiwilligen ein Treffen in Botswana geplant; die jungen Leute möchten am Ball bleiben und weiterhin Projekte anstoßen. „Weltwärts“, der Freiwilligendienst des Bundesentwicklungsministeriums, unterstützt sie dabei. Unter dem Dach dieses Dienstes organisieren eine Vielzahl von Entsendeorganisationen Auslandsjahre für Engagierte. Ariane Bukschat: „Ich würde das jedem empfehlen. Das ist eine ganz wertvolle Erfahrung.“

Die 20-Jährige ist über den Freiwilligendienst „Weltwärts“ des Bundesentwicklungsministeriums nach Botswana gereist. Interessenten für diese Art Auslandsjahr können sich bei Entsendeorganisationen bewerben, die dem Weltwärts-Verbund angehören.

Botswana liegt im Süden Afrikas und hat rund zwei Millionen Einwohner. Transparency International hat das Land als bestes unter allen afrikanischen Ländern eingestuft, was Korruption angeht.

Laut Auswärtigem Amt hat sich das Land dank einer soliden Wirtschaftspolitik und einer vernünftigen Verwendung der Einnahmen aus seinen Diamantenvorkommen von einem der ärmsten Länder der Welt zu einem Staat in Subsahara-Afrika mit gehobenem mittleren Einkommen entwickelt. Dennoch leben knapp 20 Prozent der Bevölkerung immer noch in Armut.

Zur Lage von Frauen in Botswana schreibt das Auswärtige Amt: „Sie werden in der Realität und durch Bestimmungen traditionellen Stammesrechts häufig noch immer diskriminiert.“ - „Die Eigentumsrechte von Frauen und ihre Möglichkeiten, wirtschaftlich unabhängig zu werden, sind besonders in den ländlichen Gebieten beschränkt. Sexuelle Belästigung und Gewalt in der Ehe sind immer noch ein Problem, da beide Delikte strafrechtlich nicht geahndet werden können.“ Demnach geben rund zwei Drittel der Frauen in Botswana an, mindestens einmal Opfer gewaltsamer (sexueller oder anderer) Übergriffe gewesen zu sein.