Waiblingen

Ein Krankenhaus fürs syrische Kobane

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Lehmziegel-Herstellung für den Baubedarf in Kobane. © Privat
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Das Waiblinger Ehepaar Marianne (58) und Armin Kolb (58) half mit bei einem Krankenhausneubau im vom IS zerstörten Kobane. © Schneider / ZVW

Waiblingen/Kobane. Man könnte seinen Jahresurlaub auch angenehmer, etwa unter Palmen am Strand verbringen. Das Waiblinger Ehepaar Marianne und Armin Kolb wollte indes etwas Sinnvolles tun und reiste mit einer Hilfs-Brigade ins nordsyrische Kobane, um dort beim Aufbau eines Krankenhauses mit zu arbeiten. Es war heiß und anstrengend, die Erfahrung der Solidarität mit den Einheimischen entschädigte jedoch reichlich.

Die Bilder der zerstörten und belagerten kurdischen Stadt Kobane im Norden Syriens gingen um die Welt. Darüber, wie die Menschen hier gegen den IS kämpften und ihn zurückdrängten, , wie sie demokratische Institutionen der Selbstverwaltung einrichteten und ihre Stadt wieder aufbauen wollen, herrscht eher Schweigen. Aus politischer Rücksichtnahme - besonders gegenüber der Türkei.

Mit Schleusern über die Grüne Grenze nach Nordsyrien

Der politisch interessierte Armin Kolb hat sich schon lange, wie er sagt, „für die Freiheitsbewegung der Kurden interessiert“. Gespendet hatte er schon vorher, nun recherchierte er, wie man direkt helfen könne. Dabei stieß er auf die ICOR (International Coordination of Revolutionary Parties and Organisations), die im Sommer 2015 Internationale Brigaden zusammen stellte, die sich am friedlichen Wiederaufbau in Syrien beteiligen wollten. Von Mitte August bis Mitte September waren er und seine Frau dann Teil eines internationalen Arbeitseinsatzes, an dem bis zu 40 Mitglieder aus England, Frankreich und Deutschland nach Kobane reisten. Unter durchaus abenteuerlichen, nicht ungefährlichen Umständen. „Wir wurden von Schleusern über die grüne Grenze gebracht“, erzählt Marianne Kolb, „etwas Schiss hatte ich schon.“ Dann kam man in sein Projekt, „und man macht sich keine Vorstellung, wie zerstört das ist“.

Es mangelte an allem. Zwei Krankenhäuser waren in Schutt geschossem. „Noch im Juni hatte der IS Mitarbeiter von ‘Ärzte ohne Grenzen’ angegriffen.“ So war das ICOR-Projekt das einzige, das einzige, das in Kobane am arbeiten war.

Marianne Kolb wurde durch ein verbliebenes Militärkrankenhaus in Kobane geführt. „Es gibt wenig Medikamente und orthopädische Sachen. Kein Radiologie.“ Zwar wurde bundesweit für eine Krankenhausausrüstung gesammelt, aber sie weiß nicht, ob das auch angekommen ist. Die Türkei lässt keine Hilfsgüter durch.

Auch deshalb gab es große Probleme bei der Beschaffung von Baumaterial. Einmal hatte es dann doch noch spät abends eine Fuhre Beton über die Grenze geschafft. Die grenzüberschreitende kurdische Solidarität ist daher besonders wichtig. Armin Kolb erinnert sich an einen Helfer „aus der Stadtverwaltung von Diyarbakir (aus dem türkischen Kurdengebiet, Red.), der mit einem Bagger da war und in Kobane gearbeitet hat“. Kolb war Mitglied der Bauleitung, hat Material organisiert , Arbeitsabläufe geplant und natürlich selbst Hand angelegt.

„Ich war an der Produktion der Öko-Steine beteiligt“, erzählt Marianne Kolb. Das waren selbst hergestellte Lehmziegel aus Erde und Binsen der Umgebung, die durch ihre Beschaffenheit den Vorteil eines guten Wärme- und Kälteausgleichs im neuen Krankenhaus bieten.

Die kurdischen Nachbarn schützten die Brigadiere rund um die Uhr

Die Temperaturen erreichten bis zu 40 Grad. „Es hat angestrengt“, gibt Armin Kolb zu, „aber man arbeitete, wie man konnte“. Untergebracht war man in einfachen Baucontainern. Eine richtige Plage waren die Insekten, die sich im Schmutz und Schutt der Ruinenstadt besonders vermehrt hatten. Marianne Kolb zeigt ein Foto von sich, auf dem ihr zerstochener Körper ziemlich zu bandagiert ist.

Das Alter der Brigadiere reichte von 20 bis 60 Jahren. Darunter waren Ärzte, Zimmermänner, Metall- und Bauarbeiter und Studenten. „Den internationalen Zusammenschluss“, sagt Marianne Kolb, „den hat man einfach gespürt“.

Und noch etwas anderes wird den Kolbs in nachhaltiger Erinnerung bleiben. Das war die gute Nachbarschaft mit den Einwohnern in Kobane. Man arbeitete zusammen, half sich aus, aß gemeinsam. „Und die Nachbarn der Baustelle haben uns rund um die Uhr bewacht“, sagt Armin Kolb. Einen Angriff haben sie zum Glück nicht erlebt. Der Einsatz wurde zur eigenen Sicherheit aber auch nicht groß öffentlich gemacht.

Zurück in Waiblingen, bei Bosch, den Kollegen, „waren die Reaktionen überwiegend positiv“, sagt Armin Kolb und fügt in seiner leisen, unpathetischen Art hinzu, „das war der wertvollste Urlaub, den ich je hatte“. Er und seine Frau bewundern, was dort trotz Krieg an Demokratie versucht wird. „Das geschieht dort aus eigener Kraft, da muss man keine Truppen hinschicken.“

Das Selbstverwaltungs-Modell Rojava

Als Rojava werden die für autonom erklärten kurdischen Siedlungsgebiete in Syrien bezeichnet. Im Verlauf des Bürgerkriegs gab die syrische Regierung gegen Ende 2013 die Kontrolle über die Regionen an der Nordgrenze auf. Kurdische Kräfte übernahmen die Kontrolle.

„Am 12. November 2013 beschloss die Partei der Demokratischen Union (Partiya Yekitîya Demokrat, PYD) gemeinsam mit der christlichen Suryoye Einheitspartei (einer Assyrisch/Aramäischen Partei) und weiteren Kleinparteien im Norden Syriens eine Übergangsverwaltung aufzustellen, um den durch den Krieg entstandenen Missständen in Verwaltung und Versorgung der Bevölkerung zu begegnen. Am 21. Januar 2014 folgte die Etablierung der Verwaltung in Cizîrê, am 27. Januar in Kobanê und einige Tage später auch in Efrîn.“

„Am 17. März 2016 rief eine Versammlung von kurdischen, assyrischen, arabischen und turkmenischen Delegierten in Rumaylan eine autonome Föderation Nordsyrien – Rojava aus, bestehend aus drei Kantonen.“ Die Türkei bekämpft diese Bestrebungen. Quelle: Wikipedia

Rojavas Selbstverwaltung wird als linksrevolutionär oder kommunistisch kritisiert. In seinem Selbstverständnis sieht sich Rojava einem „libertären Kommunalismus” verpflichtet. Die Basis bilden Kommunen, die jeweils aus mehreren Hundert Haushalten bestehen. Jeder – Mann und Frau – kann gleichberechtigt an Versammlungen teilnehmen und Entscheidungen mittreffen, so die Eigendarstellung.