Waiblingen

Ein Paradies für Plastikvermeider

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Auch Kaffee serviert Jens-Peter Wedlich in seinem Unverpackt-Laden. Autorin Jutta Pöschko-Kopp hat ihn selbst probiert. © Palmizi / ZVW
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Lebensmittel in Glasbehältern. © ALEXANDRA PALMIZI
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Shampoo am Stück. © ALEXANDRA PALMIZI
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Schwelgen in Düften. © ALEXANDRA PALMIZI
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Nachfüllbare Seifenflaschen. © ALEXANDRA PALMIZI

Waiblingen/Stuttgart. Einkaufskörbe hin, Tupperdosen her: Im Kampf gegen den täglichen Verpackungsmüll stoße ich in den normalen Geschäften an meine Grenzen. Zu vieles ist verpackt, verschweißt, versiegelt, wobei sich vor allem Shampoo und Putzmittel als Problem herausgestellt haben. Drogeriemärkte sind ein einziges Plastikverpackungsdesaster. Umso erwartungsvoller steuere ich beim nächsten Teil meines Selbstversuchs den Unverpackt-Laden an. Ein Besuch im Tante-Emma-Laden der anderen Art.

Morgens um 11 Uhr im Stuttgarter Westen. Hier gibt es viele kleine Läden und Cafés, der Anteil der Grünen-Wähler ist weit überdurchschnittlich. Das ist aber nicht das ganze Geheimnis, weshalb an einem Vormittag mitten unter der Woche der kleine Unverpackt-Laden von Jens-Peter Wedlich so gut besucht ist.

Von den Alblinsen bis zur Zahnbürste aus Bambus findet sich auf wenigen Quadratmetern ein Riesensortiment an Biolebensmitteln und Produkten für den täglichen Bedarf. Alles in kleinen und Kleinstmengen erhältlich – und natürlich unverpackt. Seine Verpackungen bringt jeder von zu Hause mit, seien es Tupperdosen, Gläser oder Keksdosen.

Ein bisschen erinnert mich das Geschäft beim Eintreten an den Kaufladen, mit dem ich als Kind gespielt habe. Nur dass sich die offenen Lebensmittel wie Nudeln, Reis und Getreide, Müsli, Linsen, Nüsse und Kaffee in sehr modernen Glasbehältern befinden, aus denen sich die Kunden die gewünschten Mengen abfüllen können. Nur das Mehl ist in Tüten verpackt, weil es Schädlinge anzieht. Wer will, kann sich sein Getreide mahlen. Für Spontankäufer wie mich – denn auch die sind natürlich erwünscht – gibt es kleine Papiertüten für fünf Cent. Ich wiege mir darin Walnüsse ab.

Gewürze sind auch teelöffelweise zu haben

„Bei uns geht es um nachhaltigen Konsum“, erklärt Inhaber Jens-Peter Wedlich, während er mich durch seinen Laden führt. „Ich will Ihnen nichts aufschwätzen, Sie entscheiden was Sie nehmen.“ Das gilt auch für Gewürze und Kräuter, die auch teelöffelweise zu haben sind. Sogar drei einzelne Lorbeerblätter hat Wedlich mal verkauft, und das findet er gut. „Ich will weg vom Streben nach immer mehr, schneller, weiter“, sagt er. Groß ist die Auswahl in seinem kleinen Laden trotzdem.

Theoretisch kann dort fast der ganze vegetarische Einkauf erledigt werden. Neben Obst und Gemüse werden Backwaren verkauft, Säfte, Essige und Öle gibt es in Mehrwegflaschen. Milch und Sahne, Quark, Joghurt und Frischkäse in Gläsern. Drogerieartikel wie Waschmittel, Seife, Shampoo und Zahnbürsten finden sich im hintersten Räumchen des Unverpacktladens.

An der Wand mit Haushaltswaren sind hochwertige Besen und Trichter zu haben, ein Spätzlesschaber, eine PC-Bürste extra für den Staub auf der Rechnertastatur. „Uns geht es auch um schöne Produkte“, sagt Wedlich. Er selbst sei kein Freund von Zero Waste (null Müll), sondern eher für Low Waste (wenig Müll), bekennt er pragmatisch.

Gar keinen Abfall zu produzieren, ist schwer. Bewusst zu leben, bewusst einzukaufen, schon einfacher. Vieles gehe heute nebenher, sei wischiwaschi, findet Wedlich. Das ist in seinem Laden anders. Dort werden die Einkäufe schon deshalb geplant, weil die passenden Behälter mitgebracht werden. Der Einkauf mit dem Abfüllen und Abwiegen verläuft langsamer und mit Bedacht. „Hier einzukaufen, ist entschleunigend“, ist Wedlich überzeugt.

Staunend stehe ich vor der Drogerieartikel. Zu haben sind Bambus-Zahnbürsten und Zahnpasta-Tabletten, vegane Kondome und nachhaltige Wattestäbchen, Deocreme mit Sheabutter und Natron und Toilettenpapier, das in einzelnen Rollen zu haben ist. Alternativ gibt es tragbare Po-Duschen, die ähnlich wie Mundduschen aussehen.

Die Shampoo-Stücke und Seifen bezieht Wedlich von einer Seifensiederin in Heilbronn, die hohe Qualität verspricht: „Es macht kein stumpfes Haar“, versichert Wedlich so überzeugend, dass ich am Ende ein Stück Shampoo mitnehme. Eine Bambus-Zahnbürste habe ich übrigens seit kurzem im Einsatz. Die putzt prima, liegt mit ihrem Holzstielchen aber merkwürdig mickrig in der Hand.

An Neues muss man sich eben erst gewöhnen. Gar nicht neu ist dagegen der Gedanke, dass man nicht immer alles gleich wegwerfen muss. Wieder verwendet werden zum Beispiel die Flaschen mit Flüssigseifen und Reinigern. Beim ersten Mal wird eine Flasche gekauft, später im Laden neu befüllt. Apropos Mehrweg: Selbst Wein vom Strümpfelbacher Weingut Idler ist im Stuttgarter Westen in Mehrwegflaschen zu haben.

Die Kunden wissen das Angebot zu schätzen. „Bei uns ist alles vertreten, vom Banker bis zur Oma“, sagt Wedlich. Die meisten seiner Kunden seien gebildet, schätzten Geschmack und gute Lebensmittel. Studenten kauften aus Kostengründen nur selten bei ihm ein, bedauert er. Dabei, glaubt er, könnten sie den Mehrpreis einsparen, weil sie nur das kaufen müssen, was sie wirklich brauchen.

„Unverpackt kaufen gewinnt an Charme“, konstatiert er. Sein Credo: Weg von Riesenverpackungen zu mehr Produktqualität, ist das eine. Das andere: „Wir müssen davon weggehen, dass alles billig ist.“ Der Umwelt würde es zugutekommen.


"Der Laden macht mich glücklich"

Im Mai 2016 wurde „Schüttgut“, der Unverpackt-Laden in der Vogelsangstraße 51 im Stuttgarter Westen eröffnet.

Dass Jens-Peter Wedlich einmal einen Öko-Lebensmittelladen betreiben würde, hatte er nicht immer geplant. Als gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann in der Chemieindustrie handelte er zunächst mit Säuren und Laugen, später mit Heizöl und Dieselkraftstoff und noch später mit Schweröl. „Da hab ich ein großes Rad gedreht und fürs Unternehmen viel Geld verdient“, erzählt der 52-Jährige. Unzufrieden sei er trotzdem gewesen.

Jens-Peter Wedlich engagierte sich ehrenamtlich bei Greenpeace, hielt Vorträge über saubere Meere und bildete Ehrenamtliche aus. Das Schweröl-Geschäft lief nebenher, bis ihm seitens seines Arbeitgebers eine einvernehmliche Kündigung nahegelegt wurde. Wedlich nahm an. Und wurde mit einer Abfindung sofort beurlaubt.

„Dann wollte ich was machen, was glücklich macht“, erzählt der Familienvater. Da war er kurz vor seinem 50. Geburtstag. 35 Bewerbungen schrieb er, er hatte zwei Vorstellungsgespräche. Der richtige Job für ihn war nicht dabei. „Ich hatte ja auch eine vierköpfige Familie zu versorgen“, erzählt er. Dann eröffnete der erste Unverpackt-Laden in Berlin. Und merkte: Das ist es.

Eineinhalb Jahre dauerte es, bis er die Ladenfläche im Stuttgarter Westen gefunden hatte. Er holte einen Unternehmensberater ins Boot und beauftragte einen „Das sieht man“, sagt er heute. „Schönes ist mir wichtig.“ Das wissen auch seine Kunden zu schätzen: „Die Leute sagen mir, Ihr Laden macht glücklich“, erzählt Wedlich stolz.

Seine Kunden kommen nicht nur aus dem Stuttgarter Westen, sondern auch aus Herrenberg, Pforzheim und Vaihingen/ Enz. Ob das ökologisch vertretbar ist? „Sie kaufen eben gleich mehr ein und verbinden den Einkauf mit anderen Dingen.“
Mittlerweile beschäftigt Jens-Peter Wedlich fünf (Teilzeit-) Mitarbeiter. Auch seine Frau hilft im Laden aus. Seine Familie und er selbst leben deutlich gesünder als früher, wenn er davon absehe, dass er 70 bis 80 Stunden in der Woche arbeite. „Das ist schon ein Handicap“, räumt er ein. Vor Kurzem hat er die Zahl der Mitarbeiter aufgestockt, um selbst mehr Freiräume zu bekommen. Seit das Thema Umweltverschmutzung und vor allem die Vermeidung von Plastikmüll durch alle Medien geht, sieht er sich im Trend. „Wir haben den Nerv der Zeit getroffen.“

Rechnet sich der Laden? „Wir können davon existieren, sagt der 52-Jährige. Viel Energie müsse reingesteckt werden, allein ins Putzen. Aber er macht es gern: „Der Laden macht mich glücklich. Ich bin angekommen.“