Waiblingen

Ein Pfarrer mit Zweifeln am Zölibat

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Pfarrer Paul Engelhart feiert seinen 90. Geburtstag. © Ramona Adolf

Waiblingen-Hohenacker. Generationen von Kindern feierten bei ihm Kommunion und Firmung: Am Samstag wurde Pfarrer Paul Engelhart 90. Konflikten mit der Obrigkeit ging er nicht aus dem Weg. Und noch heute ist er ein Mann ehrlicher, klarer Worte über die Kirche, das Zölibat, eigenes Verliebtsein – und die AfD.

Mit seinen 90 Jahren ist Pfarrer Paul Engelhart, der mit seiner „Hausfrau“ in Hohenacker wohnt, noch bewundernswert klar im Kopf und spricht begeisternd wie eh und je. „Nur predigen kann ich nicht mehr, denn ich kann nicht länger als zehn Minuten stehen“, sagt er. Dabei hätte er noch viel zu sagen. Im Gespräch von Angesicht zu Angesicht und von der Kanzel. Denn auch dort klammerte er sich nicht an den Text, redete frei – und erreichte damit die Herzen der Angesprochenen. „Der Mensch, nicht der Buchstabe“, stand und steht für ihn im Mittelpunkt. Womit er sich abhebt von so manchen, die nur nach der Schrift lehren – sei es katholisch oder evangelisch. Von der Kirche wünscht er sich mehr Nähe zu den Menschen und weniger Machtdemonstrationen.

Schon früh Protestanten und Katholiken getraut

Selber denken, statt sich den Vorgaben von oben zu unterwerfen, das entsprach seinem Naturell und seinem Glauben. Und es brachte ihn einige Male in Konflikt mit der kirchlichen Obrigkeit. Der unbotmäßige Pfarrer aus Schmiden, der nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1965 euphorisch auf eine Liberalisierung seiner Kirche hoffte und aus seiner Enttäuschung keinen Hehl machte, als sich manches nicht erfüllte, missfiel dem Bischof. Paul Engelhart verheiratete gegen Anweisung von oben gemischt-konfessionelle Paare. Dass die Gräben zwischen Protestanten und Katholiken weitgehend eingeebnet sind, macht ihn froh. Wie tief sie früher waren, kann man sich heute kaum noch vorstellen. „Man hat schlecht übereinander geredet.“

„Es tut gut, wenn man zu Hause erwartet wird“

Pfarrer wurde er „aus Zufall“. Nach dem Krieg sollte er ins Internat – und entschied sich eben für eins, in dem Fußball gespielt wurde. Das war in Ehingen an der Donau. Dass damit sein Berufsweg zum Pfarrer vorgezeichnet war, störte ihn nicht, schließlich kam er aus einer „schwarzgläubigen“ Familie. Doch, das bekennt Paul Engelhart ganz freimütig, er litt unter dem Zölibat. Er hatte die Gabe, die Gläubigen in der Gemeinde zu begeistern - umgekehrt ließ aber auch er sich von mancher jungen Frau begeistern: „Ja, es gab Verliebtheiten in meinem Leben“, bestätigt er. Besonders als junger Mann habe er manchmal an seiner Entscheidung, als Pfarrer ehelos zu leben, gezweifelt.

Seit 25 Jahren wohnt seine „Hausfrau“ Hannelore, wie er es formuliert, bei ihm. „Wir leben praktisch zusammen und nehmen uns auch in den Arm.“ Was für ein beglückendes Gefühl es doch sei, dass einen zu Hause jemand erwartet. Dass jemand einem gute Wünsche mit auf den Weg schickt und in Gedanken immer da ist. „Vom Monolog in den Dialog zu kommen“ ist etwas, was den Menschen guttut, so seine Überzeugung und eigene Erfahrung. Eine Erfahrung, die denen, die sich in der Katholischen Kirche seelsorgerisch um die Menschen kümmern, ebenso abgehe wie die andere Erfahrung, die dem Zölibat zum Opfer fällt: sich um Kinder zu sorgen.

Mit 15 zum Krieg gemeldet, später desertiert

Begeistert war Paul Engelhart auch einmal vom Krieg. Mit erst 15 Jahren meldete er sich freiwillig zum Krieg. Die Ernüchterung erfolgte rasch: Obwohl die Todesstrafe darauf stand, desertierte er. Lief einfach weg, versteckte sich und geriet in Gefangenschaft, wurde grausam behandelt, nicht zuletzt weil man glaubte, er gehöre zu den „Werwolf“-Partisanen. Geprägt von solchen Erlebnissen nahm er an Friedensdemos teil, und es bereitet ihm Sorgen, wie die Werte einer freien Gesellschaft und der Demokratie seit einigen Jahren „demontiert“ würden. Empörend findet er die gesellschaftliche Verrohung und „diese Unflätigkeit bis hinein in den Bundestag“. Gleichzeitig lehren ihn das Leben und der Glaube Gelassenheit. Die NPD sei in den 60er Jahren hochgekommen und wieder verschwunden. „Und wenn die Leute anfangen, den Kopf einzuschalten, wird auch die AfD verschwinden.“ Sie müssten erkennen, dass Fremde keine Feinde sind, sondern Mitmenschen.

Vor allem aber schöpft er Mut und Kraft aus dem Glauben. Oft zweifelt er, hat Fragen an Gott, die er sich nicht beantworten kann. Warum gibt es so viel Armut, warum so viel Gewalt? „Umso älter ich werde, wird Gott ein größeres Geheimnis für mich.“ Unerschütterlich ist jedoch sein Vertrauen, „dass Gott die Welt nicht zum Teufel gehen lässt“.