Waiblingen

Ein Trickdiebstahl ohne Dieb

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Symbolfoto. © Joachim Mogck

Waiblingen/Kernen. Wer hat hier wen reingelegt? Wegen gemeinschaftlichen Diebstahls muss sich ein 36-Jähriger vor Gericht verantworten. Der Angeklagte beharrt darauf: Er kenne den anderen nicht. Ein Überwachungsvideo soll Klarheit bringen – und wirft bei genauer Betrachtung neue Fragen auf.

Mehrere Sonnenbrillen soll ein 36-jähriger Georgier gemeinsam mit einem noch Unbekannten aus einem Brillengeschäft in Kernen gestohlen haben. Der Familienvater soll den Optiker in ein Gespräch verwickelt haben, während sein vermeintlicher Komplize die Brillen im Wert von mindestens 360 Euro unter einer über seinen Arm gelegten Jacke verborgen haben soll.

Dann sollen die beiden Männer gemeinsam den Laden verlassen haben. So zumindest steht es im Polizeibericht, der als Grundlage für die Anklage wegen des gemeinschaftlichen Diebstahls dient.

Die Version des Angeklagten zeichnet ein anderes Bild des Geschehenen: Etwa eine Woche vor besagtem Tag im Juni des vergangenen Jahres habe er einen Arbeitsunfall gehabt, teilt der Weissacher, der in einer Gießerei arbeitet, über eine Dolmetscherin mit. Bei der Arbeit sei ihm etwas heißes Aluminium ins Auge geflogen – trotz Schutzbrille. Er sei daher zu dem Optiker gegangen, um sich eine speziell angepasste Schutzbrille anfertigen zu lassen.

Unterwegs Fremden getroffen

Auf dem Weg dorthin sei er einem jungen Mann begegnet, der ihn auf Französisch angesprochen und nach einer Zigarette gefragt habe; so viel habe er verstehen können, obwohl er selbst kein Französisch spreche. Der Fremde sei ihm in das Brillengeschäft gefolgt und habe dort den Besitzer begrüßt wie einen alten Freund.

Er selbst habe weder den Optiker noch den französisch sprechenden Mann je zuvor gesehen. Während er dem Optiker erklärt habe, was er brauche, und einen Termin vereinbart habe, habe der andere verschiedene Brillen anprobiert und manchmal auch gefragt „Na, wie sieht das aus?“, so die Schilderung des Angeklagten weiter.Nach dem Beratungsgespräch habe er den Laden verlassen, der andere Mann sei ihm wiederum gefolgt.

Ein Überwachungsvideo soll Licht ins Dunkel bringen – sorgt aber erst mal für Diskussionen. Während es dem Staatsanwalt „komisch vorkommt“, dass die beiden Männer sich überhaupt nicht gekannt haben sollen und dennoch gemeinsam das Optikergeschäft betreten und verlassen, meint die Vorsitzende Richterin Dozauer: „Es könnte beides sein. Es könnte ein Freund von Ihnen sein und eine gemeinsame Masche, oder aber die Masche des anderen, der Sie hierfür benutzt hat.“

Klar ist nur: Nichts ist klar

Weiter erhellen soll die Geschichte die Aussage des geschädigten Optikers. Doch er vermag vor Gericht nicht mehr zu sagen, wie viele Brillen genau gestohlen wurden und ob er die Regale an jenem Tag vor dem Besuch des Angeklagten auch wirklich aufgefüllt hatte.

Er wolle auch den Angeklagten gar nicht beschuldigen, sagt er. Wenn jemand gestohlen habe, dann wohl der andere, der Unbekannte, der aber wenige Wochen zuvor bereits einmal ins Geschäft gekommen war, um Brillen anzuprobieren. „Der Angeklagte wäre ja auch stockblöd, wenn er seine Adresse und seine Telefonnummer hinterlassen und dann etwas klauen würde“, kommentiert die Richterin.

Wenig Erhellendes beitragen kann auch die Polizistin, welche die Aussage des Optikers aufgenommen und zu Papier gebracht hat. Deren Bericht kritisiert die Richterin als „unsachlich und tendenziös“ in der Wortwahl und fordert die Beamtin auf, ihr die Stelle des Videos zu zeigen, an welcher der Unbekannte Brillen unter seiner Jacke versteckt haben soll.

Am Ende sind sich alle einig

Wie die Hühner auf der Stange stehen anschließend Gerichtsdienerin, Staatsanwalt, Richterin, Verteidiger, Angeklagter und Dolmetscherin vor dem Bildschirm und warten. Und warten. Einzig die Polizistin zappelt nervös herum und zeigt am Ende – nichts. Denn bei genauerer Betrachtung des Videos wird in diesem kuriosen Fall aus der Frage, wer hier wen reingelegt hat, offenbar ein: „Wurde hier überhaupt etwas gestohlen?“

Dies sei auf dem Video nämlich nicht zu sehen und falls doch, so war es zumindest nicht der Angeklagte, der da lange Finger gemacht hat. Darüber sind sich am Ende alle einig: Staatsanwalt und Verteidiger fordern einen Freispruch, den die Richterin auch gewährt.