Waiblingen

Eine Klasse, zwei Niveaus

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Wer lernt hier auf welchem Niveau? Seit diesem Schuljahr können Kinder in der Realschule sowohl im Reliunterricht als auch in allen anderen Fächern sowohl auf Realschul- als auch auf Hauptschulniveau unterrichtet werden. © Pixabay.com / CC0

Waiblingen. Gute zwei Monate ist das Schuljahr alt – zu kurz, um neue Erfahrungen festklopfen zu können. Und doch: Erstaunlich viele Realschulrektorinnen und -rektoren aus dem Kreis haben sich gemeldet auf die Frage: Wie geht’s euch und euren Schülern damit, dass jetzt auch in der Realschule auf unterschiedlichen Niveaus unterrichtet werden muss? Das Thema treibt um.

„Die Realschule – eine leistungsstarke Schulart“ betitelt Kultusministerin Susanne Eisenmann ihren Flyer zu einer „der tragenden Säulen unseres Schulsystems“. Diese Säule wird zwar aktuell nicht in ihren Grundfesten erschüttert, doch sie muss deutlich mehr tragen, seit die Sommerferien zu Ende gegangen sind.

Denn seit diesem Schuljahr, mit dieser aktuellen siebten Klasse, können Kinder, die dem Realschulniveau nicht gewachsen sind, in der Realschule weiterunterrichtet werden. Und zwar auf dem sogenannten G-Niveau, dem grundlegenden Niveau der Hauptschulen.

Nur wenige Kinder werden aktuell auf Hauptschulniveau unterrichtet

„Dass es nicht ganz einfach wird, das ahnen wir“, sagt Peter Hoffmann, Rektor der Schorndorfer Gottlieb-Daimler-Realschule. In seinen siebten Klassen – er hat fünf davon – sind es aktuell fünf Schüler, die in ihren alten Klassen bleiben, aber auf G-Niveau unterrichtet werden. Ein Kind hat sich dafür entschieden, die sechste Klasse zu wiederholen, um sich damit das mittlere, das M-Niveau, der Realschule zu erhalten.

Hoffmanns Schnitt entspricht in etwa dem, was in den anderen Realschulen des Kreises auch zu beobachten ist: In der Winnender Geschwister Scholl-Realschule sind es laut Schulleiterin Sabine Klass „nur wenige Kinder“, in der Hohbergschule Plüderhausen ist’s aktuell ein Kind, das sich für das G-Niveau entschieden hat. Genauso in der Endersbacher Reinhold-Nägele-Realschule. Rektor Hans-Peter Schultheiß erwartet allerdings für die kommenden zwei Schuljahre einen Anstieg der Zahl: Es seien die achte und die neunte Klasse, in denen die Kinder üblicherweise hängenblieben.

Herausforderung für die Lehrer

Schultheiß unterrichtet zurzeit in der angesprochenen siebten Klasse Physik. Er – und alle Kolleginnen und Kollegen – steht jetzt vor der Herausforderung, den einen Schüler nicht zu vergessen. Man müsse ihm die Chance geben, bei einfacheren Sachverhalten zu Wort zu kommen. Klassenarbeiten entwirft er jetzt zwei. Oder mehr, wenn Kinder krank werden und nachschreiben müssen. Die sehen vielleicht so aus: Wenn die Kinder in der M-Niveau-Klassenarbeit zum Beispiel eine Tabelle selbst entwerfen müssen, sei diese für den G-Schüler vorgegeben. Er müsse nur ausfüllen.

Unterrichtsmaterialien müssen jeden Tag beide Niveaus bedienen. Da brächten die Realschulen allerdings ja Erfahrungen mit den Kindern aus den Vorbereitungsklassen mit, die ja längst auch integriert werden müssen. Man mache, sagt Schultheiß, eben Arbeitsblätter, bei denen die erste und zweite Aufgabe für die Schwächeren ist, die Guten lassen die weg und machen Aufgabe sieben und acht.

Auch Schülern mit Gymnasialempfehlungen gerecht werden 

Schließlich, meint er, müsse man die Einser-Schüler ja auch nicht mit zu Einfachem langweilen: Längst sind auf den Arbeitsblättern auch Aufgaben fürs E-Niveau, das erweiterte Niveau, das an den Gymnasien unterrichtet wird. Denn schließlich sind auf den Realschulen auch viele Kinder, die eine Gymnasialempfehlung mitbringen. Die wollen, schreibt Jürgen Groitzsch von der Plüderhäuser Hohbergschule, „gefüttert werden“.

Extra-Klassen für die G-Schüler gibt es bislang in keiner Schule. Tatsächlich wäre das ob der noch viel zu geringen Schülerzahl nicht möglich. Die Rektoren betonen aber, dass Stigmatisierung und Ausgrenzung auf jeden Fall vermieden werden sollen. Die Lehrerinnen und Lehrer thematisieren den Niveauwechsel in den Klassen nicht. Bekannt wird das also nur, wenn die Kinder selbst darüber reden oder wenn sie Klassenarbeiten vergleichen.

Das Ziel: Möglichst viele Kinder zur Mittleren Reife bringen

„Ich kann dem positive Aspekte abgewinnen“, sagt Peter Hoffmann. Eine Klasse zu wiederholen, ist seine Erfahrung, „bringt oft nichts“. Die sogenannte „Abschulung“, wenn Realschüler in die Hauptschule wechseln mussten, sei „schrecklich“ gewesen. Es sei, sagt er, eine gewaltige Aufgabe, die das Land gestellt habe. Aber kein Grund zum Verzweifeln. „Es gab ja auch gewaltig Stunden dafür.“ Und: „Mit dem Anspruch steigt die Leistung.“

Das explizite Ziel der Realschulen ist es nämlich, möglichst viele Kinder zur Mittleren Reife zu bringen. Deshalb sollen auch die Kinder, die im G-Niveau unterrichtet werden, schnell wieder ins M-Niveau zurückwechseln können. Um die Kinder dafür entsprechend zu fördern, arbeiten die Realschulen inzwischen mit vielerlei Maßnahmen. Manche teilen die Klassen in den Hauptfächern in unterschiedliche Gruppen. Manche nehmen zumindest eine Hauptfachstunde, in der die Klasse geteilt wird. Es gibt Förderstunden und sogenannte „Lernbandstunden“, in denen die Kinder selbstständig an Wochenaufgaben arbeiten und gezielt betreut werden können.

In den höheren Klassen allerdings wird immer deutlicher differenziert werden müssen. In Geschichte etwa wird die deutsche Wiedervereinigung laut Realschul-Lehrplan erst in Klasse 10 unterrichtet. Würden die Kinder, die den Hauptschulabschluss anstreben, bis zum Ende ihrer Schullaufbahn in der neunten Klasse parallel und nur mit weniger schwierigen Aufgaben unterrichtet, bliebe für sie – zumindest schulisch – Deutschland ein geteiltes Land. Das geht nicht. Da werden sich die Lehrerinnen und Lehrer noch ganz schön was einfallen lassen müssen.


Backnang. Heterogenität ist nicht neu für Realschulen. Seit diesem Schuljahr wird ihr nun mit zwei möglichen Abschlüssen Rechnung getragen. Die Versetzungsregeln erlauben verschiedene Wege für die Kinder. Die Herausforderung für die Lehrer: Wie in Gemeinschaftsschulen muss jetzt auf mehreren Niveaus gleichzeitig unterrichtet werden.

Seit dem Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung im Jahr 2011 besuchen Kinder die Realschulen, die vom Notenschnitt her früher auf eine Haupt- oder Werkrealschule geschickt worden wären. Gleichzeitig aber gehen auch Kinder mit Gymnasialempfehlung auf die Realschulen. In diesen Fällen ist G 8 der Grund. Das heißt für die Realschulen: In den Klassen lernen Kinder mit sehr unterschiedlichem Können zusammen.

Seit diesem Schuljahr und mit der aktuellen siebten Klasse haben Realschüler die Möglichkeit, auch in der Realschule den Hauptschulabschluss zu machen. Schulrat Helmut Bauer vom Staatlichen Schulamt Backnang betont jedoch, dass das Ziel des Unterrichts vorrangig die Mittlere Reife sei.

Zwei Niveaus gleichzeitig

Dennoch: Ab Ende der sechsten Klassen stehen Kinder, die nicht versetzt werden, jetzt vor einer Entscheidung. Entweder sie wiederholen die Klasse und erhalten sich damit das M-Niveau. Oder sie bleiben in ihrer Klasse, lernen auf G-Niveau weiter und werden auch nach Hauptschul-Maßstäben benotet.

Die zwei verschiedenen Niveaus müssen Lehrerinnen und Lehrer gleichzeitig bedienen. Die Schulbücher helfen dabei: Hier gibt es schon Aufgaben von einfach bis schwer, die entsprechend gekennzeichnet sind. Theoretisch wäre inzwischen, nachdem Susanne Eisenmann Kultusministerin geworden ist, auch die Teilung der Klassen in unterschiedliche Lernniveau-Gruppen erlaubt. Doch in der Praxis lässt sich das noch nicht durchsetzen. Zu wenige Kinder sind betroffen.

Es gelten die alten Versetzungsordnungen - aber Niveauwechsel sind möglich

Grundsätzlich und für beide Lern-Niveaus gelten die alten Versetzungsordnungen: Sitzen bleibt, wer einen Zeugnisdurchschnitt schlechter als 4,0 oder zwei Fünfer ohne Ausgleich in den Hauptfächern hat.

Zweimal die gleiche Klasse hintereinander zu wiederholen geht nicht. Dann erfolgt ein Abstieg von M-Niveau nach G-Niveau.

Nach einer Ehrenrunde in der darauffolgenden Klasse gleich wieder sitzenzubleiben geht auch nicht. Kinder im M-Niveau können dem Sitzenbleiben entgehen, wenn sie aufs G-Niveau wechseln. Wer auf G-Niveau sitzenbleibt, muss ganz normal wiederholen. Die Anzahl der Wiederholungen ist hier, laut Informationen des Kultusministeriums an die Schulleitungen, nicht beschränkt.

Wer den Hauptschulabschluss schafft, darf bleiben

Aber: Wieder aufsteigen ist auch möglich. Wer auf G-Niveau gute Leistungen zeigt – in den Fächern Deutsch, Mathe und in der Fremdsprache müssen Zweier, in allen versetzungsrelevanten Fächern der Durchschnitt von 3,0 erreicht werden –, kann zum Schulhalbjahr wieder ins M-Niveau wechseln.

In Klasse neun allerdings ist kein Wechsel mehr möglich. Hier wird gezielt auf den Hauptschulabschluss hingearbeitet. Wer den geschafft hat, darf bleiben, in der zehnten Klasse auf M-Niveau weiterlernen und die Mittlere Reife ablegen.


Kein Werkrealschulabschluss

  • Der noch bis vor wenigen Schuljahren so hochgepriesene Werkrealschulabschluss ist im neuen Realschulsystem nicht vorgesehen. Es können die Mittlere Reife und der Hauptschulabschluss gemacht werden.
  • Wer einen Werkrealschulabschluss ablegen möchte, muss auf eine Werkrealschule gehen. Davon allerdings gibt es im Rems-Murr-Kreis nur noch zwei – in Plüderhausen und in Rudersberg.
  • Damit verschwindet der Werkrealschulabschluss mehr und mehr aus der Bildungslandschaft. Denn auch die Gemeinschaftsschulen bieten diesen Abschluss nicht an.