Waiblingen

Eine Stimme gegen Erdogan

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Recep Caliskan vor Fotobannern mit den Gesichtern von Staatsgründer Kemal Atatürk und Partei-Gründerin Meral Aksener. © Gaby Schneider / ZVW

Waiblingen. Er ist schwärmerisch türkisch und begeistert deutsch – und deshalb „kann es so nicht weitergehen“, sagt der Plüderhäuser Recep Caliskan, 53, wieder und wieder. Er wirbt für eine neugegründete Partei, die Iyi Parti: Sie soll endlich eine wirksame Opposition aufziehen gegen Erdogan, der sein Land von Europa entfremdet.

Das Frühstück verrät alles über die zwei Seelen in seiner Brust. Er und seine Gattin, sie hätten „ein bisschen“ was hergerichtet – und das also ist es, was überbordende Gastfreundlichkeit unter „ein bisschen“ versteht: Das Mittagessen können wir streichen. „Seit sechs Uhr ist meine Frau wach und hat alles vorbereitet – aber ich habe auch geholfen! Nicht dass Sie denken . . .“ Die Käsespieße, Eier, Essiggurken: Sie liegen sorgsam hindrappiert in Kreisformation, deutsche Ordnung herrscht auf den Tellern. Dazu aber: Oliven, grün, Oliven, schwarz, Paprika, Tee, Saft, „Börek“-Blätterteigstangen: türkische Üppigkeit, türkische Fülle.

„Ich habe zwei Heimaten“, sagt Recep Caliskan; die Türkei, „wo ich herkomme“; Deutschland, „wo ich mein ganzes Leben verbracht habe“. Er liebt die Türkei, „ihre Geschichte, die Kultur, das Essen“, er verehrt Deutschland, die „Gerechtigkeit, Gewissensfreiheit, das Schulsystem, die starke Wirtschaft“. Hierher ist er im Alter von acht Jahren gekommen, hier hat er Kindheit und Jugend durchlebt, beruflich Fuß gefasst, wurde Tourismus-Fachwirt, gründete ein Reisebüro, arbeitet heute bei Daimler in der Endkontrolle des Motorenwerkes Untertürkheim, ist Vertrauensmann der IG Metall; hier sind seine drei Kinder geboren, „in Schorndorf. Der Daimlerstadt!“

„Ich fühle mich hier wirklich sehr, sehr wohl. Sehr, sehr sicher. Sehr, sehr glücklich.“ Er stockt. „Bis jetzt.“

„Ich fühle mich hier wirklich sehr, sehr wohl. Bis jetzt"

Seit Erdogan Deutschland vor den Kopf stößt, merkt Recep Caliskan, dass „die deutschen Freunde – gute Freunde! Gute Nachbarn, gute Geschäftsleute, gute Arbeitskollegen – Abstand halten. Sie versuchen, dass ich es nicht merke. Aber ich spüre es.“ Erst, „wenn wir ins Gespräch kommen und ich meine Vorstellungen sage, blühen die wieder. Und akzeptieren mich.“

Dies ist Recep Caliskans tiefe Sorge: dass das Band zwischen seinen „zwei Heimaten“ zerreißt. „Es kann so nicht weitergehen.“

Atatürk und Aksener: Zwei überlebensgroße Köpfe

Zwei große Foto-Banner beherrschen das Wohnzimmer: überlebensgroß, vor türkischen Flaggen, Staatsgründer Kemal Atatürk und Iyi-Parti-Gründerin Meral Aksener. Beide sind Caliskan gleich wertvoll – und deshalb ist er jetzt nicht ganz glücklich mit dem Arrangement: Atatürks Kopf sitzt, die hohe Pelzmütze ist schuld, allzu tief unter Akseners Konterfei. Der Hausherr, geschäftig um historische Gerechtigkeit bemüht, unterlegt das Gestell, das Atatürks Antlitz trägt, mit Büchern.

Atatürk, „der große General, der große Gründer, der große Denker“, hat einst aus den Trümmern des Osmanischen Reiches ein modernes, Europa zugewandtes Land geformt, und „er hat immer gesagt: Lasst uns Staat und Religion nicht verwechseln!“ Meral Aksener aber, das ist Caliskans Hoffnung, soll diesen Geist wiederbeleben.

Wenn Recep Caliskan mit Luis-de-Funes-haft agiler Mimik Kaskaden und Katarakte aus Worten sprudeln lässt, bricht ein unzähmbares schauspielerisches Temperament sich Bahn, er führt theaterreife Dialoge mit sich selber; wenn er klagt, Erdogans Partei habe „alle Zügel in der Hand“, greift er in die Luft, als fasse er einem Pferd ins Zaumzeug; wenn er warnt, dass Erdogan „marionettenmäßig kommandiert“, zieht er wie ein Puppenspieler an imaginären Fäden. „So kann es nicht weitergehen.“

Der Präsident und seine devoten Claqueure

Sicher, der „Aufschwung war enorm“ in Erdogans ersten Regierungsjahren: Er ließ Straßen, Brücken, Flughäfen bauen, und die „Hygiene“ in den Krankenhäusern, vormals „katastrophal“, wurde, „ich will fast behaupten, wie in Deutschland“.

Nur: Erklärte Erdogan heute, „Kaffee ist schlecht“ – alle würden „applaudieren“. Behauptete er vier Wochen später, „Kaffee ist das Beste, ein türkisches Getränk“ – alle würden klatschen. Im Fernsehen läuft ein Spielfilm; plötzlich wird das Programm unterbrochen, nur weil Erdogan grade mal wieder irgendwo vorfährt. Und um die kriecherischen Dialoge zwischen Studio-Moderator und Außen-Reporterin zu veranschaulichen, schlüpft Caliskan in beide Rollen und hält sich ein Luftmikro unter die Nase. „Das Volk“ gehe „geduckt“, und die Islamisten gewinnen an Macht: „Die sehen – Verzeihung – die sehen eklig aus“ mit ihren langen Fanatikerbärten und wollen, dass „die Frauen verschleiert“ gehen!

Isolation der Türkei?

Wenn Caliskan in der Türkei Urlaub macht, sieht er an den Stränden kaum noch Europäer. In welche Isolation steuert die Türkei nur hinein? „Sie exportiert knapp 80 Prozent nach Europa“; was, wenn diese Brücke zerbräche? „Was passiert mit den Arbeitsplätzen, den Familien, den Kindern? Wo führt das hin?“ Und falls die deutsche Regierung eines Tages, „im schlimmsten Fall“, sagte, „okay, wenn das so ist, müsst ihr in euer Land zurück, innerhalb von drei Monaten – was ist dann?“

„Muslime, Christen oder Juden, jeder sollte frei seine Religion ausüben dürfen“, sagt Recep Caliskan; und jeder ein würdiges Leben führen. So sehr er die kurdische PKK ablehnt – die Sehnsüchte der kurdischen Bevölkerung kann er verstehen. „Sie konnten nicht mal ihre eigene Sprache öffentlich sprechen“, und dass ihr Gebiet wirtschaftlich so „rückständig“ ist, „das ist unser Fehler. Ich bin gegen Diskriminierung.“

Ach, wohin steuert das Land seiner Geburt? „So kann es nicht weitergehen“, sagt Recep Caliskan. „Oder wir verlieren alles, was wir haben.“

Die Iyi Partei

Die Iyi Parti (übersetzt: „gute Partei“) entstand erst im Herbst 2017, gilt manchen Beobachtern mit Blick auf die türkische Parlamentswahl 2019 aber bereits als aussichtsreichste Konkurrenz von Erdogans AKP und könnte womöglich stärkste Oppositionskraft werden. Wofür die Iyi Parti allerdings steht, lässt sich momentan noch nicht ganz konturenscharf sagen, da es widersprüchliche Indizien gibt.

Eindeutig ist: Die Iyi Parti versteht sich als kemalistische und laizistische Kraft, sieht sich also in der Nachfolge des Staatsgründers Atatürk.

Ansonsten aber: Einerseits gehören zu den Iyi-Parti-Mitgliedern viele ehemalige Angehörige der MHP, einer als nationalistisch bis ultranationalistisch oder faschistoid geltenden Partei. Andererseits finden sich unter den programmatischen Zielen der Iyi Parti diverse eher liberal klingende – Abschaffung des von Erdogan per Referendum durchgesetzten Präsidialsystems und Rückkehr zum parlamentarischen System; Bildungs- und Alphabetisierungskampagnen vor allem für Frauen; Einführung der EU-Standards in Sachen Pressefreiheit.

Dieses widersprüchliche Schillern findet sich auch in der Person der Parteigründerin Meral Aksener, 61. Sie war früher in der ultranationalistischen MHP – bevor sie 2016 im Zuge eines Richtungsstreits ausgeschlossen wurde und nun bei der Iyi Parti liberalere Akzente setzt. Als türkische Innenministerin in den Jahren 1996 und 1997 vertrat sie einen knallharten Kurs gegen die Kurden – auf die sie mittlerweile offen und dialogfreudig zugeht. Ob es sich dabei um radikale Kurswechsel oder taktische Manöver handelt, ist umstritten – zumal Aksener deutlich nationalistisch klingt, wenn sie sich von der derzeitigen türkischen Offensive gegen die syrischen Kurden nicht distanziert, sondern erklärt: Dies sei kein „Krieg“, dies sei eine „Operation“.

Dass es Aksener persönlich wichtig sei, vor allem Mädchen und jungen Frauen gesellschaftliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen und Chancen zu eröffnen, gilt als glaubwürdig. Auch will sie den Aleviten, den Anhängern der zweitgrößten Glaubensgemeinschaft des Landes, mehr Rechte einräumen – das haben in der Türkei allerdings schon viele Parteien versprochen und nicht gehalten.