Waiblingen

Einer der besten Barbiere der Welt

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Zurücklehnen und entspannen: Was anderes bleibt dem Kunden ohnehin nicht übrig, wenn der Barbier die Klinge ansetzt. © Büttner / ZVW
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Alkoholfreies Barber-Stillleben. © Benjamin Büttner

Waiblingen. Scharfe Klingen sind das Handwerkszeug von Giuseppe de Sanctis. Beim Finale der International Barber Awards am Wochenende in Nürnberg trat er gegen einige der besten Barbiere der Welt an – und kam immerhin auf Platz zwölf. Auch im Alltag in Waiblingen zelebriert er die hohe Kunst des Bartpflege-Rituals.

Echte Barbierskunst hat nichts mit billigen Schnellschnell-Haarschnitten zu tun. 75 Minuten nahmen sich die Kandidaten im Halbfinale für ihre Modelle Zeit. Die Aufgabe lautete, den sich entspannt in ihren Sesseln zurücklehnenden Männern einen „Hot-Towel-Shave“ als klassische Nassrasur mit warmen und kalten Kompressen zu verpassen. Dazu ein ausgedehntes Pflegeritual, etwa mit Kopfmassage und Bartölen. Alles unter den gestrengen Augen einer Fachjury.

Mehr als 300 Barbiere und Barbierinnen aus der ganzen Welt hatten sich per Online-Verfahren zur Teilnahme am Branchenwettbewerb des Veranstalters „1o1 Barbers“ beworben. Mit der Höchstpunktzahl schaffte Giuseppe de Sanctis, 30 Jahre alt und Geschäftsführer des „Village Barber“-Ladens in der Waiblinger Bahnhofstraße, bei der Vorausscheidung in Mannheim als einer von vier Deutschen den Einzug ins Finale der besten 18 mit Kollegen aus Benelux, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Norwegen und dem Kosovo.

Zusätzlich zur Friseurlehre in Italien Barbier gelernt

Schönheit und Wellness werden in der boomenden Barber-Szene plötzlich auch Männersache. „Frauen lassen sich die Nägel machen oder die Augenbrauen zupfen, gehen ins Solarium oder zur Kosmetik“, sagt Giuseppe de Sanctis – „für uns Männer gibt es fast nichts.“ Mit Betonung auf „fast“. Denn seit einigen Jahren lebt der Kult um das haarige Symbol der Männlichkeit auf, das über Jahrzehnte achtlos und mechanisch weggeschreddert oder dem verzauselten Wildwuchs der Natur überlassen wurde: der Bart. Im Barbershop sind die Männer tendenziell unter sich. Das Design ist schlicht und cool, im Fernsehen läuft Sport. Die Wasserspritzen, mit denen die Kundenhaare befeuchtet werden, sind in kultiger Whiskey-Optik gehalten.

Gründlich und glatt ist nicht alles; was zählt, ist Kontur. Die Haare dürfen lang oder kurz sein, lieber mit glänzender Pomade als mit schnödem Gel nach hinten gelegt, die Scheitel müssen scharf sein wie Rasierklingen. Der Barber-Style ist klar retro, lehnt sich stark an die Fünfziger und die Rockabilly-Mode an. Natürlich stammt der Trend aus den USA, befeuert wird er von den sozialen Netzwerken, so dass die Barbershops plötzlich sprießen wie die Stoppeln eines Dreitagebartes.

Dabei ist Giuseppe de Sanctis keiner, der nur der Mode nachrennt. Tatsächlich träumte er schon als Junge davon, Barbier zu werden. In Italien, wo die Familie des Zuffenhauseners ihre Wurzeln hat, war der Bartkult anders als in Deutschland nie verschwunden. Deshalb ging er nach seiner dreijährigen Friseurlehre für ein halbes Jahr in den Süden, um das traditionelle Handwerk der Bartpflege zu lernen. Die Faszination des Berufs hatte ihn schon von klein auf gepackt, als er seinen Onkel im damaligen „Figaro“ in der Waiblinger Altstadt erlebte: „Er hatte einfach Spaß, im Umgang mit den Kunden konnte er ganz er selbst sein.“ Friseure und Barbiere, sagt Giuseppe de Sanctis, der von allen freundschaftlich „Giuse“ genannt wird, darf seine Persönlichkeit leben. Eine anonyme, austauschbare Nummer in einem Großkonzern wollte er nie sein.

Sportlicher Ehrgeiz war’s, der ihn zur Teilnahme am Wettbewerb bewegte. Und der Reiz, objektiv testen zu lassen, ob er denn wirklich so gut ist, wie seine Stammkunden sagen. Dass er gleich ins Finale einzog, hat ihn selbst überrascht. Was er aus Nürnberg mitbrachte, ist nun zwar keine Trophäe, aber eine „mega Erfahrung“ – und die Motivation, beim zweiten Versuch 2019 vielleicht noch etwas weiter nach vorne zu kommen.

Gewonnen hat in der vermeintlichen Männerdomäne am Ende übrigens eine Frau: Tsvetelina Gergova aus Bulgarien.


Die Frisur 2019

Im Finale der International Barber Awards mussten die Teilnehmer die Jury mit einem Herren-Trendhaarschnitt 2019 von sich überzeugen, also einen Blick in die Zukunft wagen.

Giuseppe de Sanctis entschied sich für eine Kombination aus Kurz und Lang, die dem Träger ermöglicht, seine Frisur zu variieren – nämlich den Schopf einmal seitlich zu tragen und am anderen Tag nach oben zu stylen.

Die Bärte werden 2019 wieder kürzer, glaubt er. „Es geht in Richtung sauber und gepflegt.“