Waiblingen

Einfach singen – ohne Noten und ohne Zwang

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Das offene Singen mit Patrick Bopp macht Furore. Alle zwei Wochen stehen im „Schwanen“ die Leute Schlange, und schon mancher Gesangverein hat sich von der Idee inspirieren lassen. © Ralph Steinemann

Waiblingen. Vom Waiblinger Schwanen aus erobert eine Idee die Region. Sie ist so bestechend wie einfach: „Aus voller Kehle“ heißt frisch drauflos singen, ohne Noten, ohne Verpflichtungen – aber mit viel Spaß an der Sache. Der Mann, der bis zu 200 Sänger inspiriert und motiviert, heißt Patrick Bopp, Sänger der A-Cappelle-Gruppe „Füenf“.

Im Video: "Aus voller Kehle für die Seele" singen mit Patrick Bopp, Chorleiter und Sänger der "Füenf", im Kulturhaus Schwanen in Waiblingen

Das offene Singen macht Furore. Alle zwei Wochen stehen im „Schwanen“ die Leute Schlange, und schon mancher Gesangverein hat sich von der Idee inspirieren lassen. Vor ein paar Jahren entstand sie aus einem Workshop mit der Volkshochschule, die alljährlich am 1. April Formate zu veranstalten pflegt, die aus dem Rahmen fallen. Sommers wurde die Sache unter dem Motto „reif für die Insel“ im Freien weitergedreht – und ist nun schon seit Jahren nicht mehr wegzudenken aus dem Kulturhaus.

Überwiegend Heiteres quer durch alle Sparten

Trotz des Ortes sind es keine Schwanengesänge, die dabei angestimmt werden, sondern überwiegend Heiteres quer durch alle Sparten. Und viele Besucher, die einmal mitgesungen haben, kommen immer wieder. Die Teilnehmer dürfen bei der Songauswahl mitbestimmen. So führt Patrick Bopp eine Liederwunschliste, die freilich so lang ist, dass sie kaum je abgearbeitet werden kann. So wie der 46-jährige Esslinger selbst, der Klavier studierte, sich nie etwas aus der Unterscheidung von E- und U-Musik gemacht hat, so wenig spielt diese beim offenen Singen eine Rolle.

Beliebt sind die Lieder von Udo Jürgens oder sanfte Klänge wie Leonard Cohens „Hallelujah“. Gerne wagen sich die Teilnehmer aber auch an melodiös Verschrobenes wie „Bohemian Rhapsody“ von Queen oder tendenziell Trauriges wie „Mad World“ von der Band Tears for Fears. „Es gibt keine No-Gos“, sagt Patrick Bopp. Nur Rap-Titel lassen sich mit 200 Leuten schwer umsetzen, das lehrt die Erfahrung. So sehr sich das Publikum auch etwas von den „Fantastischen Vier“ wünscht. „Gemeinsames Scheitern“ ist durchaus mal drin und sorgt für ausgelassene Stimmung.

Auf die etwas andere Art Leute zum Singen zu bringen

Ein neuer Trend zum Singen. Den Vollblutmusiker freut’s, und den Gesangvereinen will er keinesfalls Konkurrenz machen. Im Gegenteil hofft er, auf die etwas andere Art Leute zum Singen zu bringen, die sich so ermutigt nach einer Weile in einen Chor oder Verein trauen.

Allzu lang war der Gesang in Deutschland aus der Mode, zum Teil wegen der braunen Vergangenheit, zum Teil wegen des zensurenfixierten, keine Peinlichkeit auslassenden Vorsingens vor der Schulklasse. Bei Patrick Bopp werden die Sänger nicht allein gelassen und müssen nichts beweisen. Wer mag, kann auch einfach mitsummen oder zuhören. Singen tut der Gesundheit gut, stärkt die Atmung und lockert die Muskeln. Vor allem jedoch schmeichelt es der Seele, wie der Vorsänger manchmal selbst spürt. Nach einem schlechten Tag entfaltet das offene Singen seine wohltuende Wirkung - „wie eine Art Meditation“. Eine mitunter ziemlich launige und unterhaltsame.

Dutzende Haltestellen der Stuttgarter Stadtbahn besungen

Im Tübinger Sudhaus wird ebenfalls „aus voller Kehle“ gesungen, und auch sonst dreht sich beim Chorleiter fast alles um die Musik und ihre wohltuenden Wirkungen. Hauptsache sind die „Füenf“, mit denen er seit 22 Jahren die Kunst des A-Cappella-Gesangs vom Bodensee bis Berlin hochleben lässt und vor ein paar Jahren schon Dutzende Haltestellen des Stuttgarter Stadtbahnnetzes besang.

Dazu kommt eine starke soziale Komponente: Bei der Stuttgarter Vesperkirche leitet der Musik-Comedian ein Chorprojekt mit Wohnungslosen, was seinen ganz eigenen Reiz hat. Die Lebenserfahrungen der Sänger wirken sich auf die Stimmen aus. Eine ältere Frau hat nur noch zwei Zähne – „aber sie legt an Emotion alles rein“. In Calw arbeitet Patrick Bopp mit schwer erziehbaren Jugendlichen, in Esslingen mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Für die Württembergische Landesbühne schreibt er Theatermusik – und nicht zuletzt leitet er zwei „normale“ Chöre in Esslingen sowie seinem Heimatort Steinenbronn.

Sing-Termin am Dienstag

  • „Aus voller Kehle für die Seele“ gesungen wird am Dienstag, 14. Februar, um 20 Uhr.
  • Eintritt: Sitzplätze kosten 7,50 Euro, ermäßigt sieben Euro (sowohl Vorverkauf als auch Abendkasse), Stehplätze 6,50 Euro, ermäßigt sechs. Wer spontan an die Abendkasse kommt, muss damit rechnen, möglicherweise auch mal nicht reinzukommen.