Waiblingen

Einigung im Tarifkonflikt: Ein tragbarer Kompromiss

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Vergangene Woche startete die IG Metall bei Stihl in Waiblingen mit ihren 24-Stunden-Streiks. Knapp eine Woche später wurde der Tarifkonflikt in der Metall- und Elektroindustrie beendet. © Palmizi / ZVW

Waiblingen. In der Metall- und Elektroindustrie ist in der Nacht zum Dienstag der Tarifkonflikt beigelegt worden. Wie es sich für einen guten Kompromiss gehört, bleiben auf beiden Seiten Wünsche offen. „Ich sehe den Abschluss als Kompromiss, der gerade noch tragbar ist“, beurteilt Michael Kempter, Geschäftsführer der Südwestmetall-Bezirksgruppe Rems-Murr, den Pilotabschluss.

In den vergangenen Wochen hatte sich der Tarifkonflikt zugespitzt. Die IG Metall rief zu 24-Stunden-Streiks auf, von denen unter anderem die Firmen Stihl und Bosch im Rems-Murr-Kreis betroffen waren. Dr. Michael Prochaska, Vorsitzender Bezirksgruppe Rems-Murr, zeigte sich am vergangenen Freitag bei einem Pressegespräch von Südwestmetall keineswegs zuversichtlich, dass die zuvor abgebrochenen Verhandlungen bereits am Montag zu Ende gebracht werden könnten. Zu weit lagen seiner Meinung nach die Forderungen der Gewerkschaft und das Angebot der Arbeitgeber auseinander, vor allem was die umstrittenen Arbeitszeitverkürzungen anbelangt.

Fuchs: Stimmung in den Betrieben ist gut

In der Nacht zum Dienstag gelang den Tarifpartnern der Durchbruch. IG-Metall-Geschäftsführer Matthias Fuchs zeigte sich am Dienstag zufrieden. „Die Stimmung in den Betrieben ist gut bis sehr gut“, lauteten die ersten Rückmeldungen zum Tarifabschluss, sagte Fuchs auf Anfrage. Für die Beschäftigten sei erreicht worden, dass sie fair am Erfolg der Firmen beteiligt werden. Zudem sei ein wichtiger Schritt in eine Arbeitszeitverkürzung gelungen.

Kempter: Entgelterhöhung schmerzt viele Firmen

Der Arbeitgeberverband Südwestmetall beziffert den zusätzlichen Personalaufwand für die Unternehmen über die gesamte Laufzeit auf 3,45 Prozent. Die Entgelterhöhung schmerze viele Firmen, sagte Michael Kempter. 4,3 Prozent mehr Lohn und Gehalt in der ersten Stufe könnten gerade für kleinere und mittlere Unternehmen eine schwere Hypothek sein.

"Es gibt Licht und Schatten"

„Andererseits konnten wir einiges beim Thema Arbeitszeitflexibilisierung erreichen: Viele Unternehmen können nunmehr verstärkt in den Korridor bis 40 Stunden Wochenarbeitszeit vorstoßen“, so Kempter. Das helfe Arbeitgebern, auch hier im Rems-Murr-Kreis, vor allem beim Thema Fachkräftemangel. Ein bedarfsgerechtes Arbeitszeitvolumen sei unabdingbar, um auch hier in Deutschland wettbewerbsfähig zu bleiben. Auch beim von der IG Metall gewünschten Teilzeitanspruch seien betriebliche Interessen ausreichend berücksichtigt worden. „Was mich stört, ist die Komplexität des Abschlusses“, so Kempter. „Mancher Abrechner wird seine Zeit brauchen, um die neuen Modelle im Betrieb dann auch abbilden zu können.“ Die lange Laufzeit von 27 Monaten gebe wiederum die nötige Planungssicherheit. „Positiv ist ebenfalls die dauerhaft vereinbarte Differenzierung, die auf die wirtschaftliche Situation der einzelnen Betriebe abstellt. Es ist wie so oft in den letzten Jahren - es gibt Licht und Schatten.“


Der Tarifabschluss

Die wichtigsten Punkte des Tarifabschlusses für die rund 900 000 Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg sind:

Laufzeit von 1. Januar bis 31. März 2020;

Entgelt: Tabellenerhöhung um 4,3 Prozent zum 1. April 2018, 100 Euro Einmalzahlung für Januar bis März 2018, im Juli 2019 ebenfalls dauerhaft wirksames tarifliches Zusatzgeld (T-ZuG) von 27,54 Prozent des Monatsgehalts plus 400 Euro.

Befristete Teilzeit: Jeder Beschäftigte hat das Recht, für sechs bis 24 Monate seine Wochenarbeitszeit ohne Lohnausgleich auf bis zu 28 Stunden abzusenken und dann wieder auf 35 Stunden zurückzukehren.

Soziale Komponente: Schichtarbeiter, pflegende Angehörige und Eltern von Kindern bis acht Jahre sind berechtigt, statt des tariflichen Zusatzgeldes acht freie Tage zu wählen. Das sind laut IG Metall bei der Freizeitoption zwei Tage zusätzlich

Arbeitszeitvolumen: Die Unternehmen erhalten bei hohen Teilzeitquoten zusätzliche und mitbestimmte Möglichkeiten, mit ihren Beschäftigten mehr 40-Stunden-Verträge abzuschließen, etwa bei nachgewiesenem Fachkräftemangel. Neu ist das Modell eines kollektiven betrieblichen Arbeitsvolumens von durchschnittlich 35,9 Stunden pro Beschäftigten. Dabei werden sämtliche Teilzeitkräfte berücksichtigt, deren fehlende Arbeitszeit von anderen Beschäftigten ausgeglichen werden darf.