Waiblingen

Einzelhandels-Experte Rehme: Waiblinger Innenstadt „am Scheideweg“

Einzelhandels-Experten Rehme
Innenstadt-Spaziergang mit Einzelhändlern, Wirtschaftsförderern und dem Handelsexperten Frank Rehme (Zweiter von rechts), organisiert von der WTM Waiblingen in der Reihe „Wissenstransfer“. © Benjamin Büttner

Attraktive Fachgeschäfte hier, unerfreuliche Leerstände da: Die Waiblinger Innenstadt hat beides. Wohin führt der Weg in Zukunft? Verödet sie, weil die Massen nur noch online oder bei Filialisten außerhalb der Stadt einkaufen? Handelsexperte Frank Rehme, langjähriger Innovationsmanager der Metro Group, machte sich bei einem Spaziergang mit örtlichen Akteuren ein Bild von Waiblingen und nahm kein Blatt vor den Mund: „Hier ist augenscheinlich wenig Frequenz.“ Aus Sicht des Experten kein Grund zum Verzweifeln, sondern zum Handeln: „Waiblingen steht jetzt gerade am Scheideweg.“

Mit „Handeln“ sind im Sinne nachhaltiger Wirtschaftsförderung nicht nur Werbung, Gutschein-Aktionen und Veranstaltungen gemeint. Zu wirkungsmächtig ist der Strukturwandel infolge veränderten Konsumverhaltens der Kunden und von Nachfolgeproblemen vieler Geschäfte. Beispiel: die Kurze Straße vom Marktplatz hinunter bis hinunter zum Altstadt-Kebabhaus. „Hier wird es wahrscheinlich keinen durchgängigen Einzelhandels-Besatz mehr geben“, sagt der Waiblinger Wirtschaftsförderer Marc Funk.

Erfolgsmodelle "Dogs" und "Bowls & More"  

Doch schon ums Eck findet sich eine wahre „Lieblingsstraße“: Bis hinauf zu Villinger-Zeller haben sich entlang der Langen Straße Geschäfte mit dem gewissen Etwas gruppiert, in die Kunden ganz gezielt auch von auswärts kommen. Etwa Gaby Pfander mit „Dogs“ als Spezialistin für Hundebedarf und als neueste, hippe Attraktion „Bowls & More“ von Alexia Arampatzis: „Mittags stehen die Leute Schlange“, berichtet „Villinger-Zeller“-Chef Max Pfund als Augenzeuge. „Seitdem verkaufen sich auch unsere Bowls besser.“ Am Beispiel Salatbar und Salatschüsseln klinkt sich Frank Rehme ein: „Kooperationen können die Frequenz richtig befeuern.“

Arkaden des Alten Rathauses als Dauer-Gourmetmarkt

Szenenwechsel, Marktplatz: Er hat sich mehr und mehr zum Gastronomie-Standort entwickelt, Verstärkung wird durch die „Untere Apotheke“ des Bachofer-Vertrauten Pablo Fernandez kommen. Im Alten Rathaus und dessen Arkaden erkennt der externe Berater prompt ein Pfund, mit dem Waiblingen wuchern könnte. Ein dauerhafter kleiner Gourmet-Markt könnte Magnetwirkung entfalten und „multisensorisch“ die Sinne der Kunden ansprechen, so die spontane Idee.

Postplatz-Forum ohne Aufenthaltsqualität

Am Postplatz-Forum entfährt es dem Wirtschaftsförderer einer Nachbarstadt, was viele in Waiblingen denken: „Hier wurde versäumt, Aufenthaltsqualität zu schaffen.“ Wasserspiele oder Flächen für Kinder – außer den Hüpfspiel-Linien auf dem Boden Fehlanzeige. Stattdessen eine Tiefgaragen-Einfahrt und eine Sitztreppe, auf der sich nur ein spezielles Publikum wohlfühlt. Der Ladenbesatz ist gut, so Funks Analyse doch die Frequenz strahlt nicht in die Altstadt hinein.

Fronackerstraße mit Potenzial

Die Fronackerstraße – nicht mehr Altstadt, aber Innenstadt – erscheint ungeachtet aller Debatten um Verkehrsberuhigung als die Straße wegen anstehender Bauprojekte vom Ärztehaus über das alte Eiscafé Roma bis zum Kienzle-Parkplatz als Straße mit dem größten Entwicklungspotenzial. Rehme gibt den Waiblingern als Tipp mit auf den Weg, mit Hilfe von auf Tracking-Daten basierenden Tools die Auswirkungen neuer Nutzungen auf Fußgänger, Verkehr und Kundenverhalten „durchzusimulieren“. Vielleicht, so die Hoffnung, können neue, qualitative Nutzungen die unerwünschten unter Druck setzen.

Die Innenstadt ist mehr als nur Handel

Was aber braucht die Innenstadt? Rehmes Antwort: nicht nur den Handel. Auch Gastronomie, Dienstleistungen, Erlebnis und Aufenthaltsqualität. So mancher wünscht sich eine Gesamtkonzeption für Waiblingen. Damit wichtige Immobilien nicht zu schnell verkauft und mit unerwünschten Nutzungen belegt werden, wünscht sich BdS-Vorsitzender Ullrich Villinger eine aktivere Rolle der Stadt.

Die Antwort für den Handel könnte lauten: Er braucht das gewisse Etwas. Wie Dogs, der Stoffladen Cosa und die Buchhandlung Taube, die sich mit Charme und konsequenter Kundenorientierung trotz Amazon und Osiander behaupten. Sie erfüllen, was Rehme das „Werteversprechen des Handels“ nennt. Ein Bio-Bäcker könne das auch.

Attraktive Fachgeschäfte hier, unerfreuliche Leerstände da: Die Waiblinger Innenstadt hat beides. Wohin führt der Weg in Zukunft? Verödet sie, weil die Massen nur noch online oder bei Filialisten außerhalb der Stadt einkaufen? Handelsexperte Frank Rehme, langjähriger Innovationsmanager der Metro Group, machte sich bei einem Spaziergang mit örtlichen Akteuren ein Bild von Waiblingen und nahm kein Blatt vor den Mund: „Hier ist augenscheinlich wenig Frequenz.“ Aus Sicht des Experten kein Grund

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