Waiblingen

Elektro-Auto: Post macht Autoindustrie Konkurrenz

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Fährt täglich elektrisch: Zusteller Thomas Fritz. © Büttner / ZVW
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Symbolbild. © Büttner / ZVW
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Beim Tanken. © Benjamin Büttner

Waiblingen. Weil sie bei Daimler, VW und Co. nicht genau das Fahrzeug bekam, das sie wollte, ist die Post selbst unter die Autohersteller gegangen. Plötzlich erfreuen sich die Elektro-Scooter großer Nachfrage bei Handwerkern, Lebensmittel-Lieferanten und Kommunen. Auch in Waiblingen und Umgebung sind die praktischen Flitzer im Einsatz.

Video: Die neuen Elektro-Streetscooter der Post fahren Pakete und Briefe im Remstal aus und schonen somit die Umwelt. Hugo Gimber, Pressesprecher der Deutschen Post DHL Group erklärt wieso.

Eigentlich hat die deutsche Autoindustrie mit dem Dieselskandal und Kartell-Vorwürfen schon genug Ärger am Hals. Da erwächst ihr ausgerechnet in der Zukunftssparte E-Mobilität unerwartete Konkurrenz – durch die Post. Einige der gefragten Elektro-Transporter sind im Waiblinger Zustellstützpunkt in der Mayenner Straße stationiert und starten von dort aus zu ihrer täglichen Tour.

Ladefläche in Hüfthöhe

Wie jeden Morgen beladen die Kollegen Thomas Fritz und Thomas Beloch ihre Scooter der Größe „Work L“ und räumen mit ausgeklügeltem System Päckchen, Pakete und Briefkisten in den Laderaum. Der ist durch die Tür hinten sowie zwei Schiebetüren links und rechts von alllen Seiten bequem zugänglich. Ungewöhnlich auch die Ladefläche in Hüfthöhe: Sie erwies sich während der Erprobung durch die Post und das Aachener Unternehmen Streetscooter als praktischer. So soll das zigmalige Be- und Entladen die Zusteller weniger Kraft kosten.

Bäcker und Fisch-Händler beißen an und werden Kunden

Seit drei Jahren fährt Thomas Beloch seine Tour durch Endersbach und Beutelsbach mit dem Elektroscooter - und ist begeistert. „Er fährt leise und ist ziemlich wendig.“ Ein großes Plus in engen Straßen und beim Ausnutzen knapper Parklücken. Eine Gefahrenquelle wird vielfach in der geringen Lautstärke von E-Fahrzeugen gesehen. „Das dachte ich am Anfang auch, aber das leise Rauschen genügt wohl schon, damit mich Fußgänger bemerken.“ Brenzlige Situationen durch das leise Fahrgeräusch sind ihm bislang erspart geblieben, vielmehr freut er sich über positive Rückmeldungen. „Bei der Kundschaft kommt das Fahrzeug richtig gut an.“

"Das ist kein Auto, sondern ein Werkzeug"

Details an den posteigenen Kastenwagen sollen Beloch und seinen Kollegen die Arbeit erleichtern. Die Griffe der Schiebetüren sind senkrecht angebracht, das schont die Handgelenke. An der Türseite hat der Fahrersitz keine Polsterwulst, über die der Zusteller beim Aussteigen mit den Schenkeln rutschen muss. Nebensächlichkeiten, die nicht weiter ins Gewicht fallen? Könnte man meinen. „Aber nach Hunderten Bewegungen am Tag spürt man so etwas“, zeigt sich Post-Pressesprecher Hugo Gimber überzeugt, der die Vorzüge des Scooters so zusammenfasst: „Das ist kein Auto, sondern ein Werkzeug.“

"Work L" reicht für Kurzstrecken-Einsatz 

Auf Design, Geschwindigkeit und Reichweite kommt es nicht an. 80 Kilometer schafft der „Work L“, bevor er wieder an die Steckdose muss.

Das genügt für den Kurzstrecken-Einsatz im städtisch und suburban verdichteten Gebiet. Alles am E-Scooter ist auf Zweckmäßigkeit angelegt. Einen Beifahrersitz beispielsweise gibt es nicht. An seiner Stelle befindet sich eine Halterung für Briefkisten.

Hesky von den Fahrzeugen angetan

Nicht nur die Kunden, auch andere Betriebe werden hellhörig. Und die Stadt Waiblingen lud im Mai in ihrer Veranstaltungsreihe zur Elektromobilität gemeinsam mit der Post örtliche Unternehmer ein, sich über Transportwesen ohne Verbrennungsmotor zu informieren. Probefahrten auf dem Gelände der Mechanisierten Zustellbasis „MechZB“ in der Stuttgarter Straße inklusive. Marcus Arens von der Firma Streetscooter stand Rede und Antwort. Dem Vernehmen nach soll OB Andreas Hesky sehr angetan gewesen sein von den Fahrzeugen. Und sein Stuttgarter Kollege hat aus nachvollziehbaren Gründen gesteigertes Interesse: Ganz Stuttgart diskutiert über Feinstaub. Also orderte Oberbürgermeister Fritz Kuhn zwei Post-Scooter für den Probeeinsatz.

Ziel: 20 000 neue Elektro-Transporter pro Jahr

Überhaupt finden die Fahrzeuge immer mehr Absatz. Die Post selbst nutzt bundesweit 3000 Streetscooter. Ein Autohändler aus Neu-Ulm ist der erste Streetscooter-Vermieter. Und inzwischen wurden Varianten der E-Fahrzeuge speziell für die Bedürfnisse des Fischindustrie-Unternehmens Deutsche See sowie für Bäckerei-Ketten zugeschnitten. Derweil hat die Post angekündigt, in Düren ein zweites Produktionswerk zu errichten. Das Ziel ist, 20 000 neue Elektro-Transporter pro Jahr zu bauen.


Konkurrenz auf einem boomenden Markt

Die Streetscooter GmbH ist ursprünglich als Ableger der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und als Konsortium aus rund 80 Industrieunternehmen der Automobilindustrie und verwandter Branchen gestartet. Es wurde 2010 gegründet. Die Zusammenarbeit der Deutschen Post DHL und Streetscooter begann 2011 mit der Entwicklung eines vollständig auf die Bedürfnisse der Post zugeschnittenen Elektrofahrzeugs. Der erste Prototyp wurde 2012 vorgestellt. Den Bau der ersten 1000 Exemplare unterstützte das Bundesumweltministerium mit Fördergeld in Millionenhöhe. 2014 kaufte die Post die Scooter-Firma auf.

Inzwischen gibt es unterschiedliche Größen: „Work“ mit vier Kubikmetern Ladevolumen und „Work L“ mit acht Kubikmetern. Außerdem Pedelecs und Trikes. 2014 übernahm der Logistik-Riese die Firma. Ein größerer Transporter mit 20 Kubikmetern wird als „Work XL“ gemeinsam mit Ford entwickelt.

Große Autohersteller pochen darauf, sie hätten durchaus schon länger geeignete Modelle angeboten. Zweifellos schmerzt der Erfolg des Streetscooters, denn mit den Kurzstrecken-Transportern hat die Post angesichts des mit dem Online-Handel wachsenden Paketgeschäfts einen boomenden Markt besetzt.

Im Sommer berichtete das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ von einer Peinlichkeit für Daimler: So hätten sich die Untertürkheimer als Sozialdienst ausgegeben, um einen Streetscooter auszuleihen. Per GPS stellte die Post fest, dass das Auto auf dem Daimler-Werksgelände Runden drehte. Solche Tests seien in der gesamten Automobilbranche gängige Praxis, ließ Daimler später wissen.