Waiblingen

Eltern kritisieren Personalnot in Kitas in Waiblingen: „Langsam die Nase voll“

Kita Streik
Verständnis für den Streik: Eltern der Waldgruppe der Hegnacher Kita „Im Burgmäuerle“ wünschen sich, dass die Arbeitsbedingungen für die Erzieherinnen und Erzieher verbessert werden – denn das würde aus ihrer Sicht auch dazu führen, dass mehr Menschen in den Waiblinger Kitas arbeiten wollen. © ZVW/Alexandra Palmizi

In den Kitas in Waiblingen wird wie in anderen Kommunen im Rems-Murr-Kreis am Dienstag gestreikt – und auch die Waldgruppe der städtischen Kita „Im Burgmäuerle“ in Hegnach wird wieder geschlossen sein. Bei den Eltern der Waldgruppe hat sich viel Frust aufgestaut – aber die Wut richtet sich gegen die Stadt. „Wir haben so langsam die Nase voll“, sagt Corina Häusser, Mutter zweier Kinder.

Neun pädagogische Fachkräfte haben die Kita „Im Burgmäuerle“ verlassen

Sie hält der Stadt vor, viel zu wenig dafür zu tun, dass die vielen offenen Erzieherstellen in den Kitas besetzt werden. In den vergangenen Monaten haben neun pädagogische Fachkräfte die Kita „Im Burgmäuerle“ verlassen. Die Waldgruppe war davon zwar nicht betroffen – doch laut Corina Häusser kann die Betreuung trotzdem schnell ausfallen. Das gelte bei Krankheit genauso wie bei einem Streiktag.

Seit Beginn der Pandemie hat Waiblingen 47 Zusatzkräfte in Teilzeit oder auf Minijobbasis eingestellt

Der Fachbereich Bildung und Erziehung der Stadt Waiblingen spricht indes davon, dass der Wegfall einer Person oft kompensiert werden könne. „Die Waldgruppe ist personell mit drei Fachkräften voll besetzt. Vor Ort müssen immer zwei Fachkräfte im Einsatz sein.“ Im Springerpool der Stadt stünden 16 Vertretungskräfte zur Verfügung, die bei jeglichem Personalausfall eingesetzt würden. Zur Unterstützung der Einrichtungen und Entlastung der Fachkräfte habe die Stadt darüber hinaus seit Beginn der Pandemie 47 Zusatzkräfte in Teilzeit oder auf Minijobbasis eingesetzt.

Corina Häusser ist halbtags berufstätig, ihr Mann arbeitet Vollzeit. Sie kann nicht einfach die Kinder zu den Großeltern bringen, sondern muss anderweitig versuchen, die Betreuung zu regeln. Ihr Ältester geht nun im dritten Jahr in die Waldgruppe, der Jüngste soll Ende April dazustoßen. „Wir stehen vor der Eingewöhnung, deshalb ist es für uns noch schwieriger.“

Corina Häusser musste um den Platz für das Geschwisterkind kämpfen

Als Corina Häusser mit ihrem Mann nach Hegnach zog, stand von vornherein fest, dass die Kinder mal in die Waldgruppe im Hartwald gehen sollen. Der zweifachen Mutter gefällt es, dass dort die Erzieher nicht wie in anderen Einrichtungen ständig wechseln, sondern seit Jahren an Bord sind. Diese Beständigkeit findet sie wichtig, gerade weil manche Kinder feste Bezugspersonen besonders dringend bräuchten. Dass Waiblingen einkommensabhängige Kitabeiträge von Eltern erhebt, findet Corina Häusser gut – aber sie ärgert es, dass sie für ihren zweiten Sohn um den Platz in der Waldgruppe so kämpfen musste.

Zusammen mit drei anderen Eltern, erzählt sie, habe sie vergangenes Jahr mit der Stadt gesprochen, um klar zu machen, dass es wichtig ist, dass Geschwisterkinder die gleiche Einrichtung besuchen. Ihr Samu sollte nämlich ursprünglich keinen Platz erhalten. Corina Häuser fragte sich, ob es wahr sein kann, dass die Stadt verlangt, dass sie für zwei Kinder unterschiedliche Schließ- und Öffnungszeiten unter einen Hut bringen soll – inklusive des Zusatzaufwands beim Hinbringen und Abholen von zwei Kitas. Ihre klare Meinung: „Das geht nicht.“

Elternbeirat Wolfgang Keim: „Die verwalten lieber den Notstand“

Wolfgang Keim ist Elternbeirat in der Hegnacher Waldgruppe, er war erst vor einigen Tagen mit anderen Eltern vor dem Waiblinger Rathaus, um mit dem Ersten Bürgermeister Ian Schölzel über die Probleme bei den Kitas zu sprechen. Er fordert von der Stadt einen Aktionsplan, in dem diese aufzeigt, wie sie es schaffen will, endlich die vielen offenen Stellen im Kitabereich zu besetzen. Wolfgang Keim würde es gut finden, wenn die Bewerber bei Personalgesprächen direkt gefragt werden würden, was die Stadt tun müsste, damit sich die Bewerber für Waiblingen entscheiden. Vorstellbar wäre für ihn, dass die Stadt übertariflich zahlt oder dass sie mehr Teilzeitmodelle anbietet. Oder dass sie einen Headhunter einschaltet, der bei der Personalsuche unterstützt. Sein bisheriger Eindruck ist aber: „Die verwalten lieber den Notstand.“

Wolfgang Keim fragt sich auch, warum die Stadt auf der einen Seite ständig neue Kitas bauen lässt, aber auf der anderen Seite für die bestehenden Einrichtungen nicht genug Personal hat. Für ihn werden da falsche Prioritäten gesetzt: „Da muss man doch alles in Bewegung setzen, um die Stellen zu besetzen.“

Kathrin Theisges: „Im Fall eines Streiks habe ich Nachtarbeit“

Kathrin Theisges hat zwei Kinder, ist Mitgründerin eines Ateliers für Grafik- und Produktdesign und arbeitet nebenher als Dozentin an der Uni. Ihr Mann ist Osteopath und Elternbeirat in der Hegnacher Waldgruppe. Wenn die Waldgruppe geschlossen ist, bedeutet das für das Paar, dass es improvisieren muss. Oft, sagt Kathrin Theisges, habe man dann einen Babysitter holen müssen. Sie selbst arbeitet zwar im Home-Office, aber das bedeutet ja nicht, dass sie deshalb wirklich Zeit hat. Vielmehr muss sie umplanen – und der Tag zieht sich in die Länge. „Im Fall eines Streiks habe ich Nachtarbeit.“

Die sozialen Berufe in unserer Gesellschaft aufzuwerten sieht Kathrin Theisges als die eigentliche Aufgabe aller an, die Verantwortung tragen. „Warum ist die Arbeit an einem Kind, an einem alten Menschen, an einem kranken Menschen uns nichts wert?“, fragt sie sich. Von der Stadt Waiblingen erwartet sie, dass diese sich Lösungen einfallen lässt, wie die Lage in den Kitas verbessert werden kann.

Stadt startet noch im April eine Kampagne zur Gewinnung neuer Fachkräfte

Der Fachbereich Bildung und Erziehung der Stadt Waiblingen verweist indes darauf, dass die Gründe der Bewerberinnen und Bewerber, warum sie sich für eine Stelle entscheiden, vielseitig sind. Für den einen zählt die Wohnortnähe, für andere Angebote wie die Qualifizierung, die Fachberatung, die Vorbereitungszeit, die Einarbeitung oder Mitgestaltungsmöglichkeiten. „Die Stadt hat dies in ihren Rahmenbedingungen für die Fachkräfte berücksichtigt“, heißt es aus dem Fachbereich. Um Fachkräfte speziell für Waiblingen zu interessieren, beteilige sich die Stadt am Landesprojekt TIP, das Maßnahmen zur Personalgewinnung und Personalbindung zum Ziel hat. „In diesem Rahmen wird die Stadt noch im April eine Werbekampagne zur Gewinnung neuer Fachkräfte starten.“

Kita-Bereich: Insgesamt 57 Ausbildungsplätze für Fachkräfte

Bereits in der Vergangenheit hat die Stadt Waiblingen versucht, durch eine finanzielle Zulage Fachkräfte anzuwerben. „Dies hat nicht zu dem gewünschten nachhaltigen Erfolg geführt, so dass davon wieder abgesehen wurde“, betont der Fachbereich Bildung und Erziehung. Alle Kommunen würden um dieselben Fachkräfte werben. „Ein derartiger Wettbewerb, in dem sich Kommunen überbieten, kann nicht Ziel sein.“ Die wesentliche Stellschraube zu mehr Fachkräften sei weiterhin, von politischer Seite die Ausbildungs- und Studienplätze zu erhöhen, Quereinsteigermodelle zu schaffen und Ausbildungen zu vergüten. „Die Stadt hat ihre Ausbildungsplätze bereits in den letzten Jahren vorausschauend sukzessive erhöht, um gute Nachwuchskräfte auszubilden und zu binden.“ Derzeit werden im Kita-Bereich insgesamt 57 Ausbildungsplätze für Fachkräfte angeboten.

Stadt Waiblingen: „Fachkräfte können jederzeit betriebsverträglich flexibel und kurzfristig freinehmen“

Dass Resturlaub bei den Erziehern häufig vorkommt und spontane freie Tage nicht genommen werden könnten, wie es die Eltern unserer Redaktion schilderten, bestreitet der Fachbereich. „Grundsätzlich wird der Jahresurlaub im laufenden Kalenderjahr ermöglicht.“ Zu Urlaubsübertragungen könne es krankheitsbedingt und nur in wenigen Einzelfällen aus betriebsbedingten Gründen kommen. „Fachkräfte können jederzeit betriebsverträglich flexibel und kurzfristig freinehmen.“

Dass die nicht auszuhaltende Lage für die Erzieher der Grund war, warum sie die Kita „Im Burgmäuerle“ verließen, betonten die Eltern der Waldgruppe. Vom Fachbereich Bildung und Erziehung heißt es dazu, dass die Stadt mit den Fachkräften über ihre Beweggründe für einen Weggang spreche. „Ein solcher Grund wurde gegenüber der Stadt nicht geäußert.“ Bei einigen Fachkräften sei eine Verbesserung durch den Wechsel festzustellen gewesen. Es habe auch Stellenwechsel innerhalb der städtischen Kindertageseinrichtungen gegeben. Das Team in der Kita „Im Burgmäuerle“ befinde sich im Aufbau und arbeite motiviert und engagiert. „Es wurden bisher die Leitungsstelle und die stellvertretende Leitungsstelle besetzt. Zwei weitere Fachkräfte konnten gewonnen werden, die im Mai und Juni beginnen werden.“

In den Kitas in Waiblingen wird wie in anderen Kommunen im Rems-Murr-Kreis am Dienstag gestreikt – und auch die Waldgruppe der städtischen Kita „Im Burgmäuerle“ in Hegnach wird wieder geschlossen sein. Bei den Eltern der Waldgruppe hat sich viel Frust aufgestaut – aber die Wut richtet sich gegen die Stadt. „Wir haben so langsam die Nase voll“, sagt Corina Häusser, Mutter zweier Kinder.

Neun pädagogische Fachkräfte haben die Kita „Im Burgmäuerle“ verlassen

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