Waiblingen

Eltern mit Wahl der Schule überfordert

Realschulen Waiblingen_0
Das Wegfallen der verbindlichen Grundschul-Empfehlung stellt die Realschulleiter Axel Rybak (links, Staufer) und Mario Comite (Salier) vor organisatorische und pädagogische Probleme. © ZVW/Benjamin Büttner

Waiblingen. Die Abschaffung der verbindlichen Grundschul-Empfehlung stellt die Realschulen seit Jahren vor massive Probleme. Denn viele Eltern schicken ihre Kinder aufs Gymnasium, obwohl mittleres Niveau angeraten wäre. Früher oder später, nach viel Frust und schlechten Noten, landen sie aber doch in den Realschulen.

Das Wegfallen der verbindlichen Grundschulempfehlung treibt seltsame Blüten: Allein im Jahr 2018 mussten die Salier- und die Staufer-Realschule in Waiblingen 58 „Rückkehrer“ aus den umliegenden Gymnasien aufnehmen, rechnerisch zwei volle Klassen. Die überwiegende Mehrheit davon hatte eigentlich schon vor der fünften Klasse eine Empfehlung für die Realschule bekommen – doch die Eltern hatten aufs Gymnasium bestanden. Noch kurioser: Zuletzt kamen fünf Kinder mit Hauptschul-Empfehlung aufs Salier-Gymnasium. So verwundert es nicht, dass die Staufer-Realschule auch schon Kinder gesehen hat, die vom Gymnasium kamen und bald schon auf das grundlegende G-Niveau herabgestuft werden mussten, das praktisch der Hauptschule entspricht.

Mehr als ein Drittel entscheidet gegen die Grundschul-Empfehlung

„Die Zahlen sind alarmierend“, sagen die beiden Realschulleiter Mario Comite und Axel Rybak übereinstimmend. Auf der Salier-Realschule landeten 2018 sage und schreibe 40 Kinder aus verschiedenen Gymnasien. Ein weiteres Problem sind die Abgänge von der Realschule auf die Gemeinschaftsschule und interne Rückstufungen auf Hauptschulniveau. Mehr als ein Drittel der Viertklässler-Eltern in Waiblingen entscheiden sich gegen die offizielle Grundschulempfehlung – das ist deutlich mehr als der Landesdurchschnitt. Zwar führen die Schulen mit betroffenen Eltern Beratungsgespräche, doch die zeigen sich beratungsresistent. In keinem einzigen Fall konnten Mario Comite oder Axel Rybak sie überzeugen, eine andere Schulart zu wählen. Immer wieder bekommen sie zur Antwort: „Unser Kind schafft das, wenn es sich anstrengt“ oder „Wir wollen es zumindest einmal versuchen“.

Die Kinder müssen durch ein Tal der Tränen

Fehlentscheidungen bei der Wahl der Schulart korrigieren sich im Alltag relativ schnell. Leidtragende sind die Kinder. Bis Klasse sieben haben sich die meisten wieder in die Schulart, die ihrem Leistungsvermögen entspricht, einsortiert. Bis dahin erleben sie oft ein hohes Maß an Frustration. Mit dem Wechsel der Schule verlassen sie ihre vertraute Umgebung und ihren Freundeskreis und erleben einen gravierenden Einschnitt in ihre Bildungskarriere. Folgen hat das Ungleichgewicht von Schulempfehlungen und Schulanmeldungen außerdem für das Gefüge der Klassen, die sich von Jahr zu Jahr stark verändern. Beispiel: Der Abschluss-Jahrgang 2018/19 ist der erste, der ohne verbindliche Grundschulempfehlung gestartet war. Nur 49 von 100 Schülern blieben in der Klasse, in der sie angefangen hatten. Mehr als die Hälfte hat einen Knick in der Schullaufbahn, ist sitzengeblieben oder hat die Schule gewechselt.

Im Raum Waiblingen gibt es keine Hauptschule mehr

„Die Eltern sind mit der Entscheidung überfordert“, sagt Mario Comite von der Salier-Realschule. Einfach ist sie tatsächlich nicht, wie Axel Rybak bestätigt: „Ich möchte kein Vater eines Kindes mit Hauptschul-Empfehlung sein.“ Womit der Leiter der Staufer-Realschule nicht etwa Zweifel an der Hauptschule äußern will, im Gegenteil: „Die Hauptschule fehlt.“ Im Raum Waiblingen gibt es schlicht keine mehr. Weshalb der geschäftsführende Schulleiter der Waiblinger Schulen deutlich sagt: „Da hat die regionale Schulentwicklung Fehler gemacht.“ Zwar wird das G-Niveau auf den Gemeinschaftsschulen unterrichtet, viele Eltern stehen der neuen Schulart jedoch skeptisch gegenüber und glauben, ihr Kind sei den Anforderungen selbstständigen Arbeitens nicht gewachsen. Sie suchen bewusst den konventionellen, lehrerzentrierten Unterricht.

Separate Realschul-Klassen als verkappte Hauptschule

Daher entscheiden sich viele Eltern entgegen der Empfehlung für die Realschule. Zumal sich herumgesprochen hat, dass man dort auch den Hauptschulabschluss machen kann. Im Sinne des Erfinders ist das nicht. Axel Rybak: „Unser primäres Ziel ist es, Kinder zum Realschulabschluss zu führen.“ In der Praxis jedoch gibt es ab Klassenstufe sieben separate Klassen, in denen das G-Niveau unterrichtet wird – die Realschule als verkappte Hauptschule. In der Orientierungsstufe fünf und sechs besteht diese Möglichkeit nicht, also müssen die Kinder, deren Eltern sowieso den Hauptschulabschluss anpeilen, durch eine harte, frustrationsreiche Zeit. Die Klassen sind derweil leistungsmäßig höchst heterogen: Neben Kindern mit Hauptschul-Empfehlung sitzen solche, die vom Gymnasium „zurück“ kommen. Eine besondere Herausforderung auch für die Lehrer.


Hoffen auf die Politik

Die Arbeitsgemeinschaft der Realschulrektorinnen und Realschulrektoren in Baden-Württemberg macht wegen der Situation Druck beim Kultusministerium von Susanne Eisenmann. Angesichts der politischen Mehrheiten sehen die Waiblinger Schulleiter aber kaum Chancen für die Wiedereinführung der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung.

Aktuell hoffen die Realschulen auf eine Kompromisslösung, welche die Bildung separater Klassen mit G-Niveau organisatorisch vereinfachen soll, sofern diese eine Mindestanzahl von 16 Schülern haben.