Waiblingen

Energiewende: Diskussion mit Nina Scheer

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Ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz ihres Vaters ein Erfolgsmodell? Nina Scheer, am Mikrofon, diskutiert mit Malte Kreutzfeld, links, Jörg Jasper und Esther Chrischilles. In der Mitte Moderator Rolf Gaßmann, Vorsitzender des Mietervereins im Land. © Habermann / ZVW

Waiblingen. Endlich den Streit um Windkraft und die Energiewende versachlichen. Zu diesem Zweck haben Bürgerenergie-Vereine und die Friedrich-Ebert-Stiftung zu einer Diskussion geladen, die allein schon durch eine Person aufhorchen lässt: Nina Scheer, die Tochter von Hermann Scheer, streitet für ihren Vater. Er darf als legitimer Vater gelten der rechtlichen Grundlagen für Windkraft und Fotovoltaik.

Schön gedacht, aber die Wirklichkeit hier im Remstal ist eine andere. Schon während der Diskussion am Podium brandete unten in der Zuhörerschaft immer wieder Gemurmel und Gelächter auf. Speziell dann, wenn die Tochter das Primat des Politischen vor dem Ökonomischen stellte. Denn die Welt, in der wir leben wollen, eben eine atomenergiefreie, die ist nur mit Wertentscheidungen zu haben. Dazu gehört für sie, dass notfalls mit Steuergeld Haushalte unterstützt werden, die die steigende Stromrechnung nicht mehr bezahlen können.

Hernach, als alle schon am Gehen waren, wurde Nina Scheer an der Türe von der Seite angegangen. Ein älterer Herr erregte sich. Er sei neulich von Aalen gen Westen gefahren. Was musste dieser arme Mann sehen, der sicher nicht mit einem Elektroauto unterwegs war? Windräder. „Eine Katastrophe.“

Das Argument mit der „verschandelten Landschaft“

In der Diskussion zuvor mit dem Publikum ist die Wut noch sachlich verpackt worden. Was halte denn die Energiewirtschaft davon ab, konventionelle Kraftwerke, ob Kohle oder Gas, zu modernisieren? Es sei leicht, den Effizienzgrad über Kraft-Wärme-Kopplung auf 40 und 50 Grad zu steigern. Und das für 800 Millionen, und nicht Milliardensummen, die ein leistungsfähiger Windpark verschlinge. Das alles, „ohne die Landschaft total zu verschandeln“.

Malte Kreutzfeld, einer der vier Diskutierenden auf dem Podium, gab die Antwort dazu. Kreutzfeld, Redakteur bei der taz und Buchautor zu den Chancen der Energiewende, konterte: Konventionelle Stromerzeuger effizienter machen, das reiche nicht. Dann könne man den Klimaschutzvertrag von Paris ganz vergessen. Dies sei auch unsinnig, wenn Windkraft und Fotovoltaik inzwischen zu gleichen Preisen Strom erzeugen wie die Altkraftwerke. „Ein Wirkungsgrad von 40 oder 50 Prozent, das langt nicht, das wäre immer noch viel zu viel Kohlendioxid.“


Wenn sich die Welt schon auf Kohlendioxid-Reduktion geeinigt hat, dann soll doch der Wärmesektor oder der Verkehr stärker die Lasten tragen. So lautete ein anderer Einwand. Kreutzfeld rechnete vor: Ohne eine Wende beim Strom müsse man beim Verkehr um 50 Prozent den Schadstoffausstoß senken, bei den Heizungen um 60 Prozent. Das sei nicht zu machen. Seine Einschätzung: „Es gibt zu Wind und Sonne keine Alternative.“

Fragt sich nur, wie sich das Angebot der Natur verstetigen lässt, und wie es vor allem zu uns kommt. „Relativ optimistisch“ zeigt sich Dr. Jörg Jasper, der Experte für Energiewirtschaft bei der EnBW. Es könne gelingen, den ganzen Windstrom in der Republik zu verteilen. Wichtig sei’s, dass das „Transportnetz-Problem“ zwischen 2020 und 2025 zu einer Lösung kommt. Rechtzeitig dann, wenn das letzte AKW abgeschaltet ist. Freilich müssen jetzt längere Strecken unterirdisch verkabelt werden. Niemand wisse, um wie viel teurer dies wird. Aber es lasse sich auch lokal und regional was machen, um Spitzen mit regelbaren Ortsnetztransformatoren abzufedern. Die EU sei dran, gesetzliche Anreize zu schaffen, um Flexibilität ins Netz zu bringen. Dies dann europaweit. Speichern lohne sich im großen Stil derzeit nicht, weil der Ökostrom und der Strom auf dem gesamten Markt „uns aus den Ohren rauskommt“. Die erneuerbaren Energien kämen sehr gut am Markt unter, jedenfalls bei den derzeitigen Mengen. Erst wenn mal mehr als ein Drittel via Wind und Sonne eingespeist werden, werde die Speicherung richtig wichtig. Dann wohl zuerst in Wärme, später durch die Umwandlung zu Methan-Gas.

Der Staat soll die soziale Schieflage ausgleichen

Jasper treibt ebenso wie Esther Chrischilles die Frage um, wie man die soziale Schieflage beim Strompreis beseitigen kann. Beide, damit auch die Energie-Expertin beim Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln, befürchten ein Legitimationsproblem des EEG. Ärmere Menschen bezahlen überproportional viel für Strom. Chrischilles bestreitet, dass was gewonnen wäre, wenn man energieintensive Unternehmen nicht mehr von der EEG-Umlage befreit. 96 Prozent aller Unternehmen zahlten ja die Umlage, weiß sie. Es sei absolut notwendig, energieintensive Betriebe in Deutschland zu halten. Schon wegen der Arbeitsplätze. Der taz-Ökonom Kreutzfeld sieht freilich wenig Sinn darin, Aluminiumhütten nach Deutschland zurückzuholen, indem der Strom subventioniert wird.

Nina Scheer sitzt als SPD-Politikerin in dem Bundestagausschuss, der jetzt auch über den Klimaschutz-Kompromiss zwischen Wirtschaftsminister und Umweltministerin aushandelte. Sie stimmte mit Nein. Sie will die Frage anders gestellt haben. Nicht: „Was kostet uns die Energiewende?“ Sondern: „Was kostet es uns, wenn wir sie nicht machen?“ Sie trägt ihre Überzeugung nicht mit dem Furor ihres Vaters vor. Aber plakativ zu formulieren gelingt ihr immer mal wieder. Die Energie, sagt sie, trägt ein falsches Preisschild. Nirgendwo stehe drauf, wie viel Kohlendioxid mit einem Kilowatt rausgeschleudert wird. Sie fordert eine CO2-Bepreisung. Dann werde man sehen, wie wettbewerbsfähig die alternativen Energien sind. Jene, die ihr Vater erst zum deutschen Exportmodell gemacht hat.

Aber das sind Überlegungen, die heutzutage als Überheblichkeiten des politischen Establishments denunziert werden können. Wo doch das störende Windrad vor der Nase sitzt.