Waiblingen

Entsetzt über Fremdenfeindlichkeit

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Erika Severin und Petra Off sind fast täglich im Tafelladen. © Schneider/ZVW

Waiblingen. Die Warteschlangen vor vielen Tafelläden sind lang – auch in Waiblingen. Keiner der Mitarbeiter wäre dort indes je auf die Idee gekommen, die Menschen in Deutsche und Migranten zu unterscheiden. Umso unverständlicher finden sie die Entscheidung der Essener Tafel, nur noch Deutsche als Neukunden zuzulassen: „Wir wissen nicht, wer von den Bedürftigen bei uns einen deutschen Pass hat“, sagt Ladenchefin Petra Off. „Aber es ist uns auch egal.“

Die Entscheidung der Essener Tafel schlägt Wellen. Während sich zahlreiche Politiker - unter ihnen Bundeskanzlerin Angela Merkel - und der Vorsitzende der Tafeln in Deutschland, Jochen Brühl, klar distanziert haben, gibt es auch Stimmen, die viel Verständnis an den Tag legen. Keinerlei Sympathie hegen indes die Waiblinger Tafelmacher für den Beschluss.

„70 bis 75 Prozent unserer Kunden sind Menschen mit Migrationshintergrund“, schätzt die zweite Vorsitzende der Waiblinger Tafel, Erika Severin. Wer von den Kunden einen deutschen Pass habe, sei völlig egal. Und das sei auch der Grundgedanke der Tafeln.

„Die Situation einer einzelnen Tafel wird missbraucht“

Genau das hat Tafelladen-Chefin Petra Off auch einem Herrn geschrieben, der jüngst die „Zusammensetzung der Kunden des Tafelladens“ beklagte. Bisher habe er sein Lidl-Pfandgeld der Tafel gespendet, doch nun sei er zu dem Schluss gekommen, dass die Zustände im Waiblinger Tafelladen ähnlich seien wie die in Essen. Da nur der Tafelladen in Essen „den Mut“ gehabt habe, dies anzuprangern und darauf zu reagieren, werde er sein Pfand der Tafel in Zukunft nicht mehr spenden, kündigte er an.

Es sind Reaktionen wie diese, die den Waiblinger Tafelverein in Absprache mit den Tafeln in Weinstadt, Schorndorf, Winnenden und Murrhardt zu einer gemeinsamen offiziellen Stellungnahme veranlasst haben. Die Regelung der Essener Tafel widerspreche dem Grundsatz der Tafeln in Deutschland, dass die Bedürftigkeit und nicht die Herkunft das entscheidende Kriterium ist, bei den Tafeln einkaufen zu können, erinnern die Tafelvereins-Vorsitzenden Simon Busch und Erika Severin.

„Wir hoffen, dass die Essener Tafel diese Regelung wieder aufheben und andere organisatorische Maßnahmen ergreifen wird - wohl wissend, dass die Essener Situation zahlenmäßig nicht mit der im Rems-Murr-Kreis zu vergleichen ist.“

Der Verein distanziert sich von ausländerfeindlichem Gedankengut

Auch im Kreis sei der Anteil der Kunden mit Migrationshintergrund hoch und der Andrang vor den Läden groß. „Dank der haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden waren wir bisher aber in der Lage, Situationen wie die in Essen zu verhindern bzw. entschärfen zu können.“ Geregelt werde dies unter anderem durch den gesteuerten Einlass für eine überschaubare Zahl an Kunden und einen Einkauf, der nur in haushaltsgerechten Mengen erlaubt ist.

Mit Hilfe der Sponsoren seien die Tafeln meist in der Lage, ein ausreichendes Angebot während der gesamten Laden-Öffnungszeiten vorhalten zu können, für das die Kunden einen geringen Beitrag entrichten müssten.

Hetze und ausländerfeindliches Gedankengut weist der Vorstand klar zurück: „Entsetzt sind wir darüber, wie die Situation in einer offensichtlich einzelnen von über 900 Tafeln in Deutschland von bestimmten Gruppierungen missbraucht wird, um ihr ausländer- und flüchtlingsfeindliches Gedankengut zu rechtfertigen. Dies verurteilen wir ausdrücklich und distanzieren uns davon.“

Als eine, die seit Jahren jeden Tag im Laden steht und die Entwicklung der Tafel genau kennt, stört Ladenbetreiberin Petra Off der massive Flurschaden, den die Essener Tafel angerichtet habe.

Und das Timing der Entscheidung: „Es war zu diesem Zeitpunkt vollkommen unnötig, denn die gigantische Herausforderung, als die vielen Flüchtlinge kamen, haben wir alle wunderbar bewältigt.“ Damals habe auch die Waiblinger Tafel Probleme gehabt: „Wir haben es aber gewuppt. Alle Tafeln im Land haben es hingekriegt.“ Was Erika Severin außerdem erbost: „Auch die Arbeit der Ehrenamtlichen wird durch den Beschluss erschwert und in ein komisches Licht gerückt.“


75 Prozent

  • Nach Ansicht des Vorsitzenden der Essener Tafel, Jörg Sartor, hat die Maßnahme seiner Tafel nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun. Aufgrund der Zunahme an Flüchtlingen sei der Anteil der Ausländer bei seinen Kunden auf 75 Prozent gestiegen. Einheimische seien weggeblieben. Nun solle wieder gerecht verteilt werden. Ungefähr 75 Prozent der Kunden sind auch im Waiblinger Tafelladen Menschen mit ausländischer Herkunft. Für die Waiblinger Tafel ist das kein Problem.
  • In einer Serie haben wir Mitarbeiter, Kunden und Angebote der Tafel vorgestellt.