Waiblingen

Erstes Länderspiel vor 70 Jahren: Zwei Jungs verdienten sich erst ein paar Pfennige - und kamen ihren Helden im Neckarstadion dann ganz nah

1950 Mallinckrodt
Hartmut (li.) und Volker von Mallinckrodt vor vielen Jahrzehnten. © privat

Vor 70 Jahren, am 22. November 1950, konnte zum ersten Mal nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft zu einem Länderspiel auflaufen. Die Partie gegen die Schweiz, die (West-)Deutschland mit 1:0 gewann, fand im damaligen Neckarstadion in Stuttgart statt. Über 100.000 Zuschauer waren im Stadion dabei (zum Vergleich: Die heutige Mercedes-Benz Arena fasst knapp über 60.000 Zuschauer).

Mit dabei waren zwei damals zehn Jahre alte Zwillingsbrüder aus Untertürkheim. Jetzt, 70 Jahre später, beschreibt uns einer von ihnen – der heute in Waiblingen lebende Hartmut von Mallinckrodt –, wie er sich an das besondere Erlebnis erinnert:

„Ich möchte hier schildern, was ich damals als zehnjähriger Lausbub erlebt habe“, beginnt Hartmut von Mallinckrodt seine E-Mail an die Redaktion. „Es war Mittwoch – Buß- und Bettag –, ein nasskalter Novembertag. Schon Tage vorher war das erste Fußball-Länderspiel nach dem Zweiten Weltkrieg im Stuttgarter Neckarstadion angesagt. Der Gegner war die Schweiz. Wohnhaft in Untertürkheim, hatten mein Zwillingsbruder und ich es nicht weit zum Neckarstadion. Wir zogen – neugierig, wie wir waren – los, um dieses Event, wie man heute sagt, rund ums Stadion mitzuerleben."

"Schmeiß mir doch mal den Backstein dort rauf, kriegsch 10 Pfennig."

"Hinter einem Maschendrahtzaun ums ganze Stadion rum waren Behelfs-Stahlrohr-Tribünen errichtet worden. Auf der obersten Etage standen die Menschen dicht gedrängt in mindestens Fünferreihen. Die Hintenstehenden konnten nur schlecht über die Leute vor ihnen hinwegsehen. Da rief einer der Männer: ,He, Junge, schmeiß mir doch mal den Backstein dort rauf, kriegsch 10 Pfennig.’ Solche Steine und anderer Unrat lagen genügend hinter der Untertürkheimer Kurve herum.

Andere dort oben hatten das beobachtet, und die Zehnerle klapperten bald in unseren Hosentaschen, und schließlich reichten wir auch einige Bretter, die dann 50 Pfennig einbrachten, hinauf. Das Spiel hatte inzwischen um 14.30 Uhr begonnen. Das Marathontor an der Untertürkheimer Kurve, das aus Maschendraht, aufgenagelt auf einem großen Brettergestell, bestand, erlaubte einen begrenzten Blick ins Stadion. Mein Bruder und ich standen dort schnell ganz vorne und sahen natürlich fast nix vom Spiel. Immer mehr Leute drängten sich hinter uns. Der Druck von hinten wurde größer und größer, bis das Behelfstor sich plötzlich nach vorne flachlegte.

Nun gab es nur eine Richtung: hinein ins Stadion. Besorgte Ordner konnten den Strom nicht stoppen. Wir wurden bis vor an die Mittellinie beordert und mussten uns dort niederknien. Ich höre noch heute die Rufe und das schwere Keuchen unserer tapferen Helden namens Burdenski, Barufka, usw. aus nächster Nähe. Toni Turek im Tor sowie Max Morlock und Ottmar Walter, die späteren WM-Helden, waren ebenfalls mit von der Partie.

Für uns Lausbuben war es in vielerlei Hinsicht ein sehr lehrreicher Tag, an den wir sehr gerne zurückdenken. Wir wurden zu Hause nach den Schilderungen unserer Erlebnisse ,sehr wohlwollend’ geschimpft.“

Vor 70 Jahren, am 22. November 1950, konnte zum ersten Mal nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft zu einem Länderspiel auflaufen. Die Partie gegen die Schweiz, die (West-)Deutschland mit 1:0 gewann, fand im damaligen Neckarstadion in Stuttgart statt. Über 100.000 Zuschauer waren im Stadion dabei (zum Vergleich: Die heutige Mercedes-Benz Arena fasst knapp über 60.000 Zuschauer).

Mit dabei waren zwei damals zehn Jahre alte Zwillingsbrüder

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