Waiblingen

„Es wurde heute gelogen“: Heroin-Prozess in Waiblingen endet mit Freispruch

Drogen dealen
Symbolfoto. © ZVW/Alexandra Palmizi

Ein wegen Heroin-Handels angeklagter Mann ist vom Amtsgericht Waiblingen aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Der 53-Jährige war bereits seit sechs Monaten in Untersuchungshaft. Ob er gedealt hat, konnte nicht geklärt werden. „Es wurde heute gelogen im Gerichtssaal“, so der Vorsitzende Richter Steffen Kärcher, „aber wer gelogen hat, wissen wir nicht.“

Im November 2022 hatte der erste Gerichtstermin stattgefunden, zu dem die Belastungszeugin aber nicht erschienen war. Den Beamten, die damals ausgesandt worden waren, hatte sie erklärt, sie leide an Corona und habe die Vorladung nicht erhalten. Im Herbst 2021, so die 48-Jährige diesmal im Zeugenstand, habe sie beim Aufräumen in ihrer Waiblinger Wohnung auf ihrem Schlafzimmerschrank einen Rucksack entdeckt. Darin hätten sich neben Drogenutensilien wie Messbecher, Drucktüten und Feinwaage auch mehr als 200 Gramm einer kompakten braunen Masse befunden, die in Plastikfolie eingewickelt war.

Da sie mit Drogen noch nie etwas zu tun gehabt hatte, so die Pharmakantin, habe sie die Masse mit einem Hammer und einem Messer zerkleinert und in der Auffahrt zur B 29 Richtung Schorndorf aus dem Autofenster geworfen. Ein kleines Stück der Masse habe sie zurückbehalten, für alle Fälle als Beweisstück. Des Rucksacks samt Inhalts habe sie sich dadurch entledigt, dass sie ihn über den Hausmüll entsorgte.

3000 Euro als Entschädigung

Der Rucksack, sei ihr klar gewesen, konnte nur einem Bekannten gehören. Der 53-jährige Mann habe sie im August 2020 zuletzt in der Wohnung besucht und ihn bei dieser Gelegenheit, während sie in der Küche hantierte, auf dem Schrank deponiert. Über mehrere Wochen hinweg habe sie überlegt, wie sie sich verhalten sollte, habe die – rein freundschaftliche, wie sie betonte – Beziehung zu dem Mann Revue passieren lassen und nicht gewusst, was tun. Die Entscheidung darüber wurde ihr dann insoweit abgenommen, als der Mann sie im November 2021 anrief. Nach seiner Aussage bestand der Zweck des Anrufs darin, das Verhältnis endgültig zu beenden und der Bekannten klarzumachen, dass er bei Frau und Tochter in der Türkei bleibe. Sie wiederum gab an, als sie ihn auf den Drogenfund ansprach, habe er ihr erklärt, dass er das Heroin und die sonstigen Utensilien bei ihr deponiert habe und nun zurückhaben wolle. Als sie ihm erklärte, dass alles bereits entsorgt sei, forderte er von ihr 3000 Euro als Entschädigung. Er habe sie derart eingeschüchtert und in Angst versetzt, dass sie sich an die Polizei wandte und den circa zehn Gramm schweren Drogenrest übergab.

Im kriminaltechnischen Labor identifizierte man ihn als Heroin, ausreichend für die Herstellung von 470 Konsumeinheiten. Der Polizei berichtete sie auch, dass sie den Mann in ihrem Auto mehrmals nach Dortmund, Frankfurt, Stuttgart und Waiblingen gefahren habe, wo man zusammen in türkischen Restaurants gegessen und er mit Unbekannten Päckchen ausgetauscht habe.

Lokal mit 18 Angestellten in der Türkei

Der Angeklagte berichtete mit Hilfe einer Dolmetscherin für Türkisch, dass er 1969 in der Türkei geboren wurde. Er sei mit acht Jahren nach Holland gekommen, wo sein Vater lebte. Dort habe er bis zu seinem 19. Lebensjahr die Schule besucht und den Beruf eines Kochs erlernt. Vor sechs Jahren sei er dann in die Türkei zurückgekehrt und habe dort ein Lokal mit inzwischen 18 Angestellten eröffnet. Seit er sich in Stuttgart in U-Haft befinde, werde es von seiner zweiten Ehefrau geleitet, mit der er eine Tochter habe. Aus einer ersten Ehe stammten vier mittlerweile erwachsene Kinder.

Über seinen Verteidiger, den Rechtsanwalt Burkhard Benecken aus Marl, ließ er erklären, er habe die Zeugin in Schorndorf kennengelernt, als er während einer Ehekrise mehrere Monate von seiner Frau getrennt bei seiner Tante lebte. Aus dieser Bekanntschaft habe sich im Laufe der Zeit ein Liebesverhältnis entwickelt. Zweimal habe ihn die Bekannte sogar in der Türkei besucht, nachdem er zu seiner Ehefrau zurückgekehrt war. Das erste Mal habe er sie vom Flughafen abgeholt; sie habe in seinem Haus gewohnt, in einem Gästeappartement, und sich während ihres Aufenthaltes sogar einer medizinischen, einer zahnmedizinischen und einer physiotherapeutischen Behandlung unterzogen. Es sei eine rundum angenehme Zeit gewesen, in deren Verlauf sich auch seine Frau und die Bekannte kennenlernten.

Diese Darstellung wurde auch von der aus der Türkei angereisten Ehefrau bestätigt und durch Arzt- und Zahnarztrechnungen untermauert. Dem widersprach die Zeugin allerdings. Man habe sich lediglich in Izmir auf der Strandpromenade zweimal getroffen und Kaffee getrunken. Gewohnt habe sie in einem Hotel, dessen Namen sie vergessen habe. Die medizinischen Behandlungen räumte sie nach einigem Zögern ein. Auf Abweichungen in ihren Aussagen bei der Polizei und vor Gericht angesprochen erklärte sie, sie habe im September bei einem Verkehrsunfall eine Gehirnerschütterung erlitten, an dessen Folgen sie leide.

Vorgeblicher Standort des Drogenrucksacks wurde nicht mittels eines Drogensuchhundes überprüft

Die vier Waiblinger Polizeibeamten, von denen die Zeugin vernommen worden war, schilderten sie durchweg als glaubwürdig, stringent, frei von Belastungstendenzen, ängstlich, von der Situation überfordert und emotional mitgenommen. Dieser Eindruck der Zuverlässigkeit, so die Schlussfolgerung von Richter Steffen Kärcher in seiner mündlichen Urteilsbegründung, habe wohl dazu geführt, dass sich die Beamten ganz auf die Aussagen der Zeugin verließen und keine weiteren Ermittlungsansätze verfolgten, wie etwa das Suchen der angeblich aus dem Autofenster geworfenen Drogen oder das Überprüfen des vorgeblichen Standorts des Drogenrucksacks in der Wohnung der Zeugin mittels eines Drogensuchhundes. Nicht untersucht worden seien auch im Keller aufgefundene Utensilien und Chemikalien mit einem Betäubungsmittelbezug.

Da weder der Angeklagte noch die Zeugin mit ihrer Version der Geschichte überzeugt hätten, bliebe dem Gericht nur, den Angeklagten von dem Vorwurf des unerlaubten Handels mit Betäubungsmitteln freizusprechen und für die in der Untersuchungshaft verbrachte Zeit zu entschädigen. Der gegen ihn erlassene Haftbefehl wurde aufgehoben, so dass er das Gerichtsgebäude in Begleitung seiner aus den Niederlanden und der Türkei angereisten Familie als freier Mann verlassen konnte.

Ein wegen Heroin-Handels angeklagter Mann ist vom Amtsgericht Waiblingen aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Der 53-Jährige war bereits seit sechs Monaten in Untersuchungshaft. Ob er gedealt hat, konnte nicht geklärt werden. „Es wurde heute gelogen im Gerichtssaal“, so der Vorsitzende Richter Steffen Kärcher, „aber wer gelogen hat, wissen wir nicht.“

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Im November 2022 hatte der erste Gerichtstermin stattgefunden, zu dem die Belastungszeugin aber nicht erschienen

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