Waiblingen

Eva Württemberger liest aus ihrer neuen Romanbiografie

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Eva Württemberg beschreibt den Räuber Friedrich Schwahn, das literarisch romantisierte „Sonnenwirtle“, als Stalker und Gewalttäter. © Habermann / ZVW

Waiblingen. Ausgehend von einer Verhaftung in Waiblingen wirft Eva Württemberger neues Licht auf den von Autoren wie Friedrich Schiller romantisierten Räuber „Sonnenwirtle“ Schwahn – als Stalker und Gewalttäter. Am Mittwoch liest sie in der Stadtbücherei Waiblingen aus ihrem neuen Buch „Das Sonnenwirtle – Friedrich Schwahn und seine Braut“.

Video: Eva Württemberger liest aus ihrem neuen Buch Sonnenwirtle in der Stadtbibliothek Waiblingen vor

1760 wird die 27-jährige Christina Müllerin als Räuberbraut in Waiblingen verhaftet – wegen ihrer früheren Beziehung zum Rechtsbrecher Johann Friedrich Schwahn, genannt „Sonnenwirtle“. Nur wenige Monate später, im Juli 1760, wird sie in Vaihingen an der Enz dazu verurteilt, die Hinrichtung des 31-jährigen Schwahn anzusehen, anschließend wird sie vier Jahre lang in Ludwigsburg inhaftiert.

Aus den Augen dieser jungen Frau nimmt Eva Württemberger in ihrer neuen historischen Romanbiografie den süddeutschen Räuber, Gewalttäter und Mörder „Sonnenwirtle“ in den Blick. Jedoch nicht aus Sicht einer Liebenden, sondern eines Opfers.

Der Tatsachenroman „Das Sonnenwirtle – Friedrich Schwahn und seine Braut“ ist beinah noch druckfrisch, er ist im August im Gmeiner Verlag erschienen. Am Mittwoch präsentierte Eva Württemberger es bei einer Lesung in der Stadtbücherei Waiblingen, im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Literatur zur Kaffeezeit“.

Christina Müllerin ist die tragische Hauptperson in der Rolle der unfreiwillig Geliebten. Als 17-jähriges Mädchen, in zeitgenössischen Quellen als blond und überaus hübsch beschrieben, wird sie für den 21-jährigen Schwahn zum Objekt der Begierde. Sie geht eine Beziehung mit ihm ein. Freiwillig ist das jedoch nur für kurze Zeit. Hatte sich das Paar im November 1750 kennengelernt, so war das Verhältnis bereits nach einem Monat „kaputt“, wie Eva Württemberger ihren Zuhörern berichtet. Christinas Vater, ein Bauer in finanziellen Schwierigkeiten, ist nicht für die Beziehung zu begeistern, ebenso wenig der Vater Friedrich Schwahns, der wohlhabende Ebersbacher Sonnenwirt. Schwahn jedoch will mit ihr zusammen sein – und wenn er dafür die Pistole zücken muss.

Mit dem Schlachtermesser zum Bleiben gezwungen

Christina Müllerin will sich von Schwahn lösen. Ihre Ausbruchs- und Fluchtversuche sind nicht von Erfolg gekrönt. Ihr Freier ist immer wieder fort: vom Vater weggeschickt nach Frankfurt, im Gefängnis, in ganz Süddeutschland unterwegs mit Räuberbanden. Doch immer wieder sucht er sie an neuen Wohn- und Arbeitsstellen auf, gegen ihren Willen. Er schreibt ihr phasenweise täglich Briefe. Nach Einschätzung Eva Württembergers betreibt er regelrechtes Stalking.

Es folgen weitere Gewalteskapaden mit Fäusten und Schlachtermesser, Vergewaltigungen sind nicht ausgeschlossen. Mit einem Stein bringt Schwahn seiner Geliebten so schwere Verletzungen bei, dass sie beinahe stirbt. Der Tenor: Christina Müllerin kann ihm nie auf Dauer ausweichen. Sie bekommt drei Kinder von Schwahn. Keines davon darf sie behalten. Schließlich findet sie eine Arbeitsstelle in Waiblingen und bleibt längere Zeit unbehelligt. Bis Schwahn in Vaihingen aufgegriffen und nun auch ihr der Prozess gemacht wird.

Diese Version der Dinge sei authentisch, berichtet Eva Württemberger. Die Hinweise darauf fänden sich zuhauf in Gerichtsakten, Archiven, Verhörprotokollen, literatur- und rechtswissenschaftlichen Quellen. Allerdings auch die auf Christina Müllerin gemünzte, wiederkehrende Bemerkung: „Es wird ihr wohl auch gefallen haben.“ Ebenso die Sicht, sie verdiene Strafe, obwohl sie selbst nie straffällig wurde. Und schließlich die späteren Beschreibungen, das „Sonnenwirtle“ sei zum Verbrechen getrieben, gar eine Art Robin Hood gewesen. Das sei der Anlass für Württemberger gewesen, das Bild in ihrem Roman zurechtzurücken.

Christina Müllerin sei „unfreiwillig“ die „wichtigste Zeitzeugin“, erklärt die Autorin im Vorwort ihres Buches. Eine Zeugin, deren Erlebnisse zeigen: Dieser Mann, „das war ein richtiger Gewaltverbrecher.“


Die Autorin wurde 1964 geboren.

Sie machte ihr Diplom zur Sozialpädagogin in Esslingen. Sie arbeitet freiberuflich als Musikerin, Komponistin, Bühnenautorin sowie Musikverlegerin für Kinder und Jugendliche.

Seit 2012 schreibt sie historische Romane unter dem Pseudonym Eva-Ruth Landys. Das „Sonnenwirtle“ (2016) ist der erste historische Roman unter ihrem Klarnamen.

Am Samstag, 1. Oktober, liest sie von 21 Uhr an anlässlich der Landesliteraturtage bei der Krimi-Kellernacht im Beutelsbacher Künstlerkeller Klafszky (Schönbühlstraße 20).