Waiblingen

Ex-Model Kera Deiß warnt vor falschen Idealen

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Das ehemalige Model Kera Deiß in der Gewerblichen Schule. © ZVW/Alexandra Palmizi
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Auch Jungs sind von Essstörungen betroffen, sagt Robert Deiß. © ALEXANDRA PALMIZI

Waiblingen. Schön sein, schlank sein, Model sein: Davon träumen viele Mädchen. Dass der Traum von der Schönheit aber oft nicht glücklich macht, weiß Kera Deiß aus eigener Erfahrung. Zehn Jahre lang kämpfte die ehemalige Teilnehmerin von Heidi Klums Germany’s next Topmodel mit Essstörungen und krankmachenden Schönheitsidealen. Ihre eindringliche Botschaft vor angehenden Friseuren der Gewerblichen Schule: „Vergesst Speckröllchen und Pickel. Glücklich ist das neue Schön.“

Sie ist gerade mal 30 und hat schon eine internationale Karriere als Plus-Size-Model hinter sich. Mit der schillernden Modeszene hat sie ernüchtert abgeschlossen. Mittlerweile schreibt Kera Deiß Ratgeber für junge Mädchen und tourt zusammen mit ihrem Mann Robert durch Schulen, um jungen Menschen zu einer gesunden Selbstwahrnehmung und einem zufriedenen Blick auf den eigenen Körper zu verhelfen.

„Alles, was stört, wird weggebügelt“

„Wir erzählen euch, was passiert, wenn man sich nicht treu bleibt“, so die gebürtige Halbamerikanerin in der Gewerblichen Schule. Ihre eigenen Essstörungen führt sie zum großen Teil auf die Schönheitsideale in den Medien zurück – auf Bilder superschlanker Frauen in unnatürlichen Posen. Dabei hätten diese Bilder mit der Realität nichts zu tun, erklärt sie eindrucksvoll anhand eines Demo-Videos. „Alle Bilder werden mit Photoshop bearbeitet. Alles, was stört, wird weggebügelt.“

Gestört hat Kera Deiß vieles auch an sich selbst. Schön früh fiel sie auf, weil sie als Größte alle anderen Kinder überragte. Mit 15 wurde sie von einer Modelagentur angesprochen, die ihr einen Vertrag anbot. Die Bedingung: Bis zu ihrem 16. Lebensjahr solle sie abnehmen. Damals habe sie angefangen, Diät zu halten, erzählt die 30-Jährige. Eine Absage bekam sie trotzdem – die Diät ging weiter. „Gleichzeitig bekam ich Fressattacken.“

In kürzester Zeit habe sie Riesenmengen an Pizza, Tortellini und Eis verschlungen. Um nicht zuzunehmen, kasteite sie sich mit Abführmitteln, Appetitzüglern und fünf Stunden Training im Fitness-Studio. Die Schauspielschule in Hamburg brach sie ab: „Da hatte ich meinen Tiefpunkt.“ Sie litt unter Magenschmerzen, Durchfall, Kreislaufproblemen, die Periode blieb weg: „Ich war physisch und psychisch am Ende.“

Sie ließ sich sechs Wochen in eine Klinik einweisen. „Aber danach war ich nicht geheilt. Ich dachte, es muss toll sein, schön und schlank zu sein.“ Innerhalb von neun Monaten nahm sie erneut 20 Kilo ab, dann beteiligte sich an Germany’s next Topmodel. Nach drei Folgen schied sie – wegen ihrer Figur – als 19. aus. Danach begann ihre Karriere als Plus-Size-Model. „Plötzlich war ich richtig, hatte Jobs in ganz Europa.“ Doch die Fressattacken blieben. Wieder wurde sie in eine Klinik eingeliefert. „Dort habe ich gemerkt, diese Welt funktioniert für mich nicht. Man rennt und rennt und kommt nicht an. Schön sein erfüllt mich nicht.“ Ihre Essstörung hat Kera Deiß am Ende überwunden – nachdem sie zwölf Jahre lang darunter gelitten hatte.

Vor Essstörungen sind auch Jungs nicht sicher

Vor Essstörungen und gestörten Selbstbildern sind auch Jungs nicht sicher. Bilder von durchtrainierten coolen Machos sind auf allen Kanälen zu sehen, wer anders ist, wird schnell zum Außenseiter. „Ist männlich sein nur mit Geld, Muskeln und vielen Frauen um einen herum möglich?“, fragte Keras Ehemann Robert Deiß. Obwohl er nach Mobbingerfahrungen als Jugendlicher später zeitweise diesem Ideal entsprochen habe, sei auch er nicht glücklich gewesen. „Dann habe ich eine Therapie gemacht und gemerkt: Ich kann nur glücklich sein, wenn ich mich annehme. Deshalb bin ich heute mit Kera hier.“

„Wir wollen, dass ihr nicht dieselben Fehler macht wie wir“, sagte seine Frau eindringlich. „Vergesst die Schönheitsideale, dann habt ihr eine viel größere Chance auf ein besseres Leben.“ Zumal die Jagd nach dem Model-Schönheitsideal für die meisten nicht zu gewinnen sei: Einer Statistik zufolge habe nur jede 40 000. Frau den Körper eines Models: „Da können wir alle nur verlieren.“ Stattdessen warb sie dafür, für den eigenen Körper dankbar zu sein und sich selbst zu akzeptieren: „Wer gemein ist, kann sich selbst nicht leiden. Wer sich mag, ist gut zu anderen.“


Literaturstudium

Nach dem Abitur 2007 nahm Kera Deiß Schauspielunterricht, den sie jedoch wegen ihrer Essstörung abbrach. 2011 belegte sie an der Universität Tübingen ein Bachelorstudium in Rhetorik und Literatur, das sie 2013 abschloss. Anschließend absolvierte Deiß bis Ende 2016 ihr Masterstudium in Literatur- und Kulturtheorie.

2010 nahm sie an der 5. Staffel der Model-Casting-Show Germany’s Next Topmodel teil, schied aber nach drei Folgen aus. Über mehrere Jahre arbeitete sie als Plus-Size-Model. 2015 beschloss sie, ihre Modelkarriere zu beenden.