Waiblingen

Für einen Monat als Pfarrer in Afrika

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Beim Hauskreistreffen durfte der Großheppacher Pfarrer Heinz Schnürle predigen, nachdem es zuvor ein linsenähnliches Gericht mit Chapati (eine Art Pfannkuchen) gab. © Privat
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Pastor Vitalis Odoyo mit seiner Frau Susanne Odoyo und drei der insgesamt vier gemeinsamen Kinder. © Privat
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Pfarrer Heinz Schnürle (links) und sein Gastgeber, Pastor Vitalis Odoyo (Dritter von links), nach dem Gottesdienst in Kisumu, einer Hafenstadt im Nordosten des Victoriasees. © Mathias Ellwanger
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Nachbarskinder vorm Haus der Pfarrersfamilie. © Mathias Ellwanger
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Martin Dippon aus Großheppach spielt im Kindergarten der Pfarrersfamilie Odoyo Trompete. © Mathias Ellwanger
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Stets am Werkeln: Martin Dippon baut eine Küche. © Mathias Ellwanger
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Eine typische Straßenszene. © Mathias Ellwanger
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Lehrerin Lydia gibt den Kindern im Kindergarten beim Pfarrhaus eine Mahlzeit © Mathias Ellwanger

Weinstadt-Großheppach/Kisumu. Er hat in Wellblechhütten an Gottesdiensten teilgenommen, auf Englisch gepredigt und mit seinem kenianischen Kollegen Gläubige zu Hause besucht: Pfarrer Heinz Schnürle aus Großheppach hat einen Monat lang den afrikanischen Pastor Vitalis Odoyo bei seiner Arbeit begleitet.

Kein Fernseher, kein Kühlschrank, nur tagsüber ein bisschen Solarstrom: Einen Monat lang hat Heinz Schnürle so gelebt, im Gästehaus der Familie des evangelischen Pastors Vitalis Odoyo. Es liegt auf dem Land, zusammen mit dem Pfarrhaus und einem Kindergarten, sieben Kilometer entfernt von Kisumu, der drittgrößten Stadt Kenias. Als Heinz Schnürle hier mit Martin Dippon, einem guten Freund aus Großheppach, ankam, erfuhr er schnell, was Entschleunigung bedeutet. Schon der Fußmarsch über den vom Regen aufgeweichten und mit Steinbrocken bedeckten Boden dauerte länger, als es Heinz Schnürle von zu Hause gewohnt ist. Genauso war es mit Autofahrten. Für die sieben Kilometer nach Kisumu waren sie fast eine halbe Stunde unterwegs. „Hier ist das Leben noch langsam – aber es tut einem gut.“

Heinz Schnürle ist ja nicht nur als Tourist nach Afrika gekommen, der sich an der Natur erfreut – sondern er wollte erleben, wie dort kirchliches Leben funktioniert. Vier Wochen verbrachte er in Kisumu, alles im Rahmen der Sonderdienstbefreiung, die die Evangelische Landeskirche ihren Pfarrern anbietet. Über Andrea Unkauf, die Leiterin des evangelischen Kindergartens Sonnenblume, knüpfte er Kontakte zu Pastor Vitalis Odoyo und seiner deutschen Frau Susanne Odoyo – und flog Anfang Januar nach Kenia. Bezahlen musste Heinz Schnürle das alles selbst – aber das war es ihm wert.

„Wir dachten erst, es wäre Disco“

Gleich zu Beginn nahm der Großheppacher Pfarrer an einer Beerdigung teil. Denn seine Gastgeberfamilie, die Odoyos, trauerte um die kleine Leah, die in den Kindergarten bei ihrem Pfarrhaus ging. Sie wurde gerade mal sechs Jahre alt. „Sie war den Odoyos ans Herz gewachsen“, sagt Heinz Schnürle. 48 Stunden dauerte die Trauerfeier in der Hütte von Leahs Eltern, viele Menschen kamen, jeder erzählte dort von seinen persönlichen Erlebnissen mit dem verstorbenen Kind. Leah wurde übrigens direkt neben dem Haus beerdigt – aber Heinz Schnürle und seinen Begleiter Martin Dippon verblüffte etwas anderes noch viel mehr: Aus der Hütte, in der die Trauernden zusammensaßen, drang die ganze Zeit ohrenbetäubend laute Musik. „Wir dachten erst, es wäre Disco.“

Seinen ersten Gottesdienst in Kenia erlebte Schnürle bei einer Freikirche, die sich in einer Wellblechhütte befand. Drei Stunden saß der schwäbische Pfarrer dort auf einem Plastikstuhl, hörte den Menschen zu, wie sie von ihren persönlichen Erlebnissen mit Gott berichteten. Nachher erfuhr er, dass drei Stunden für einen Gottesdienst in dieser Freikirche gar nicht so lang sind. Manchmal dauert es auch fünf Stunden, je nachdem, wer sich alles zu Wort meldet.

In seiner zweiten Keniawoche durfte Heinz Schnürle seine erste Predigt in der evangelischen Kirchengemeinde von Pastor Vitalis Odoyo in Kisumu halten. Sie gehört zur Africa Inland Church (AIC), eine der größten Kirchen im Land. Das Gebäude hatte ebenfalls ein Wellblechdach, es gab weder Fenster noch eine Orgel. Gesungen wurde trotzdem, auch hatte der Gottesdienst eine sehr offene Form. Heinz Schnürle predigte dort eine halbe Stunde lang auf Englisch, wobei ein Gemeindemitglied seine Worte zeitgleich in die Sprache der Luo übersetzte – denn gerade die Älteren verstehen Kenias Amtssprache nicht wirklich.

Den stärksten Eindruck haben bei Heinz Schnürle die Hausbesuche hinterlassen, zu denen ihn Pastor Vitalis Odoyo mitnahm. Da traf er junge Familien, Malariakranke, junge Arbeitslose, alte Männer, die sich um ihre Enkel sorgen. Er wurde mit Schicksalen konfrontiert, etwa von einer Kenianerin, die ein Mann zur Zweitfrau nahm. Sie wurde schwanger, der Mann verstieß sie – und nun lebt sie bei der Tante. Manchmal ereigneten sich auch heitere Dinge, etwa als während eines Hausbesuchs plötzlich zwei Esel zur Tür hereinschauten.

Es gab immer wieder Momente in diesen vier Wochen in Kenia, in denen Schnürle spürte, wie gut es die Menschen in Deutschland haben. Selbst die deutsche Bürokratie, die in der Heimat gern mal verflucht wird, erschien ihm in der Ferne fast segensreich – weil sie eben auch Verlässlichkeit bietet. Auf der anderen Seite fragte sich der Großheppacher Pfarrer auch oft, ob die Deutschen nicht vergessen haben, den Wert von Bildung oder Wohlstand zu schätzen.

Heinz Schnürle hat es noch genau vor Augen, wie gründlich in Kisumu die Wäsche per Hand gewaschen wurde. Eine Maschine gab es nicht – aber die Farben leuchteten richtig, so sauber war die Kleidung nachher immer. „Ich weiß immer noch nicht, wie die das schaffen.“

Heinz Schnürle ist jetzt jenseits von Afrika, er ist wieder angekommen in seinem Großheppacher Alltag – und dankbar über die gute Vertretung durch seine Vikarin. Aber irgendwann, das weiß er, wird er wieder nach Kisumu fliegen. „Die Sehnsucht ist schon da.“

Umgang mit der Armut

Wie gehe ich mit der Armut um, die ich in Kenia erlebe? Pfarrer Heinz Schnürle und sein Begleiter Martin Dippon haben sich diese Frage gestellt – und waren froh, von ausgewanderten Deutschen Rat zu erhalten.

Das fängt schon bei der Frage an, wie viel man als Deutscher bei der Kollekte in einem kenianischen Gottesdienst spenden sollte. Auf der einen Seite können die Menschen das Geld gut brauchen. Auf der anderen Seite ist es ja eine öffentliche Form des Geldgebens, bei der es die Einheimischen auch beschämen könnte, wenn sie beobachten, wie wenig sie selbst geben können – und wie lässig ein wohlhabender Weißer einen Zehn-Euro-Schein in den Klingelbeutel wirft.

Anderes Beispiel: Wenn Schnürle unterwegs war, kam es vor, dass er schnell von drei, vier Kindern umringt war. Da ist die Versuchung groß, Süßigkeiten zu verschenken. Wer es tut, muss damit rechnen, plötzlich 20 weitere Kinder um sich zu haben – und wenn’s dumm läuft, reicht es nicht für alle. Schnürle hat deshalb einer Lehrerin Süßigkeiten geschenkt und sie gebeten, jedem Schüler an seinem Geburtstag damit eine Freude zu machen.