Waiblingen

Fahranfänger in Gefahr

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Ein typischer Fahranfänger-Unfall: Im April ist ein 18-Jähriger bei Althütte gegen einen Baum gefahren. Er wurde schwer verletzt. © Benjamin Beytekin

Waiblingen. Sieben Jahre dauert es, bis ein Mensch sicher Auto fährt. Trotzdem heizt manch ein Fahranfänger in die Kurven, als gäb’s kein Morgen mehr. Der Fahrlehrerverband plädiert dafür, früher mit begleitetem Fahren zu beginnen.

Junge Erwachsene im Alter von 18 bis 24 Jahren stehen bei der Unfallauswertung der Polizei besonders im Fokus. Mangelnde Fahrpraxis plus erhöhte jugendliche Risikobereitschaft – das ergibt eine gefährliche Mischung.

Trotzdem kochen Debatten über Fahrtauglichkeit eher dann hoch, wenn ein hochbetagter Senior einen Unfall verursacht (wir haben kürzlich berichtet). Ein 89-jähriger Leser aus Remshalden, der nicht namentlich genannt werden möchte, plädiert durchaus für Pflichtuntersuchungen ab höherem Alter – „denn viele wollen es nicht zugeben.“ Doch wirklich Angst jagen ihm die Jungen ein: „Manche fahren wie die Besessenen.“

Ablenkung ist großes Präventionsthema

Es scheint etwas dran zu sein. Laut Polizei war 2016 bei mehr als einem Drittel der Unfälle mit jungen Fahrern überhöhte Geschwindigkeit der Grund.

Nicht zu unterschätzen ist Ablenkung am Steuer als Unfallursache. Darauf weist Volker Zahn mit Blick auf Handys und Navis im Auto hin. Der Leiter der Abteilung Verkehr und Technik beim ADAC in Stuttgart hält Ablenkung am Steuer für ein „großes Präventionsthema“.

Bei schwerwiegenden Verstößen folgt eine Nachschulung

Ein Handyverstoß kommt einen Fahranfänger teuer zu stehen. Solch ein Verstoß ist als „schwerwiegende Zuwiderhandlung“ zu werten. Der Delinquent muss zur Nachschulung, und seine Probezeit erhöht sich von zwei auf vier Jahre. Hintergrund ist, dass Fahranfänger den Führerschein zunächst auf Probe erhalten. Zwei Jahre dauert die Bewährungszeit. Verstöße im Straßenverkehr ziehen härtere Folgen nach sich als bei erfahreneren Autofahrern.

Laut Jochen Klima, dem Vorsitzenden des Fahrlehrerverbands Baden-Württemberg, müssen derzeit etwa 15 Prozent der Führerscheinneulinge zur Nachschulung. Es trifft mehr junge Männer als Frauen.

Begleitphase muss verlängert werden

Jochen Klima sieht ein hohes Risiko dann, wenn Gleichaltrige im Auto sitzen. Deshalb schwört er aufs begleitete Fahren. Jugendliche unter 18 steuern ein Fahrzeug unter Aufsicht; meist dürften Mutter oder Vater vom Beifahrersitz aus eine „dämpfende Wirkung“ auf den jungen Fahrer ausüben. Der Fahranfänger sammelt Erfahrungen, ohne gleich komplett ins kalte Wasser geworfen zu sein.

Hin und wieder kocht eine Diskussion darüber hoch, bereits 16-Jährigen begleitetes Fahren zu ermöglichen. „Hin- und hergerissen“ zeigt sich Jochen Klima: „Das ist fast zu jung.“ Andererseits „müssen wir alles tun, um die Begleitphase zu verlängern“. Das Problem: Die wenigsten schaffen es, direkt mit 17 ins begleitete Fahren einzusteigen. Derart dicht gedrängte Terminpläne bestimmen offenbar das Leben der jungen Leute, dass die Fahr- und Theoriestunden nur schwer unterzubringen sind.

Zahl der Unfälle geht zurück

Laut ADAC ist die Zahl der Unfälle seit 2011, als das begleitete Fahren eingeführt wurde, um bis zu 22 Prozent zurückgegangen. Niedersachsen plant zurzeit einen neuen Modellversuch, damit bereits 16-Jährige ans Steuer dürfen.

Ungeachtet dessen sieht Jochen Klima die Fahranfänger „allein gelassen“. Nachschulungen ganz generell hielte er für sinnvoll – wohl wissend, dass ihm eine solche Forderung leicht als Geschäftsankurbelungsversuch ausgelegt werden könnte

Sicherheitstraining und Perfektionsfahrten in Österreich

Andere europäische Länder fordern ihren Fahranfängern mehr Ausbildungseinheiten ab als Deutschland. Führerscheinneulinge müssen in Österreich ein paar Monate nach ihrer Prüfung ein Sicherheitstraining absolvieren und zwei „Perfektionsfahrten“ nachweisen. Ein speziell geschulter Fahrlehrer begleitet sie und führt hinterher ein Gespräch.

In Deutschland gibt’s Bestrebungen, die Ausbildung an den Fahrschulen zu verbessern. Vor einem Jahr hat das Bundeskabinett eine Reform beschlossen, wonach eine neu konzipierte Ausbildung Fahrlehrer befähigen soll, die Schüler in den neuen Mobilitätstechnologien zu schulen. „Fahrlehrer werden künftig nicht nur fachlich, sondern auch mit Blick auf ihre didaktischen Fähigkeiten besser ausgebildet. Ziel ist eine kompetenzorientierte Ausbildung“, so das Verkehrsministerium.

Technik für die Sicherheit

Moderne Technik könnte ebenfalls einen Beitrag leisten für mehr Sicherheit, Stichwort: Telematik. Eine Box im Auto oder Apps auf dem Handy messen den Fahrstil, was eventuell eine erzieherische Wirkung entfaltet. Die Technik verteilt Minuspunkte für abruptes Bremsen und Kavalierstarts, misst die Geschwindigkeit, das Lenkverhalten und die Fliehkräfte in Kurven. Wohlverhalten zahlt sich aus: Einige Kfz-Versicherer bieten laut „Finanztest“ Telematiktarife speziell für junge Leute an. Ihr Versicherungstarif sinkt, sofern sie umsichtige Fahrweise mittels Telematik nachweisen können. Allerdings muss jedem klar sein, dass er Daten von sich preisgibt, die früher mal keinen was angingen.


Schleuder-Schutz

Der ADAC rät, dass Anfänger in einem Auto mit dem Anti-Schleuder-Schutz ESP fahren sollten: „Viele schwere Unfälle ließen sich durch ESP vermeiden.“ Auch in älteren Gebrauchtfahrzeugen sei bereits ESP vorhanden.