Waiblingen

Familien in der Quarantäne-Falle: Wer darf raus und wer nicht?

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Nach Corona-Warnungen befinden sich viele Waiblinger Schulen in Quarantäne und/oder Fernunterricht. © Büttner

Alle paar Tage hatten Waiblinger Schulen Corona-Verdachtsfälle oder gar bestätigte Infektionen bei Kindern zu vermelden. Ganze Klassen werden vorsorglich nach Hause geschickt – oder gleich in Quarantäne. Mit drastischen Einschränkungen: Kinder im Heimunterricht, Eltern im Home-Office, 14 Tage Kontaktverbot. Jederzeit kann sich das Damoklesschwert senken. Zum Bangen um die Gesundheit kommt dann bald die Unsicherheit: Was dürfen wir noch – und was nicht?

Die Familie eines Mädchens der Salier-Realschule hat’s erwischt: Erst wurde die Corona-Infektion eines Mitschülers bekannt, dann bekam auch die 13-jährige Tochter ein positives Testergebnis. Etwa einen Tag lang zeigte sie Symptome. Sowohl die Eltern als auch die drei Kinder sind (wieder) munter – gesundheitlich. Die Gemütsverfassung gestaltet sich komplizierter. Bei aller Einsicht in die Notwendigkeit der Maßnahme räumt die Mutter doch ein: „Ein bisschen fühlt es sich an wie Freiheitsentzug – aber es muss ja sein.“

Der kleine Bruder muss seine „Power“ ausleben

Am wenigsten trifft es wohl den Vater, der für die Automobilbranche seit Monaten im Home-Office arbeitet. Die Mutter hat erst kürzlich ihre Stelle bei einer Behörde angetreten, für sie wird die Option Home-Office ebenfalls vorbereitet. Die Töchter im Teenager-Alter sind im Fernunterricht und halten ansonsten über Whatsapp und Videotelefonie Kontakt mit ihren Freundinnen. Die Jugendlichen brauchen den Austausch mit Gleichaltrigen, weiß die Mutter. Ebenso sehr, nur ein bisschen anders, vermisst der fünfjährige Sohn seine Kumpels. Weil er nicht mit ihnen raufen kann, müssen dafür die Eltern herhalten. Schließlich steckt der Junge „voller Power“.

Ahnend, was kommt, hatte die Mutter noch einen Großeinkauf gemacht – „auch wenn das vielleicht nach Hamsterkauf aussah“. Inzwischen haben Bekannte weiter mit Einkäufen ausgeholfen. Glücklich, wer ein Reihenhaus mit Garten und eine eigene Waschküche hat. Sie kennt aber Familien, die es in kleinen Wohnungen ohne Garten aushalten müssen. Und Nachbarn, die schon zweimal von einer Quarantäne betroffen waren. Während an den Rändern der Gesellschaft trotz mehr als 11 000 Neuinfektionen am Tag einige noch immer bezweifeln, dass das Virus überhaupt existiert, lauert es in diesem Herbst als leise Bedrohung über dem ohnehin schon strapaziösen Familienalltag.

Kontaktpersonen dürfen nicht raus

Ganz aktuell hat die Stadt Waiblingen in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt ein Merkblatt für Eltern von Kontaktpersonen entwickelt. Für Verwirrung sorgt manchmal der Unterschied zwischen „vorsorglichem Zuhausebleiben“, etwa bei Verdachtsfällen in der Klasse, und der Quarantäne bei bestätigten Infektionen von Mitschülern. Ist das eigene Kind infiziert? Dann gilt die Quarantäne für die ganze Familie. Ist ein Klassenkamerad infiziert und das eigene Kind eine enge Kontaktperson ohne Symptome, müssen sich Eltern und Geschwister in ihren Außenkontakten (noch) nicht einschränken – das betroffene Kind sehr wohl, es hat in Quarantäne zu bleiben. Eltern dürfen zur Arbeit, Geschwister zur Schule – solange das isolierte Kind kein Covid-19 bekommt.

Als Kontaktperson darf es das Haus nicht verlassen – auch nicht zum Einkaufen oder Kicken auf dem Bolzplatz. Freunde und Großeltern dürfen nicht zu Besuch kommen. Weil ein negatives Testergebnis nur eine Momentaufnahme sein und ein späteres Aufflammen von Covid-19 nicht ausgeschlossen werden kann, ist es nicht möglich, sich von der Quarantäne „freizutesten“. Sie gilt 14 Tage – egal, ob gerade Ferien sind oder nicht. Für die Fahrt zum Testen ist das Verlassen des Hauses ausnahmsweise gestattet, aber nicht mit Bus oder Bahn.

Die Waschküchen-Frage im Mehrfamilienhaus

Ausgangsverbot ist das eine, ungleich schwerer wird das Abstandhalten zu Hause: Das Kind sollte getrennt von anderen in einem Einzelzimmer untergebracht sein. Regelmäßiges Lüften aller Räume mag klargehen, ungewohnt aber dies: „Nehmen Sie Mahlzeiten zeitlich und räumlich getrennt ein.“ Überhaupt sollte der Kontakt mit dem Kind, obwohl das hartherzig klingt, auf die Situationen beschränkt sein, bei denen das Kind Unterstützung benötigt. Gegebenenfalls sollten die beteiligten Familienmitglieder Masken tragen. Die üblichen Hygieneregeln kommen zum Tragen – und die Tücke liegt im Detail: Müll – etwa Taschentücher – müssen im Einzelzimmer aufbewahrt, die Wäsche in einem separaten Waschsack aufbewahrt und bei 60 Grad gewaschen werden. Glücklich, wer so ein Einzelzimmer überhaupt zur Verfügung hat.

Knifflige Frage an Oliver Conradt, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Bürgerdienste und Leiter des städtischen Covid-Nachverfolgungsteams: Dürfen Familien in Quarantäne, die in einem Mehrfamilienhaus wohnen, zur Waschküche, zum Briefkasten und zu den Mülltonnen? Eigentlich bedeutet Quarantäne ja, dass die Wohnung nicht verlassen werden darf. Man sollte diese Erledigungen am besten zu Uhrzeiten ausführen, zu denen man niemandem begegnet. „Die Quarantäne soll keine Strafe sein“, meint Oliver Conradt, „sie dient dazu, Infektionsketten zu unterbrechen.“ Mit Augenmaß. Umgekehrt ergeht die dringende Bitte an Schüler, die „vorsorglich zu Hause bleiben“, nicht nach dem Fernunterricht ins Fußballtraining oder zur Geburtstagsparty zu gegen, sondern Kontakte für ein paar Tage zu reduzieren.

Alle paar Tage hatten Waiblinger Schulen Corona-Verdachtsfälle oder gar bestätigte Infektionen bei Kindern zu vermelden. Ganze Klassen werden vorsorglich nach Hause geschickt – oder gleich in Quarantäne. Mit drastischen Einschränkungen: Kinder im Heimunterricht, Eltern im Home-Office, 14 Tage Kontaktverbot. Jederzeit kann sich das Damoklesschwert senken. Zum Bangen um die Gesundheit kommt dann bald die Unsicherheit: Was dürfen wir noch – und was nicht?

Die Familie eines Mädchens der

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