Waiblingen

Feiern Sie Ihre Fehler

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Gegen den Trend stemmen? Das hält Mathias Haas für machbar, aber schwierig. © Steinemann / ZVW

Weinstadt. Gehen Sie mit anstrengenden Mitarbeitern mal spazieren. Besuchen Sie die Videodays in Köln, Europas größtes Treffen von Youtube-Stars. Oder veranstalten Sie in der Firma eine Fuck-up-Night, bei der jeder Mitarbeiter offen über Misserfolge spricht. Dazu riet Trendbeobachter Mathias Haas beim Unternehmerforum. Sein Konzept: nur nicht zu konventionell sein.

„Ich glaube nicht, dass irgendeiner hier im Raum erfolgreicher ist, wenn er wie bekloppt arbeitet.“ Das ist ein Satz, den ein schaffiger Schwabe erst mal verdauen muss. Mathias Haas sagt ihn gleich zu Beginn seines Vortrags in der Endersbacher Jahnhalle, auch sonst sind seine Botschaften für einen bodenständigen Mittelständler durchaus provokant. „Wenn ich etwas kaufen will, gehe ich erst mal auf Amazon. Nicht weil es billiger ist – sondern weil ich bequem bin.“ Internetgigant Amazon ist ja quasi der Alptraum jedes Einzelhändlers. Für Mathias Haas liegt die Lösung allerdings nicht darin, den amerikanischen Konzern zu verteufeln und rein auf die Moral der Kunden zu setzen. Nach dem Motto: Wenn ich nur lang genug ans gute Gewissen der Menschen appelliere, dann kaufen sie auch wieder bei mir ein – und nicht mehr im bösen Internet. Mathias Haas rät viel mehr dazu, Trends zu beobachten – und die eigene Kundschaft mit neuen Ideen zu überraschen. Das geht nach Überzeugung des gebürtigen Schorndorfers nur, wenn der Chef mit gutem Beispiel vorangeht – und auch mal Risiken eingeht. „Wenn Sie ein Betrieb sind, der keine Fehler macht, dann machen Sie was falsch.“

Mit Mathias Haas haben die Stadt und die VR-Bank Weinstadt fürs mittlerweile zwölfte Unternehmerforum einen Referenten engagiert, der den örtlichen Firmenlenkern auch unpopuläre Botschaften mit auf den Weg gegeben hat. Das tat er freilich mit Charme und Humor, wenngleich er für seine Sprüche in der Jahnhalle anfangs kaum Lacher erntete. Das Publikum war zunächst eher schwäbisch-reserviert. Wer es böse mit Haas meint, kann ihn leicht als Schnösel aus der schönen neuen digitalen Welt abtun, als Mann, der im Dienst der Wirtschaft Trends herbeiredet, für die sich bislang nur eine Elite interessiert. Aber Haas unternahm alles, um den Zuhörern klarzumachen, dass Dinge wie die Digitalisierung eben jeden betreffen. Gleichzeitig machte er Mut. „Die Zukunft ist komplex, aber sie ist nicht kompliziert.“

„Mein Ratschlag für Taxifahrer wäre: Werdet besser“

Die Basis für alles ist laut Haas Zeit zum Denken. Das heißt jetzt nicht, dass es was bringt, sich eine Stunde allein in seinem Chefzimmer einzuschließen. Der Mensch kommt vielmehr dann zum Denken, wenn er irgendetwas tut, was er noch nie gemacht hat. Warum als Bäcker oder Blumenhändler nicht einfach mal die Videodays in Köln besuchen, wo sich die Stars des Internetportals Youtube versammeln? Oder mit Mitarbeitern spazieren oder essen gehen, die im Betrieb als anstrengend gelten? „Oder testen Sie mal so was wie Uber.“ Das amerikanische Online-Unternehmen ist ja derzeit fast noch unbeliebter als Amazon, weil es den Taxizentralen Konkurrenz macht. Mathias Haas fragt sich, warum darauf derzeit vor allem mit juristischen Mitteln reagiert wird. „Mein Ratschlag für Taxifahrer wäre: Werdet besser.“ Mathias Haas nervt es zum Beispiel, dass er bei Anrufen in Taxizentralen immer noch nach seiner Adresse gefragt wird. Er denkt sich dann: Warum kennen die mich als Kunden nicht besser? Dass es in der Branche durchaus kreative Geister gibt, ist ihm in München aufgefallen. Da fuhr er bei einem Taxifahrer mit, der in seinem Kofferraum eine Minibar hatte. „Das war cool.“

„Als Freak brauchen Sie vielleicht eine Testfahrt“

Um seinen eigenen Laden aufzumischen muss niemand so viel Geld wie Google, Amazon oder Apple haben. Nehmen wir mal jenen Trend, den Mathias Haas „Gemischt-Wege-Handel“ nennt. Ein Autohaus muss nach Ansicht des Trendbeobachters nicht mehr dutzende Autos vor Ort haben. Es reichen im Grunde wenige, dafür sollte der Kunde dann dank digitaler Technik auf Bildschirmen sehen, wie er sein Wunschauto innen ausstatten könnte. Wer jetzt mit der Testfahrt argumentiert, die bei diesem Ansatz nicht mehr möglich ist, dem hält Haas entgegen, dass von dieser Option bereits jetzt wenige Leute Gebrauch machen. „Als Freak brauchen Sie vielleicht eine Testfahrt, als normaler Mensch nicht.“ Auch sollten sich Geschäftsleute nach Ansicht von Mathias Haas überlegen, ob sie nicht ihren Laden an einem auf den ersten Blick ungewöhnlichen Ort unterbringen. „Warum soll ein Bäcker nicht in einem großen Arzthaus sein?“

Wer sich selbst eine Dosis unkonventionelles Denken gönnen will, dem empfiehlt Mathias Haas, einfach mal eine illegale Party, eine Uni oder eine Fuck-up-Night zu besuchen. Bei Letzterem berichten Unternehmer von ihrem Scheitern – und aus Fehlern lernt der Mensch bekanntlich am besten. Heißt: Feiern Sie Ihre Misserfolge!

Gegentrends

Brennstoffhändler Albrecht Rühle fragte Mathias Haas, ob es bei der Digitalisierung auch einen Gegentrend gibt. Eine Frage, die der Referent bejaht – doch er warnt davor, darauf zu setzen. Mathias Haas machte das am Beispiel der Vinylplatten fest. Da werde auch immer behauptet, dass es wieder einen Trend in diese Richtung gebe. „Es gibt zwei Prozent der Deutschen, die wollen Vinyl. Wie können Sie von den zwei Prozent leben?“