Waiblingen

Fellbacherin will württembergische Weinkönigin werden

3a9cdd6e-53ea-4d8f-88ff-5d00704c397c.jpg_0
Wein-Fachfrau ist sie schon – und jetzt noch Weinkönigin? Anja Off aus Fellbach. © Off

Fellbach. Anja Off, 25, aus Fellbach will Württemberger Weinkönigin werden. In die Endauswahl der besten fünf Kandidatinnen hat sie es bereits geschafft. Ein Gespräch mit der Monarchin in spe verrät: Die junge Frau kennt sich famos aus in Wengert und Keller.

Von „kräftiger Statur, kerngesund und apfelbäckig“, so müssen „echte Töchter der Weinberge“ sein: Mit diesen seither vielfach zitierten Worten beschrieb die Süddeutsche Zeitung einst das Anforderungsprofil einer Weinkönigin. 1950 war das. Eine Weinkönigin muss das Dirndl tief ausgeschnitten tragen und nett lächeln können? Bis heute kursiert das Klischee. Erst vor ein paar Jahren schrieb „Die Zeit“: Weinkönigin werde man, nachdem Juroren, „lechz, den Charme ihres Auftretens“ beurteilt haben, „Opas Weinkultur“ sei eine der letzten Bastionen gegen die „Frauenrechte“. Im Internet findet sich gar ein Blog-Eintrag, der das „Verbot deutscher Weinköniginnen“ fordert – die „Vorführung einer weinglashaltenden dauergrinsenden Frau“ sei „Missbrauch pur“. Tja, das liest sich süffig – bloß ist es halt Stuss. Das Amt der Rebenmonarchin hat sich mit den Jahrzehnten grundstürzend gewandelt. Eine Weinkönigin heute ist: Branchenrepräsentantin. Önologische Fachfrau. Netzwerkerin. Botschafterin. Marketingstrategin. Und wer wissen will, was das im Detail bedeutet, braucht nur mit Anja Off aus Fellbach zu telefonieren.

Anja Off bewirtschaftet zwei eigene Weinberge

Aufgewachsen ist sie in einer „seit Generationen in Fellbach verwurzelten Weingärtnerfamilie“ und hat schon als Kind im Wengert „die Stöcke geputzt“. Sie ist Mitglied bei den Fellbacher Weingärtnern, bewirtschaftet zwei eigene Weinberge, arbeitet wochenends in der Untertürkheimer Weinmanufaktur, wo ihr Vater Kellermeister ist, als Verkäuferin, und ihr „Freund ist vom Weingut Klopfer“. Ihr Lieblingswein: „Lemberger. Er stellt sehr schön dar, was uns ausmacht – würzig, unkompliziert, aber auch rassig, das ist unsere Schwabennatur.“ Und was den Trollinger betrifft: „Selbstverständlich“ hat der Zukunft. Auch wenn „andere Rebsorten dazukommen“, er bleibt „unser Nationalgetränk“.

Sie ist vertraut mit Wein-Anbau und Wein-Ausbau

Studiert aber hat Anja Off „Public Management“; das interdisziplinäre Fach befasst sich mit Fragen der Führung in öffentlichen Institutionen unter Einbeziehung betriebs- wie volkswirtschaftlicher, politischer wie juristischer Aspekte. Im Landratsamt Esslingen ist Anja Off stellvertretende Ausbildungsleiterin.

Zusammengefasst: Sie ist „von Kindesbeinen an“ vertraut mit „Wein-Anbau und Wein-Ausbau“ – und hat dazu „den Blick von außen“. Leute, die jeden Tag ausschließlich in Wengert und Keller arbeiten, neigen dazu, „mit Fachwörtern um sich zu schmeißen“. Off hingegen will all das Spannende rund um den Wein „anders erklären“, auf „ganz niederschwellige Art. Was macht das Wetter mit den Reben? Wie beeinflusst die Natur den Wein?“ So will sie den interessierten Laien „entwickeln“, damit er „Bezug zum Weinbau bekommt“ und begreift, „was hinter dem Produkt steht“.

Fachbefragung einer 40-köpfigen Jury

Rückfrage: Frau Off, dass ein Wein „brombeerig im Abgang“ sei, gehört also eher nicht zu Ihrem Jargon? Sie lacht. „Das ist kein Muss“; aber natürlich könne sie „Aromen rausschmecken“.

Hübsch gucken, ein paar Worte frei reden und einen Walzer tanzen zu können – das mag gereicht haben in jenen fernen Zeiten, da die Süddeutsche noch von Apfelbacken schwadronierte. Bei der Königinnenkür am 21. September im Waldaupark in Stuttgart wird eine 40-köpfige Jury die Kandidatinnen zur „Fachbefragung“ bitten, quasi zum önologischen Rigorosum. Erklären Sie den Unterschied zwischen reduktivem und oxidativem Weinausbau  ... Erläutern Sie die Prinzipien der Spontanvergärung ...

Eigentlich jedes Wochenende auf einem anderen Festle

Die Gewinnerin wird binnen eines einzigen Jahres etwa hundert Termine absolvieren, bei Messen auftreten, Ausstellungen besuchen, „eigentlich jedes Wochenende auf einem anderen Festle zu Hause sein“ und, je nach Anlass und Wetter, mal in Gummistiefeln repräsentieren, mal in Pumps. Das Amt der Weinkönigin ist längst gerade auch für emanzipierte und ambitionierte junge Frauen interessant geworden. Wer sich Deutsche Weinköniginnen aus den vergangenen Jahrzehnten anschaut, trifft auf mehrere, die nach ihrem Jahr als gekröntes Haupt Schlüsselpositionen in der Branche übernahmen, vom Job beim „Weinkeller der BASF“, dem neuntgrößten Weinhandelsunternehmen in Deutschland, bis zum Staatsweingut Weinsberg. Und zwei sind als Politikerinnen durchgestartet: Julia Klöckner, Deutsche Weinkönigin 1995, ist heute Vorsitzende der CDU Rheinland-Pfalz; Friedlinde Gurr-Hirsch, die Gekrönte des Jahres 1977, ist längst so etwas wie die Grande Dame der baden-württembergischen CDU-Landtagsfraktion. So weit vorausdenken will Anja Off momentan nicht. In aller Gelassenheit nur so viel: „Man kommt mit sehr vielen Leuten in Kontakt“ als Weinkönigin. „Was sich daraus ergibt? Da lass' ich mich einfach überraschen.“