Waiblingen

Ferienzeit ist Problemzeit für Eltern behinderter Kinder

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Allerbeste Freunde: Dominik und Benjamin (rechts) verbringen am liebsten den ganzen Tag zusammen. Und Dominiks Schwester Carla würde niemals einen Nachmittag mit den zwei Jungs verpassen. In den Ferien aber wird es für die Mütter schwierig, diese Gemeinschaft zu organisieren. © Ramona Adolf

Waiblingen. Ferienzeit – schönste Zeit. Allerdings nicht für die Mamas von Dominik und Benjamin. Wenn die freien Tage nahen, treibt’s den berufstätigen Müttern den Schweiß auf die Stirn. Denn für die Jungs gibt es keine Ferienbetreuung, wie sie für andere Schulkinder üblich ist. Die beiden Jungs haben das Down-Syndrom und gehen auf eine Förderschule.

Dominik und Benjamin sind allerbeste Freunde. Schon seit sie kleine Krabbelkinder waren. Damals gingen sie zusammen zu den Minihopsern in Hegnach. Inzwischen sitzen die beiden gemeinsam in der ersten Klasse. Sie besuchen die Anne-Frank-Schule in Fellbach-Schmiden. Dort gefällt es ihnen gut und auch ihre Mütter sind glücklich damit. Obwohl das nicht die perfekte Lösung war. Lieber hätten nämlich Claudia Forsbach und Bettina Lühning ihre Jungs in der jeweils heimischen Schule in Hegnach beziehungsweise Weiler untergebracht. Denn Dominik und Benjamin sollten nicht täglich fahren müssen. Und schön wär’s auch gewesen, wenn die Kumpels von ringsrum in derselben Klasse gewesen wären wie die zwei Jungs. Tja, ging nicht, denn Dominik und Benjamin haben das Down-Syndrom. Und mit den wenigen Stunden, die eine Integrationskraft in der Schule unterstützt hätte, sind die Mütter überzeugt, wäre das nichts geworden. „Eine Katastrophe für alle!“ Drum gehören die beiden jetzt eigentlich zur Fellbacher Fröbelschule, aber zum Glück gibt’s ja längst die Außenklassen. Also Anne-Frank-Schule und gemeinsamer Unterricht mit den nicht-behinderten Kindern dort.

Unlösbar

Ferienbetreuung kaum zu finden

Alles gut – wenn da nicht immer wieder die Ferien wären. Sowohl Claudia Forsbach als auch Bettina Lühning gehen arbeiten. Teilzeit, so wie viele Mütter. Aber auch Teilzeit-Arbeitende haben lange nicht so viel Urlaub, wie die Kinder Ferientage haben. Und was schon für Familien mit nicht-behinderten Kindern zum Problem werden kann, ist für Claudia Forsbach und Bettina Lühning quasi unlösbar. Behinderte Kinder sind bei Ferienbetreuungen nicht mitbedacht worden.

Claudia Forsbach hat alle Nummern, die sie nur finden konnte, abtelefoniert, um das Dilemma zu lösen. Die Fröbelschule, also die Schule, auf der Dominik angemeldet ist, bietet keine Ferienbetreuung an. Man verweist an die Diakonie Stetten. Dort gibt es zehn Plätze. Sehr wenig, schnell ausgebucht und auch nicht inklusiv.

Claudia Forsbach fühlt sich manchmal völlig hilflos. Es kommen zu viele Dinge zusammen. Die Stadt Fellbach sieht sich nicht in der Pflicht, denn Dominik wohnt in Waiblingen und ist Sonderschüler. Der Landkreis, für den Schulbesuch behinderter Kinder verantwortlich, erklärt: Ferienbetreuung ist keine Schulzeit und damit wird keine Betreuung finanziert. Die Stadt Waiblingen würde die Kosten für Dominik in der Ferienbetreuung verdoppeln, denn er ist ja ein „Externer“, will sagen, geht nicht in Waiblingen zur Schule. Aber es ist sowieso nicht sicher, ob ein „Externer“ in den Ferien dann in eine Waiblinger Schule gehen kann. Verschiedene Schulen selbst wissen auf die Anfrage hin keine Lösung.

Zeit des Umbruchs

Dreimal neue Entwicklungen

Harald Goldbach, Leiter des Fachbereichs Eingliederungshilfe beim Landratsamt und damit zuständig für die Unterstützung von Familien mit behinderten Kindern, kennt das Problem. Aus eigenem Erleben. Er selbst hat einen behinderten Sohn, der jetzt 19 Jahre alt wird. „Wir haben das im Lauf seiner Schulzeit nicht gelöst bekommen“, sagt Goldbach. Eigentlich ist er erstaunt, dass die Misere erst jetzt auftaucht. Drei Familien kennt er bislang, die hier nach Lösungen suchen. Doch er fürchtet, dass schon im nächsten Schuljahr mehr Anfragen gestellt werden, und dann noch mehr und noch mehr. Es sind die Kinder, die zurzeit vom Kindergarten in die Schulen wechseln. Kinder, die in einer Umbruchzeit heranwachsen. Dreierlei Entwicklung komme hier zusammen, sagt Goldbach. Erstens der Inklusionsgedanke. Die UN-Behindertenrechtskonvention, die jedem Menschen mit ganz gleich welcher Einschränkung die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zusichert, ist zwar schon gute acht Jahre in Kraft getreten, doch bis solche Gedanken auch im Leben ankommen, dauert es. Zweitens das neue Familienverständnis: Frauen bleiben nicht mehr zu Hause, um sich nur um die Kinder zu kümmern. Frauen wollen – oder müssen – arbeiten gehen und brauchen daher Kinderbetreuung. Und dann ist da noch der Trend zur Ganztagsschule, ein Trend, der engstens mit den beiden anderen Einflüssen zusammenhängt. Die neue Gemeinschaftsschule ist hier Vorreiter, die sich die Inklusion, die Gemeinschaft aller Kinder, auf die Fahne geschrieben hat und bis in den Nachmittag geht. Frauen können entspannter und länger arbeiten. Doch was ist in den Ferien?

„Bei nichtbehinderten Kindern ändert sich was“, sagt Goldbach. „Die Eingliederungshilfe muss nachziehen.“

Teures Personal

Wer muss zahlen?

Wilfried Härer, Leiter des Fachbereichs Bildung und Erziehung bei der Stadt Waiblingen, sagt wie Harald Goldbach, er habe dieses Ferien-Problem vorher noch nie gehabt. Aber: In den Gemeinschaftsschulen, besonders in der Staufer-Grundschule, seien inzwischen so viele behinderte Kinder, dass es wohl notwendig werde, das Personal aufzustocken, um den Kindern allen gerecht zu werden. Alle Kinder, die in die Waiblinger Schulen gehen, kommen ohne Extra-Kosten auch in den Genuss der Ferienbetreuung. Aber Kinder, die in andere Schulen gehen? „Wir können nicht alle aufnehmen.“

Angst

Unbekannte Herausforderungen

Bei den Geschwistern „ist alles so einfach!“, sagt Claudia Forsbach. Ferienbetreuung kann am Wohnort gebucht und problemlos bezahlt werden. Aber Dominik und Benjamin? Die Jungs könnten schon unterkommen, aber nur, wenn eine zusätzliche Aufsicht bezahlt und teilweise sogar noch mitgeliefert wird. So macht’s jetzt in ihrer Not Bettina Lühning. Benjamin geht in Leutenbach in die Ferienbetreuung, die Mama zahlt neben den normalen Kosten, die jedes Kind zahlt, noch 50 Euro pro Tag für eine zusätzliche Betreuung, die sie selbst verzweifelt gesucht und endlich gefunden hat. Ein teures und nervenaufreibendes Unterfangen.

„Die Eingliederungshilfe“, sagt Harald Goldbach, „wird nicht drumrumkommen, sich darauf einzustellen.“ Aber eine Eins-zu-eins-Betreuung sei nicht finanzierbar. Allerdings: Nicht jedes behinderte Kind braucht das. Dominik und Benjamin beispielsweise ganz bestimmt nicht. Wie gruslig für zwei solche Racker, wenn eine Aufsicht jeden Schritt überwacht. Doch viele Veranstalter, sagt Goldbach, „haben Angst“. Man kennt die Herausforderung noch nicht. Seine Erfahrung aus Kindergärten, die behinderte Kinder aufnehmen: Mit jedem Kind wird die Lage entspannter.

Hilfen

Geld gibt’s, doch selten passt’s

Doch wer hilft jetzt ganz aktuell? Es fehlt an Strukturen. Dominiks und Benjamins Eltern könnten einen Antrag auf Eingliederungshilfe stellen. Das aber müssen sie lang im Voraus tun. Wegen der Unklarheiten. Sie stoßen ja mit ihrem Wunsch nach Ferienbetreuung in eine Regellücke. Zum Beispiel ist auch noch nicht klar, inwieweit das Jugendamt zuständig sein könnte. Das nämlich ist mit im Boot, wenn Kinder ganztags arbeitender Eltern Betreuung brauchen. Und bei behinderten Kindern?

Eltern behinderter Kinder können jährlich ein Budget von 1600 Euro für eine sogenannte „Verhinderungspflege“ bekommen. Dieses Geld kann frei eingesetzt werden und ist dafür gedacht, den Müttern mal eine Stunde Sport oder Friseur oder einen Arztbesuch möglich zu machen. Wer das Geld geballt etwa in den Ferien einsetzt, der bekommt allerdings das Pflegegeld gekürzt. Das wird freilich nicht gern gesehen.

Außerdem gibt es 800 Euro für Kurzzeitpflege. Dieses Geld darf aber nur über etablierte Anbieter abgerechnet werden. Etwa über die Diakonie.

Um eine Extra-Aufsicht für die Ferienbetreuung zu finanzieren, wie es jetzt etwa Bettina Lühning macht, ist dieses Geld so oder so viel zu knapp bemessen.

Auch die Pflegeversicherung, sagt Harald Goldbach, kann für Ferienbetreuung angefragt werden. Allerdings sind auch wieder nur bestimmte Anbieter berechtigt abzurechnen. Es gibt verschiedenste Angebote, doch die sind teuer und üblicherweise nicht inklusiv. Für Benjamin und Dominik also definitiv nichts.

Guter Wille

Manchmal gibt’s auch Glück im Leben

Claudia Forsbach hat – Nicht-Aufgeben lohnt sich – inzwischen übrigens eine gute Lösung gefunden. Welche, muss aber leider geheim bleiben beziehungsweise sie eignet sich nicht für eine Veröffentlichung in der Zeitung. Es ist eine Lösung unter der Hand. Zurzeit geht’s wohl noch nicht anders.

Personalmangel

Beim Thema Ferienbetreuung behinderter Kinder gibt es neben Geld- und Angebotsmangel ganz offensichtlich auch einen Personalmangel. Anbieter von entsprechenden Angeboten begegnen dem auf verschiedene Weise.

Die offenen Hilfen des Vereins Lebenshilfe in Esslingen bieten für behinderte Kinder verschiedene Ferien an. Es gibt Wochenenden oder Sommerferienprogramme für Kindergarten- oder Schulkinder. Die Angebote können auch von Kindern mit schweren Behinderungen genutzt werden. Sie sind aber nicht inklusiv. Wer das nicht will, kann von der Lebenshilfe auch Helfer oder Assistenten vermittelt bekommen. Auf der Homepage heißt es: „Wir beraten Sie über die möglichen Finanzierungen. Mit den Leistungen der Pflegekasse können zusätzliche Helfer abgerechnet werden.“

Der Bereich Wohnen und offene Hilfen der Diakonie Stetten dagegen versucht, die Lücken in den eigenen Reihen zu schließen. Man sucht sogenannte „Freizeitprofis“, Jugendliche ab 16, die sich für sieben bis acht Euro die Stunde bei Freizeitangeboten mit Behinderten engagieren. Wer mitmacht, bekommt eine Einführung durch Profis und eine Bescheinigung für die Bewerbungsmappe.