Waiblingen

Film "Serenade für Fanny" feiert Premiere

Serenade für Fanny_0
Das rosa Kleid hat Fanny Salland vor 30 Jahren für sich geschneidert und für die Oscar-Verleihung der Enkelin umgeändert. „Es war nicht mehr viel Stoff da, deshalb musste ich fleißig trainieren“, sagt Alexandra Staib. © Monika Plura

Fellbach/Stuttgart. Mit „Serenade für Fanny“ machte das Team um die 31-jährige Alexandra Staib eine Liebeserklärung an ihre Großmutter. Der Film handelt vom Traum, den Studenten-Oscar in einem selbst geschneiderten Kleid der Oma entgegenzunehmen. Und vom Traum der 93-jährigen Franziska „Fanny“ Salland, die Sängerin Helene Fischer zum Kaffee in ihr Haus nach Fellbach einzuladen.

Es ist ein Film über starke Frauen, Heimat in der Fremde und den Wert von Familie. Während des Gesprächs serviert Fanny Salland, 93, eine Runde Krukovac, kroatischen Birnenlikör. Zivjeli – Prost!

Frau Salland, warum heißt der Film Ihrer Enkelin „Serenade für Fanny“?

Franziska Salland: In Jugoslawien kamen, wenn ein Mädchen begehrt war, samstagnachts die stillen Verehrer und haben ein Ständchen gespielt. Mal mit Mandolinen, mal mit einem Schifferklavier. Wenn sie fertig waren, machte man das Fenster auf, um sich zu bedanken und zu sehen, wer da ist. Aber mein Vater wollte das nicht. Ich war zu jung. Ich machte das Licht dann dreimal an und wieder aus. Das hieß „Danke schön“.

Frau Staib, wie sind Sie auf die Idee zu dem Film gekommen?

Alexandra Staib: Ich habe immer zu Omi gesagt: Eines Tages gewinne ich mal einen Oscar. Dann ziehe ich dein Kleid an, und wir kommen vielleicht in der „Gala“. 2015 gewannen ich und mein Team tatsächlich den Studenten-Oscar. Und meine Omi wollte sich damals unbedingt ihren Traum erfüllen: Helene Fischer zum Kaffee nach Fellbach einladen. Da kam mir die Idee, einen Film darüber zu machen, dass man nie zu alt ist für große Träume. Hinzu kam, dass Omi ein komisches Talent hat. Je älter sie wird, umso lustiger wird sie.

Was gefällt Ihnen an Helene Fischer?

Franziska Salland: Bei Helene habe ich gleich gesagt: Aus der wird noch etwas. Zu Udo Jürgens 80. Geburtstag hat sie „Merci Cherie“ gesungen – so schön! Ich habe nie mehr gehört, dass ein Mensch mit so viel Gefühl ein Lied singt. Ich bin katholisch und war im Kirchenchor, habe also schon ein bisschen Ahnung von Musik und ein feines Gehör. Ich weiß noch: Im Kirchenchor stand hinter mir immer eine junge Frau, die hat furchtbar falsch gesungen. Der Dirigent schaute aber zu mir. Ich sagte: Herr Doktor Gai, warum gucken Sie mich an? Ich bin’s nicht. Da haben alle gelacht.

Kam Frau Fischer denn zum Kaffee?

Franziska Salland: Ich habe nur eine Autogrammkarte bekommen und eine Entschuldigung vom Management, dass sie keine Zeit hat. Ich war nicht enttäuscht. Wer bin ich denn schon? Niemand. Es ging halt nicht.

Alexandra Staib: Aber zu den Konzerten sind wir trotzdem weiter gegangen. Wir haben auch schon Karten für Juli.

Franziska Salland: Wenn ich dann noch da bin.

Das wird schon klappen.

Franziska Salland: Es geht dem Ende zu. Ich habe schon zu meiner Tochter gesagt: Ich bin jetzt im Wartezimmer. Ich sage immer offen, was mir auf der Zunge liegt. Das fängt schon mit den Zähnen an. Da sagte ich neulich: Herr Doktor, nicht das Teuerste, das lohnt sich nicht mehr. Aber ich jammere nicht. Ich mache mir einen starken Kaffee oder trinke ein Schnäpschen.

Im Film erzählen Sie, dass Sie mit Ihrer Familie während des Zweiten Weltkriegs aus Kroatien vertrieben wurden.

Franziska Salland: Ich war damals 17. Wir waren Ausländer dort, wo wir herkamen, und waren Ausländer hier. Ich wollte eigentlich Handarbeitslehrerin werden. Als ich aber im Januar 1942 in Stuttgart ankam, haben sie mir gesagt: „Du gehst zu AEG an die Bohrmaschine.“ Da sind viele Tränen gelaufen. Ich hatte vorher nie einen Hammer gehalten – immer feine Handarbeit. Doch dann stand ich vier Jahre an Bohr- und Stanzmaschinen. Mein Vater nannte mich immer „meine kleine Ingenieurin“.

Wie ging es beruflich weiter?

Franziska Salland: Mein Vater ist alt geworden, mein Mann war im Krieg verwundet worden und konnte sich nie endgültig von den schweren Verletzungen erholen. Wir hatten inzwischen zwei kleine Kinder und das Haus in Fellbach. Ich machte mir Sorgen: Wenn meinem Mann was passiert, was mache ich dann? Ich musste etwas in der Hand haben, einen eigenen Beruf. Also bin ich 1954 in die Schneiderei in Fellbach gegangen und begann die Lehre. Danach habe ich mich noch zur Meisterprüfung in Stuttgart angemeldet. Meinem Mann war das gar nicht recht. Aber ich habe es durchgesetzt. Da war ich dreißig Jahre alt.

So alt wie Ihre Enkelin heute. Hätten Sie sich die Freiheit gewünscht, die sie heute hat?

Franziska Salland: Ich wäre zwar gerne Modedesignerin geworden, aber wie es dann kam, ist es auch in Ordnung. Ich habe mich dann eben anderweitig ausgetobt. Tapeziert, Gartenzäune gestrichen ...

Alexandra Staib: Das fand ich immer schön in unseren Gesprächen: dass du jemand bist, der nicht hadert mit dem Schicksal. Sich nicht beklagt darüber, was alles nicht geklappt hat im Leben. Du hast immer aus dem, was du hattest, etwas gemacht.

Franziska Salland: Ich bin so ein Typ: Wenn was Schlimmes passiert, erschrecke ich, es trifft mich furchtbar. Aber vier Minuten später überlege ich: Was kann ich noch retten?

Sie sind mit 93 noch ziemlich fit.

Franziska Salland: Weil ich es will! Wenn ich mir was in den Kopf setze, bin ich sehr stur.

Alexandra Staib: Jetzt ist sie bei den Landfrauen eingetreten.

Franziska Salland: Da gibt’s gute Viertele.

Werden Sie für den roten Teppich der Filmschau wieder von Ihrer Oma eingekleidet?

Alexandra Staib: Ich fürchte, das Kleid, in dem mich Omi gerne sehen würde, können wir nicht mehr rechtzeitig anpassen. Ich habe sie leider an den letzten Wochenenden versetzen müssen, weil wir noch mit der Filmproduktion beschäftigt waren.

Franziska Salland: Das Kleid ist von ihrer Mama, das müsste ich noch größer machen. Da gehören auch Jäckchen und Handschuhe dazu. Das habe ich alles von Hand gemacht. Das Kleid, das Alex bei der Oscar-Verleihung in Hollywood getragen hat, an dem habe ich vier Wochen nur gestickt. Das muss jetzt etwa 30 Jahre her sein. Es hat 500 Perlen. Das habe ich damals selbst getragen.

Ist gar nicht so einfach, wenn man in die Sachen passen soll, die Mutter und Großmutter früher getragen haben, oder?

Alexandra Staib: Es war nicht mehr viel Stoff für das rosafarbene Kleid da. Deshalb musste ich fleißig trainieren ...

Ging es Ihnen nicht irgendwann auf die Nerven, ein Filmteam im Haus zu haben?

Franziska Salland: Nein, so kam Leben in die Bude.

Wie war es, mit Ihrer Großmutter zu drehen?

Alexandra Staib: Eigentlich sind die besten Szenen immer dann entstanden, wenn Omi gedacht hat, die Kamera läuft nicht. Zum Beispiel bei der Kleideranprobe, als sie mir am Bauch herumdrückt und sagt, das sei zu eng. Als sie merkt, dass die Kamera an ist, dreht sie sich zur Kamera und sagt „Die Alexandra hat eine gute Figur“. Am Anfang haben wir noch mit einer Klappe gearbeitet. Dann haben wir aber gemerkt: Die Omi wird dann immer so steif.

Franziska Salland: Sobald ich nachdenke, wird es ein Durcheinander. Wenn ich von der Leber weg rede, dann stimmt’s genau.

Alexandra Staib: Du wolltest immer besonders korrekt sprechen. Die erste Woche konnten wir komplett streichen. Am Ende hatten wir 90 Stunden Material für 90 Minuten Film.

Im Film geht es auch um die Suche nach der Liebe. Konnte die Oma Sie da gut beraten?

Alexandra Staib: Omi hat mir immer Ratschläge gegeben, was Männer und Beziehungen angeht. Zu dem Zeitpunkt, als wir den Film machten, war ich Single und traurig. Du hast mir dann Mut gemacht, dass ich schon noch den Richtigen finden werde, gell Omi? Obwohl du auch gesagt hast: „Männer im richtigen Alter sind meistens Schlawiner.“ Inzwischen habe ich aber einen Partner gefunden. Dank Omas Tipps.

Und Sie wollen keinen Mann mehr kennenlernen, Frau Salland?

Franziska Salland: Jetzt? Ich war 64 Jahre verheiratet. Mir reicht’s. Was kriege ich denn? Einen Alten. Und einen Jüngeren bin ich nicht gewohnt. Ich bin seit sechs Jahren Witwe. Wenn ich mich jetzt noch umgewöhnen müsste, das wäre schlecht.

Warum dauerte es drei Jahre, bis Sie nun endlich Premiere feiern können?

Alexandra Staib: Wir haben mit dem Film 2015 begonnen. Dann bekam ich einen Job beim ZDF, wir konnten nur noch nebenher, abends oder an Wochenenden weitermachen. Außerdem fehlte uns ein Ende. Wir hofften immer, es klappt noch mit Helene Fischer. Wir hatten sogar schon ein Double organisiert. Schließlich ist uns aber klargeworden, dass wir das nötige Material eigentlich schon hatten und sich das Ende daraus wie von selbst ergibt.

Was bedeutet Ihnen dieser Film?

Alexandra Staib: Ich will, dass die Leute denken: Mensch, so eine Omi hab ich auch. Oder so eine Enkelin. Dass sie das motiviert, mal wieder anzurufen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der man sich sehr über Individualität definiert. Ich bin eher ein Hordenmensch. Ich fand es schön, auch bei einem so großen Altersunterschied zu gucken, welche Gemeinsamkeiten man hat.

Franziska Salland: Ich bin stolz, dass du so eigenständig bist. Bei mir hieß es damals noch: Frauen gehören an den Herd.

Alexandra Staib: Ich habe schon oft darüber nachgedacht: Was wäre, wenn Omi in meiner Zeit leben würde. Wärst du mit Wolfgang Joop und Jil Sander in einer Reihe? Und was wäre aus mir geworden, wenn ich zu deiner Zeit gelebt hätte? Hätte ich das denn überhaupt überstanden?

Franziska Salland: Was meine Mädchen von mir mitbekommen haben: Wenn sie schwere Zeiten erleben, dann sagen sie sich: Da muss ich jetzt eben durch ...

Alexandra Staib: ... und das Beste daraus machen.

Und jetzt freuen Sie sich auf den Film.

Alexandra Staib: Oh ja. Am Samstag laufen wir dann zusammen über den roten Teppich.

Franziska Salland: Und ich mit Krone.


Am Samstag

An diesem Samstag, 2. Dezember, feiert der Film „Serenade für Fanny“ Premiere auf der Filmschau BadenWürttemberg. Beginn: 18 Uhr im Stuttgarter Metropolkino.

Alexandra Staib, 1985 in Stuttgart geboren, besuchte die Hamburg Media School. Mit ihrem Abschlussfilm „Sadakat“ gewannen sie und ihr Team unter anderem den Max-Ophüls-Preis für den besten Kurzfilm sowie den goldenen Student Academy Award in der Kategorie „Bester ausländischer Kurzfilm“.