Waiblingen

Flamenco und Goya in der Galerie Stihl: Tanz des Todes

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Tänzerin Gisa Michelón. © Eva Hopfgarten (Online-Praktikant)

Waiblingen.
Am Ende wollte das Publikum im Schwanen zeigen, dass es sich auch ein bisschen auf Beinarbeit versteht. Vielbeiniges Getrampel auf die Parkettbretter schlossen einen Abend, der nach Maßgabe eines gelungenen Gesamtkunstwerks gar nicht hoch genug gehängt werden kann. Bei „Flamenco y Goya“ handelte es sich um eine Begleitveranstaltung zur aktuellen Goya-Ausstellung in der Galerie Stihl Waiblingen.

Aber was die Flamencotänzerin Gisa Michelón zusammen mit der Sängerin Estela Sanz Posteguillo und den drei Musikern auf die Bühnenbretter legt, das steht so sehr für sich und weist über den Tanz aus Andalusien so sehr hinaus, dass es zur Demonstration gerät. Zu einer Performance, was eine Person mit ihrem Körper verkörpern kann. Skizzen in die Luft schreibt, sofort wieder auswischt im Wirbel der Arme, neue Bilder mit wenigen Gesten zeichnet und in uns eine Bilderwelt evoziert, die auch ohne Programmzettel in der Hand zu Aussagen kommt.

Wie heißt es da so trefflich: In der Flamenco-Unterart „Fandango personal“, im Tanz des Volkes im Unterschied zu dem am Hof, wird der Blick nach innen gerichtet. Er „sucht nach dem Wesentlichen“. Flamenco als die Gestalt gewordene Sehnsucht, nachdem für einen Moment der Schmerz gewichen ist.

Und wie Gisa Michelón ihre Gestalt verwandeln kann. Da läuft sie ein, unter den Arm geklemmt ein Plüschhund, frisch von der Jahrmarktsbude, und stampft im nächsten Moment mit dem Stakkato der Stiefeltritte alles Unbeschwerte in Grund und Boden. Schweiß rinnt ihr über das Gesicht, der Brustkorb bebt, die Zornesfalten über den Augen erheben sich zu Felsspalten.

Der Freiheitskampf der Spanier gegen die französischen Besatzer führt zu „Caprichos“ (Launen), „Disparates“ (Albernheiten), alles Titel aus Zyklen des herrschaftskritischen Hofmalers Francisco Goya. Aber die gewaltigsten und gewalttätigsten Bilder erwachsen aus „Desastres de la guerra“. Da wird der Tanz zum Widerstandsakt. Genial diese Choreografie mit Hilfe eines Requisits, wenn die Tänzerin den Gehstock mal als drittes Bein benutzt, um zornig aufzustampfen, dann ans Auge anlegt, um Gewehrläufe und Erschießungskommandos zu assoziieren, und im nächsten Moment in die Ärmel eines gerade abgelegten Mantels steckt, den sie auf die blutrote Seite gewendet hat. Da bekommt ein Ding Menschengestalt, und für einen kurzen Moment kommt es zu einem ergreifenden Pas de deux. Aber wir wissen: Es ist ein Tanz mit dem Tod. Er wird blutig enden.

Dabei nimmt sie für einen kurzen Moment Anleihen bei einem anderen Meister, bei einem Franzosen. Delacroix lässt grüßen mit seiner Ikone des Widerstands, mit der barbusige „Freiheit“, die das Volk auf die Barrikaden führt. Dazu reckt Gisa Michelón den zur Fahne der Freiheit gewandelten Mantel in die Höhe.

Vielleicht ist das die Kunst jedweden Tanzes: Eine Geste genügt, und das Signal wird verstanden. Demnach fand hier im Zusammenspiel mit zumindest kongenialen Musikern ganz große Kunst statt.