Waiblingen

Fleißige Mädchen, nervige Jungs?

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Als die neuen Verlierer im Bildungssystem gelten nicht Mädchen, sondern Jungs. © Ramona Adolf

Waiblingen. Mädchen sind fleißiger als Jungs und schreiben die besseren Noten. Jungs, so heißt es, bleiben immer öfter auf der Strecke. Sind sie die neuen Verlierer im Schulsystem, in dem zumindest in den ersten Jahren fast nur Frauen unterrichten? Dass Mädchen häufig erfolgreicher sind, bestätigt auch Axel Rybak, geschäftsführender Schulleiter und Rektor der Staufer-Realschule.

Die Zeiten, in denen Mädchen besonders gefördert werden mussten, sind offenbar vorbei. Die großen Verlierer im deutschen Bildungssystem scheinen längst die Jungs zu sein – folgt man einer ganzen Reihe von pädagogischen Untersuchungen. Nach einer Studie des Aktionsrats Bildung in Kindergarten und Schule beispielsweise werden Jungs in der Schule benachteiligt. Nicht mehr die Mädchen, sondern die Jungen seien die Verlierer im deutschen Bildungssystem, sagte der Ratsvorsitzende und Präsident der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen. Statt auszugleichen, verstärke die Schule den Bildungs- und Leistungsrückstand der Jungen. Am schlimmsten sei die Benachteiligung in den ostdeutschen Ländern.

Lesen macht schlau – aber Jungs lesen seltener als Mädchen

Unterschiede zwischen Jungs und Mädels haben auch die Pisa-Forscher ausgemacht. Ihren Ergebnissen zufolge lernen Mädchen meist fleißiger und gehen eifriger in die Schule als ihre männlichen Altersgenossen. In Deutschland, so das Pisa-Ergebnis weiter, verbringen 15-jährige Mädchen im Schnitt 5,5 Stunden pro Woche mit Hausaufgaben. Die Jungen sitzen nach eigenen Angaben nur 3,8 Stunden an ihren Aufgaben. Dazu kommt: Lesen macht Jungs offenbar weniger Spaß als Mädchen: 72,5 Prozent der befragten Mädchen lesen eigenen Angaben zufolge zum Vergnügen - aber nur 45,1 Prozent der Jungen. Ein Unterschied, den Volker Losch, Rektor am Staufer-Gymnasium, aus seiner eigenen Familie kennt: Während seine beiden Töchter begeisterte Leseratten seien, habe sein Sohn keinen Zugang zu Büchern - sei dagegen aber für jeden Wettkampf zu haben.

Dass die Jungs hinter den Mädchen zurückbleiben, weiß auch Axel Rybak aus seinem Schulalltag. „Bei uns sind die Schülerinnen im Schnitt besser“, sagt der Leiter der Staufer-Realschule. Außer im Fach Technik lägen die Mädchen seit Jahren vor den Jungs. „Und nach der zehnten Klasse sind die Abschlüsse der Jungs schlechter als die der Mädchen.“ Weniger eindeutig sind die Erfahrungen von Volker Losch am Staufer-Gymnasium. Bundesweit stieg laut Statistischem Bundesamt der Anteil der Mädchen unter den Abiturienten zwischen 1950 und 2013 von 32,8 auf 54,6 Prozent. Dass Mädchen häufiger Abitur machen als Jungs und regelmäßig die besseren Noten schreiben, ist am Staufer-Gymnasium allerdings nicht der Fall. „Man kann das nicht pauschal sagen“, warnt Losch. Aber auch er kennt die Probleme vieler Jungs, weiß zum Beispiel, dass die Störer in der Klasse meist männlich sind. Dazu kommt: „Jungs machen weniger Hausaufgaben, und das verstärkt sich dann.“

Eine der Neuerungen der Gemeinschaftsschule sind die Wochenpläne, bei denen die Schüler die Aufgaben über eine Woche selbstständig erledigen. Das soll das selbstständige Lernen fördern und mehr Spielraum in den Schulalltag bringen. Damit haben die Jungs freilich mehr Schwierigkeiten als die Mädchen, so Axel Rybak. Selbstorganisiertes Lernen liege eindeutig eher den Schülerinnen, während Jungs gern klare Vorgaben haben, wann sie was erledigen sollen, so Rybak.

Kindern zu zeigen, dass Selbstständigkeit ein hohes Gut ist, hält Volker Losch für absolut wichtig. Was geleistet werden müsse und was man an Anstrengungen und Frustrationen aushalten können muss, das müsse in den Familien vermittelt werden. Dazu gehöre auch, aushalten zu können, was man verbockt hat, ohne dass sich gleich eine Hubschrauber-Mutter in die Debatte einmischt. Er habe den Eindruck, dass Eltern immer detaillierter Bescheid wüssten, welchen Stoff die Kinder in der Schule gerade durchnehmen, sagt Losch. Doch die Schule sei das Feld der Kinder. „Den Eltern fehlt der Einblick in den Schulalltag.“

Gut ausgebildete Pädagogen und mehr Schulsozialarbeiter

Ein völlig falsches Signal für soziale Gerechtigkeit in der Schule war nach Ansicht Axel Rybaks die Herdprämie, also Geld für die Eltern, deren Kinder keinen Kindergarten besuchen. „Die Kinder sollten alle in die Kitas gehen“, ist er überzeugt. „Es kann nicht sein, dass der Kindergarten freiwillig ist.“ Vollprofis an jeder Stelle vom Kindergarten bis zum Gymnasium findet Volker Losch wesentlich für den Schulerfolg: „Leute, die mit Leib und Seele arbeiten.“ Mehr Schulsozialarbeit fordert Axel Rybak. „Die Aufgaben sind gewachsen. Wir müssen für die Kinder kämpfen, die ihr Potenzial aufgrund ihrer Lebensumstände nicht ausschöpfen können.“

Weniger Frauen als Männer an den Unis

Im Wintersemester 2015/2016 sind so viele Studierende wie noch nie an den deutschen Hochschulen eingeschrieben. Nach ersten Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes waren rund 2, 76 Millionen Studentinnen und Studenten im aktuellen Wintersemester an einer deutschen Hochschule immatrikuliert. Damit erhöhte sich die Zahl der Studierenden im Vergleich zum Wintersemester 2014/2015 um 60 400 (+ 2,2 Prozent).

In Baden-Württemberg sind im Wintersemester 2015/2016 insgesamt rund 360 000 Studenten eingeschrieben, rund 170 000 davon sind Frauen. Damit studieren immer noch weniger Frauen als Männer an den Unis im Land.

2014 hatten 30 Prozent der Bevölkerung mit Migrationshintergrund Abitur oder Fachhochschulreife. Betrachtet wurden hier Personen von 15 Jahren an. Der entsprechende Anteil bei Personen ohne Migrationshintergrund betrug 28,5 Prozent.