Waiblingen

Foodsharing: Auf den Tisch statt in die Tonne

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© Ramona Adolf

Waiblingen. Während weltweit fast eine Milliarde Menschen Hunger leiden, landen in Deutschland jährlich mehr als 18 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Eindeutig zu viel, findet Foodsharing-Botschafter Michael Neumann. Er will deshalb einen sogenannten Fair-Teiler in Waiblingen aufstellen: einen Kühlschrank, in den jeder etwas hineinlegen, aber auch herausnehmen kann.

18 Millionen Tonnen, das sind pro Kopf etwa 82 Kilogramm an genießbaren Lebensmitteln. So viel wird in Deutschland jährlich weggeworfen. Pro Sekunde sind es 313 Kilogramm, das entspricht drei großen Mülltonnen. Fast ein Drittel der produzierten Nahrung landet hierzulande auf dem Müll. Stellt man sich das in Schweinen vor, sind es 20 Millionen. Mehr als die Hälfte des Lebensmittelmülls wäre leicht zu vermeiden. Das besagt eine Studie des WWF von 2015. „Diese Liste könnte man ewig so weiterführen“, sagt Michael Neumann. Der 24-jährige Doktorand der Computerlinguistik weiß, wovon er spricht: Er ist Foodsharing- Botschafter für Stuttgart und den Rems-Murr-Kreis.

Öffentlich zugänglicher Kühlschrank für alle Nutzer

Foodsharing, das ist die Idee, Essen mit anderen zu teilen, anstatt es wegzuwerfen. „Nahrungsmittel, die ich zu Hause nicht mehr benötige, kann ich beispielsweise online über foodsharing.de als Essenskorb anbieten“, erläutert Neumann. Andere Nutzer der Internetplattform können sie dann abholen. Künftig könnten solche Lebensmittel aber auch in einem sogenannten Fair-Teiler landen. Das ist ein öffentlich zugänglicher Schrank oder Kühlschrank, in den jeder Nahrungsmittel hineinlegen und herausnehmen kann. Ähnlich wie ein öffentliches Bücherregal, nur eben für Lebensmittel. Vom einfachen Holzregal bis zum schmucken Kühlschrank mit Glastür ist alles möglich.

Krummes Gemüse, das Bauern bei der Ente aussortieren

„Die Zielgruppe sind dabei alle Menschen“, wie Neumann erläutert. Natürlich richte sich das Angebot auch an Bedürftige, aber nicht in erster Linie. Das Ziel des Ganzen: Die Lebensmittel sollen gegessen anstatt weggeworfen werden. Als Konkurrenz zu den Tafeln wollen die Foodsharer sich deshalb nicht verstanden wissen. „Außerdem können bei uns im Unterschied zu den Tafeln auch kleinere Mengen und bereits zubereitete Speisen geteilt werden“, ergänzt Neumann.

Auch im Fair-Teiler landen könnte krummes oder hässliches Gemüse, das Landwirte gleich bei der Ernte aussortieren. Oder Produkte, die in Supermärkten nicht mehr verkauft werden können – beispielsweise, weil ihr Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) abgelaufen ist. „Es ist wichtig, zwischen dem MHD und dem Hinweis ,Zu verbrauchen bis’ zu unterscheiden“, erläutert der Foodsharing-Botschafter. Produkte, deren MHD abgelaufen sei, könnten oft noch problemlos verzehrt werden, während frisches Fleisch, Fisch und andere leicht verderbliche Lebensmittel nach dem Verbrauchsdatum tatsächlich nicht mehr gegessen werden sollten. Solche Produkte dürfen deshalb nach Ablauf des Datums auch nicht über foodsharing.de angeboten werden. Grundsätzlich nicht in den Fair-Teiler gehören auch zubereitete Speisen, die frisches Ei enthalten oder Schweinemett.

Diese und andere Regeln hängen an jedem Fair-Teiler aus. Zwei bis drei Verantwortliche kontrollieren deren Einhaltung und kümmern sich auch um die Reinigung des Schranks. „Hygiene ist natürlich ein wichtiges Thema“, betont Neumann. In Berlin habe es Anfang des Jahres Ärger mit einigen Lebensmittelkontrolleuren gegeben. Damit das hier nicht passiert, sind die Foodsharer in der Region Stuttgart von sich aus auf die Lebensmittelüberwachung zugegangen, haben von ihrem Projekt erzählt und sich Tipps geholt, wie sie die Nahrungsmittel noch besser aufbewahren und teilen können.

Um das Abholen der Lebensmittel von Läden, Landwirten, Wochenmärkten und Co. kümmern sich sogenannte Foodsaver. Foodsaver deshalb, weil sie das Essen vor der Müllkippe „retten“. Neumann selbst holt regelmäßig Übriggebliebenes von der Waiblinger Naturgut-Filiale ab. Da es bislang keinen Fair-Teiler in Waiblingen gibt, deckt er mit dem Essen seinen Eigenbedarf und gibt es an Freunde und Familie weiter. „Bisher läuft in Waiblingen noch nicht so viel“, gibt der Foodsharer zu. Was fehlt, sind „Leute, die etwas in die Hand nehmen“. Doch das soll sich nun ändern.

Hinter dem ganzen Foodsharing-Projekt steht übrigens auch ein Waiblinger: Der Dokumentarfilmer Valentin Thurn hat die Website foodsharing.de ins Leben gerufen, nachdem er sich für seinen bislang wohl bekanntesten Film „Taste the Waste“ mit dem Thema Lebensmittelmüll auseinandergesetzt hatte.

Standorte und Helfer gesucht!

Für den sogenannten Fair-Teiler werden noch geeignete Standorte in Waiblingen gesucht. Denkbar sind sowohl öffentliche Flächen als auch Privatgrundstücke.

Ein Fair-Teiler muss nicht rund um die Uhr geöffnet sein – wer beispielsweise seinen privaten Schuppen als Standort zur Verfügung stellt, kann Öffnungszeiten festlegen.

Die Waiblinger Grünen würden sich an den Anschaffungskosten eines Kühlschranks sowie den Stromkosten für das Betreiben des Fair-Teilers beteiligen.

Zudem sucht der Foodsharing-Botschafter für den Rems-Murr-Kreis, Michael Neumann, noch dringend Unterstützer. „Uns fehlen vor allem Foodsaver, also Leute, die bereit sind, Kooperationen mit Läden im Ort aufzubauen und die Lebensmittel dann auch abzuholen“, sagt der 24-Jährige.

Wer Ideen für Standorte hat, sich vorstellen kann, auf seinem Grundstück einen Fair-Teiler aufzustellen, oder das Projekt als Foodsaver unterstützen möchte, kann Neumann eine E-Mail schreiben an rems-murr-kreis@lebensmittelretten.de.

Sechs Tipps, wie Sie im Alltag einfach die Umwelt schützen

1 Regionale Produkte kaufen. „So vermeiden Sie lange Transportwege und unterstützen gleichzeitig die hiesigen Produzenten“, sagt Neumann.

2 Saisonal einkaufen. Erdbeeren im Winter aus Costa Rica oder chilenischer Spargel zu Weihnachten: Solche weit gereisten Lebensmittel sollten ein Tabu, oder wenigstens die absolute Ausnahme sein. Das spart nicht nur Transportkosten, sondern auch CO2 ein.

3 Bio kaufen. „Dass Spritzmittel nicht gut für die Umwelt sind, liegt auf der Hand. Bio-Produkte sind aber auch besser für die Gesundheit“, rät der Experte.

4 Selber anbauen. Wer die Möglichkeit hat, kann Obst und Gemüse auch im heimischen Garten oder sogar auf dem Balkon anbauen. Tomaten, Kräuter und Salat finden auch in Blumenkübeln Platz. „Es stärkt auch den Bezug zu unserer Nahrung, wenn wir uns wieder mehr damit beschäftigen, wo sie herkommt“, ist sich Neumann sicher.

5 Fleischkonsum reduzieren. „Es ist nicht gesund, so viel Fleisch zu essen“, sagt der Foodsharing-Botschafter. Zudem gebe es viele leckere vegetarische Gerichte – es müsse nicht jeden Tag Fleisch sein, zwei- bis dreimal pro Woche wären ausreichend.

6 Kommunizieren und sensibilisieren. Nicht nur im Bekanntenkreis lassen sich diese Themen ansprechen: „Auch in Geschäften oder Restaurants kann man einfach mal nachfragen, wo die Produkte herkommen“, so Neumann. Und wer sich im Restaurant die Reste seines Essens einpacken lässt, der verhindert zumindest, dass diese in der Tonne landen.