Waiblingen

Frau bedroht, Polizisten getreten: Waiblinger muss nicht zurück ins Gefängnis

Polizist
Symbolfoto. © ZVW/Benjamin Büttner

Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, versuchte gefährliche Körperverletzung, Bedrohung, Beleidigung, Sachbeschädigung und Diebstahl - es war eine ordentliche Latte von Anklagepunkten, wegen denen sich ein 41-Jähriger vor dem Waiblinger Amtsgericht verantworten musste. Seine frühere Lebensgefährtin soll er am Telefon beleidigt und schwer bedroht haben. Ein halbes Jahr war er in Untersuchungshaft. Doch unter anderem aufgrund seiner Suchtprobleme muss der bei der Polizei einschlägig Bekannte nicht ins Gefängnis.

Der Angeklagte wurde 1980 in Baden-Württemberg geboren. Im Alter von sechs Jahren wanderten seine Eltern mit ihm in die USA aus. Dort absolvierte er College und High School, lernte Mechaniker. Sein Leben geriet aus der Bahn, als er als junger Erwachsener nach Deutschland ausgewiesen wurde.

Deutsch musste er neu erlernen, sagt er

Zunächst, berichtete er dem Gericht, kam er bei Verwandten unter, dann verschlug es ihn in den Rems-Murr-Kreis. Er musste die deutsche Sprache neu erlernen, doch gelang es ihm nicht wirklich, in der für ihn fremd gewordenen Heimat Fuß zu fassen. Seine psychischen Probleme, die erst jetzt in der Untersuchungshaft als Depressionen, Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) und eine bipolare Störung erkannt wurden und behandelt werden, beeinflussten seinen Lebensweg immer stärker. Der Mann versuchte, mit Alkohol und Drogen selbst zu „medikamentieren“ und auf diese Art und Weise in den Griff zu bekommen.

Er habe „sehr viel Mist gebaut in dieser Zeit“, vor allem unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen, wie man auch an seinem - inzwischen auf zwei Dutzend Einträge angewachsenen - Vorstrafenregister ersehen könne, so der Angeklagte. 2012 habe er dann die Frau kennengelernt, die „Licht und Hoffnung“ in sein Leben brachte und ihm die Freude am Leben zurückbrachte. Sie habe ihm Drogen und „das Saufen“ verboten, im Laufe der Jahre immer wieder Geduld mit ihm gehabt und zu ihm gehalten.

Langes Vorstrafenregister

Wie der Angeklagte weiter berichtete, zog das Paar in Waiblingen zusammen und bekam zwei Kinder. Weil er es aber nicht schaffte, sein Leben dauerhaft in geordnete Bahnen zu lenken, das Vorstrafenregister stattdessen immer länger wurde, zerbrach die Beziehung schließlich im Herbst 2020.

Nach einem Gefängnisaufenthalt nahm die Frau ihn zunächst in ihrer Wohnung auf - „damit er nach der Haftentlassung nicht obdachlos ist“, erklärte sie vor Gericht. Er sei „ein Guter“, versicherte sie, so lange kein Alkohol im Spiel sei. Seine Versprechen, damit aufzuhören, habe er nicht eingehalten. Auch ein Aufenthalt in Winnenden in der Psychiatrie habe nicht gefruchtet.

„Ich bin froh, dass unsere Kinder dich vergessen haben, und wenn du je aus dem Gefängnis rauskommst, dann lass mich und sie in Ruhe!“, wendete sie sich direkt an den Angeklagten.

In Kernener Pension rastete er aus

Im Frühjahr 2021 zog der Mann aus der Wohnung in eine Pension in Kernen. Von dort ging im August gegen fünf Uhr in der Früh ein Notruf bei der Polizei ein, weil er randalierte und Mitbewohner sich über ihn beschwerten. Für die Beamten war er kein Unbekannter, so dass sie schon zu viert anrückten. Insgesamt sechs waren notwendig, um den an Händen und Füßen Gefesselten in die Gewahrsamszelle nach Fellbach zu schaffen.

Mit nach Auffassung der Beamten gezielten Kopfstößen und Tritten wehrte er sich, die Polizisten beschimpfte und beleidigte er „mit allem, was Sie sich vorstellen können“, so einer von ihnen im Zeugenstand.

Polizei kennt den Mann bereits einschlägig

Er kenne den Angeklagten schon seit einigen Jahren, zu solchen Situationen komme es öfters. Dass er nüchtern sei, stelle eher die Ausnahme dar. Er sei allerdings nicht so betrunken gewesen, dass er nicht wahrgenommen habe, wen er vor sich habe und was um ihn herum geschah. In der Zelle selbst gab der Angeklagte zunächst auch keine Ruhe, sondern kratzte den Putz von den Wänden, wodurch ein Sachschaden von 300 Euro entstand.

Seine Ex beschimpfte er in einem nächtlichen Anruf als "Hure"

In einer Nacht Ende August weckte der Mann gegen 2.30 Uhr seine ehemalige Lebensgefährtin durch einen Telefonanruf, in dessen Verlauf er sie als „Bitch“ und „Hure“ beschimpfte und ankündigte, sie aufzuhängen. Am Vormittag desselben Tages tauchte er in Waiblingen im Ladengeschäft des neuen Lebensgefährten auf, drohte laut Anklage an, er werde den Laden „kaputt machen“ und verkündete: „Ihr seid eh bald alle tot!“

Sowohl die Frau wie auch der Ladenbesitzer hätten die Drohung ernst genommen, versicherten sie vor Gericht. Letzterer gab an, er habe in den zwei folgenden Nächten im Laden geschlafen, weil er Angst vor einem Anschlag hatte.

Der Angeklagte wurde festgenommen, nachdem er in einem weiteren Geschäft randaliert sowie in einem Kleiderladen in der Umkleidekabine uriniert und versucht hatte, von mehreren Kleidungsstücken die Etiketten zu entfernen und sie unter den eigenen Kleidern zu verstecken. In der Gewahrsamszelle im Waiblinger Polizeirevier schraubte er dann zum krönenden Abschluss des Tages den Spion aus der Tür und zerkratzte damit die Wände. Seitdem befand er sich in Stuttgart in Untersuchungshaft.

Er hat in der U-Haft eine Therapie begonnen

Zugunsten des Angeklagten spreche, so Richterin Basoglu-Waselzada, dass er die ihm vorgeworfenen Taten zumindest größtenteils eingeräumt und sich dafür entschuldigt habe. Die Sachschadensumme sei eher gering.

Auch seine psychische Situation und dass er die Taten unter Drogen- beziehungsweise Alkoholeinfluss beging, „was auch seine durchgedrehte Reaktion erklärt“, berücksichtigte die Richterin. Außerdem, dass er seine Probleme erkenne, sich entschlossen habe, sich behandeln zu lassen und auch die ihm verschriebenen Psychopharmaka einnehme.

Ein Jahr und zwei Monate auf Bewährung

Dies rechtfertige es, die gegen ihn verhängte Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten auf drei Jahre zur Bewährung auszusetzen. Der Angeklagte werde der Aufsicht eines Bewährungshelfers unterstellt, habe 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit abzuleisten und die Kosten des Verfahrens zu übernehmen.

Den gegen ihn erlassenen Haftbefehl hob die Richterin auf. Da sowohl Staatsanwaltschaft als auch der Angeklagte und seine Rechtsanwältin das Urteil akzeptierten, wurde es sofort rechtskräftig.

Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, versuchte gefährliche Körperverletzung, Bedrohung, Beleidigung, Sachbeschädigung und Diebstahl - es war eine ordentliche Latte von Anklagepunkten, wegen denen sich ein 41-Jähriger vor dem Waiblinger Amtsgericht verantworten musste. Seine frühere Lebensgefährtin soll er am Telefon beleidigt und schwer bedroht haben. Ein halbes Jahr war er in Untersuchungshaft. Doch unter anderem aufgrund seiner Suchtprobleme muss der bei der Polizei einschlägig Bekannte

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