Waiblingen

Frostschäden sind zum Teil verheerend

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Frost
Reiner Medinger stellt an seinen Kirschbäumen einen Totalschaden fest. © Büttner / ZVW
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Erfrorene Reben. © Leonie Kuhn

Kernen. Der Weinbau spricht von einem Jahrhundertfrost. Und tatsächlich: Selbst ältere Obst- und Weinbauern können sich an einen solchen Kälteeinbruch im April nicht erinnern. Die Schäden sind verheerend. „Die Natur kann grausam sein“, sagt Reiner Medinger, Obst- und Weinbauer aus Stetten.

Gerade im Weinbau könnte der Klimawandel mit ein Grund sein, dass die Schäden so groß sind. Die Rebstöcke trieben aufgrund des warmen Wetters bereits zwei, drei Wochen früher aus – und wurden vom Frost in der Nacht zum 20. April voll erwischt. Die Frostschäden sind sozusagen die Schattenseite der Klimaerwärmung, die dem Weinbau im Remstal durchaus Vorteile brachte. Mediterrane Sorten wie den Merlot oder Syrah anzubauen, war vor zwei Wengerter-Generationen nicht denkbar.

Thomas Seibold, Vorsitzender der Fellbacher Weingärtner, hatte nie nur die Sonnenseiten des Klimawandels im Blick. Schließlich zählen zu den Kehrseiten neue Schädlinge wie die Kirschessigfliege, vermehrte Unwetter oder extreme Trocken- und Nässephasen, betont Seibold. Dass starke Frühjahrsfröste zum Leben eines Wengerters gehören, das hatte er beinahe vergessen. Er erinnert sich an den Frost im Jahr 1991 – dann herrschte zwei Jahrzehnte lang Ruhe. Bis 2011, 2016 und nun 2017 wieder Frostschäden auftraten. 2011 und 2016 sei das Remstal mit blauem Auge oder mit Schrecken davongekommen. Nun aber wurde das Weinbaugebiet voll erwischt.

Kein Urlaub für die Wengerter: Pflanzen brauchen weiter Pflege

Die Schäden für die Fellbacher Weingärtner scheinen zwar nicht gar so weitreichend zu sein, wie Kellermeister Werner Seibold am Tag danach befürchtete. Allerdings schätzt Thomas Seibold sie selbst in den besten Lagen auf 40 bis 50 Prozent. Mancherorts seien Totalschäden zu beklagen. Es habe nicht alle Sorten gleichermaßen getroffen. Während die Kälte die frühen wie Trollinger und Lemberger stark schädigte, kamen wohl Burgunder und Riesling mit dem Frost besser zurecht.

Dass die Ernte ganz oder teilweise ausfällt, bedeutet nicht, dass die Wengerter jetzt Urlaub machen können. Die Rebstöcke seien ja nicht kaputt, werden grün und wachsen – bloß ohne Trauben. Reiner Medinger betont, dass die Anlagen weiterhin Pflanzenschutz und Schnitt brauchen – und damit Zeit, Arbeit und Geld kosten.

Auch Obstbauern melden große Schäden

Ob und wie viel in den Wengert noch etwas zu retten ist, wird sich in den nächsten Tagen und Wochen zeigen, sagt Moritz Haidle vom Stettener Weingut Karl Haidle. Sie ließen beim Rebschnitt traditionell sogenannte Frostruten stehen. Sie ragen nach oben und werden vom Frost eher verschont. Aufgrund des Windes hat so manche Frostrute den Frost nicht überstanden. „In manchen Lagen hat es gar nichts gebracht“, stellt Moritz Haidle frustriert fest. Auf Feuer oder Kerzen hat das Weingut verzichtet, wohl aber haben die Haidles Baldrian gespritzt. Gegen diese extreme Kälte habe der beruhigend wirkende Baldrian wohl nichts mehr gebracht.

Nicht nur der Weinbau klagt. Auch die Obstbauern melden große Schäden. Seine Kirschen hat Medinger ebenso abgeschrieben wie die Birnen. Zumindest bei den späten Apfelsorten hat er Hoffnung.

„Man hofft“, sagt Margret Grünwald aus Waiblingen-Hohenacker über ihre Erdbeeranlagen. Die erste Ernte sei auf jeden Fall hinüber. „So einen Frost habe ich noch nie erlebt.“ Besonders ärgerlich für Margret Grünwald ist, dass es auch ihre Kiwis erwischt hat. Sie hatte sich so auf die erste gute Ernte gefreut.

„Die Kirschen sind Totalausfall.“

Otto Kramer, Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Beutelsbach, kann nur von seinem Garten sprechen. „Die Kirschen sind Totalausfall.“ Er könne sich nicht an einen so harten Rückschlag erinnern, sagt Kramer über den Kälteeinbruch. Schäden ähnlichen Ausmaßes wie heuer hat es zuletzt 1981 gegeben, bilanziert der Landesverband Erwerbsobstbau. Glimpflich davongekommen seien nur wenige Betriebe. Insbesondere Steinobst (Kirschen und Zwetschgen) sind stark betroffen, hier rechnen die Landwirte teilweise mit Totalausfällen. Aber auch bei Beeren- und Kernobst ist mit teils massiven Ernteausfällen zu rechnen. Der Präsident des Landesverbands Erwerbsobstbau Franz Josef Müller fordert von der Landesregierung eine schnelle unbürokratische Soforthilfe für die Betriebe, um deren Existenz zu sichern.

Auch die Weinwirtschaft hält bereits die Hand auf. In einem gemeinsamen Schreiben haben sich Weinbauverbände in Württemberg und Baden an Ministerpräsident Winfried Kretschmann sowie an Agrarminister Peter Hauk gewandt und ein finanzielles Hilfsprogramm zur Abfederung der verheerenden Spätfrostschäden gefordert. „Würden unsere Betriebe in dieser katastrophalen Situation alleine gelassen, hätten sie den finanziellen Schaden durch die Ertragsausfälle in Folge dieses ‚Jahrhundertspätfrostes‘ alleine zu schultern. Damit wären diese hoffnungslos überfordert.“

Remstal: 60 Prozent

Laut Schätzungen des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg sind landesweit auf 7000 Hektar Rebfläche schwerste Ausfälle zu beklagen. Auf den meisten anderen Flächen gab es teilweise starke Teilschäden. „Frostabwehrmaßnahmen wie zum Beispiel der erstmals in Württemberg getestete Hubschraubereinsatz zur Kalt- und Warmluftverwirbelung haben leider nur bedingt zum Erfolg geführt. Gleiches gilt für das Heizen mittels Frostkerzen sowie die Frostberegnung.“

Laut einer ersten Schadensbilanz durch den Weinbauverband wurde das Württembergische Unterland besonders hart vom Frostereignis betroffen. Im Remstal wird der Ertragsausfall auf rund 60 Prozent geschätzt.