Waiblingen

Galerie Stihl Waiblingen: Selbstporträts von Marc Chagall bis Udo Lindenberg

Selbstportrait Stihlgalerie
Kuratorin Stephanie Machowetz von der Galerie Stihl Waiblingen erläutert ein Bild von Horst Janssen. Rechts ein Werk von Marc Chagall, ganz links eins von Karl Schmidt-Rottluff. © Gabriel Habermann

Im Zeitalter der Selfies, milliardenfach verbreitet auf Instagram, Facebook oder über Whatsapp, rücken Selbstporträts von Künstlern in den Mittelpunkt bei der Galerie Stihl Waiblingen. In der neuen Ausstellung „Ich. Zwischen Abbild und Neuerfindung“ versammelt sich so ziemlich alles, was Rang und Namen hat – von Marina Abramović und Ai Weiwei über Marc Chagall und Udo Lindenberg bis zu Robert Mapplethorpe und Cindy Sherman. Es wird die erste Vernissage mit Publikum im Jahr 2021 – natürlich unter ganz bestimmten Regeln.

Udo Lindenberg? Ja, tatsächlich: Der Rockmusiker ist auch Maler, seine Bilder hängen unter anderem im Bundeskanzleramt. Und jetzt eben eins am Eingang zur neuen Ausstellung in der Galerie Stihl. Darauf der Meister selbst, unverkennbar mit markantem schwarzen Hut. Darunter steht signiert: „Ahoi Leonie“. Gemeint ist Leonie Freifrau von Rüxleben (1920 bis 2005), deren Sammlung in Süddeutschland bislang nicht gezeigt wurde und die den Grundstock bildet für die Waiblinger Schau, die insgesamt fast 100 Werke umfasst, zusammengestellt von Kuratorin Stephanie Machowetz.

Das Zeitalter des Ich

Das eigene Ich – in vormodernen Zeiten fragten nur wenige danach. Künstler, Philosophen, Literaten. Doch spätestens im 20. Jahrhundert hatte das Ego Hochkonjunktur, Selbstbefragung wurde zum Massenphänomen. Angeregt durch die Entdeckungen der Tiefenpsychologie, wandte sich der Blick ab vom bloßen Abbild ins Innere. Die aufkommende Fotografie inspirierte die Künstler, das Genre des Selbstporträts zu erweitern und seine Möglichkeiten auszuloten. So handelt es sich bei 30 der Exponate um Fotografien. Noch dazu gibt es zwei Video-Installationen und eine Art interaktiver Cyber-Spiegelung, bei der die Besucher selbst zu einem Teil des Bildes geraten.

Klimawandel im interaktiven Spiegel

Vor Daniel Rozins „Sunset Mirror“ bewegt sich der Betrachter wie in einer Art Wärmebild vor der Kulisse eines gleißenden Sonnenuntergangs. Oder steht er mittendrin? Ist er gar selbst die Hitzequelle? Erst wähnt man sich im Marlboro-Land, dann in einem fortgeschrittenen Stadium des Klimawandels.

Politik mit Ai Weiwei

Eins der berühmtesten Selfies der vergangenen Jahre: Der chinesische Künstler Ai Weiwei, bekannt für seine oft politischen Aktionen, lichtet sich im Moment seiner Verhaftung ab, neben ihm ein Freund und Polizisten. Licht und Spiegelungen lassen den Schnappschuss wie ein durchkomponiertes Werk erscheinen.

Marina Abramović: Muss Kunst wirklich schön sein

In einer dunklen Kabine läuft in Dauerschleife ein Happening von Marina Abramović aus den siebziger Jahren: Während sie die Sätze „Art must be beautiful, Artist must be beautiful“ (Kunst muss schön sein, eine Künstlerin muss schön sein) stetig wiederholt und sich dabei immer ruppiger die Haare bürstet. Eine provokative Auseinandersetzung mit Erwartungen an die Kunst und weibliche Schönheitsideale.

Narziss und die Selbstliebe

Im herkömmlichen Sinn „schön“ sind die wenigsten dieser Selfies der Kunstgeschichte – und wenn, dann ist die Schönheit eine gebrochene. Da findet sich ein unsicherer Ernst Ludwig Kirchner, eben erst der Künstlergruppe „Brücke“ beigetreten, neben einem arrivierten, stolzen Max Liebermann. Marc Chagall mit blauen Haaren, einem Esel und einer Muse mit Farbpalette als Allegorie der Kunst, daneben die Worte „Ma vie“ (mein Leben) – eine Art Eigen-Retrospektive. Ein aufgedunsener Horst Janssen scheint in den Spiegel zu blicken – „in sich selbst verliebt“ spielt er jenseits von Schönheitsidealen mit dem uralten Narziss-Motiv. Käthe Kollwitz, damals Mitte 40, zeigt sich als alte Frau, vom Leben gezeichnet. Andere spielen mit Geschlechteridentitäten: Mit gespreizten Beinen und in groben Hosen fläzt sich Sarah Lucas maskulin auf einem Sessel herum, auf den Brüsten trägt sie in der „Composition with fried eggs“ Spiegeleier. Der Fotograf Robert Mapplethorpe präsentiert sich mit Nerz und viel Schminke als mondäne Madame.

Vernissage mit 3G und Maskenpflicht

Zu sehen ist also ein weiter Überblick über das Selbstporträt in rund zwölf Jahrzehnten, in verschiedenen Techniken und Stilen. Geöffnet ist die Ausstellung vom 16. Oktober bis zum 16. Januar. In der Galerie gelten Maskenpflicht und die 3G-Regel (geimpft, getestet, genesen). Bis zu 50 Personen gleichzeitig werden eingelassen.

Für die Vernissage am Freitag, 15. Oktober, um 19 Uhr in der Kunstschule ist eine Anmeldung unter galerie@waiblingen.de erforderlich, aber die Veranstaltung ist schon so gut wie ausgebucht. Wie gewohnt gibt es ein kulturelles Begleitprogramm, die Kunstschule bietet Workshops und Kurse für Erwachsene. Kinder lassen auf dem Boden liegend ihre Silhouetten umkreisen und gestalten sie dann nach Belieben. Jugendliche fertigen aus Farben und Materialien „Moodboards“, die ihre Stimmung ausdrücken.

Im Zeitalter der Selfies, milliardenfach verbreitet auf Instagram, Facebook oder über Whatsapp, rücken Selbstporträts von Künstlern in den Mittelpunkt bei der Galerie Stihl Waiblingen. In der neuen Ausstellung „Ich. Zwischen Abbild und Neuerfindung“ versammelt sich so ziemlich alles, was Rang und Namen hat – von Marina Abramović und Ai Weiwei über Marc Chagall und Udo Lindenberg bis zu Robert Mapplethorpe und Cindy Sherman. Es wird die erste Vernissage mit Publikum im Jahr 2021 – natürlich

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