Waiblingen

Gartenschau auf dem Prüfstand

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Die Remsterrassen sind ein schöner Ort, um die Sonne zu genießen und die Rems hautnah zu erleben. © Melanie Bäder
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Die Kunstlichtung ist der perfekte Ort für ein Picknick im Grünen.

Waiblingen. Das Remstal zur Tourismusregion machen: das ist das Ziel der Politiker in der Region. Die Remstal-Gartenschau soll dabei helfen. Zusätzlich soll das Großprojekt die Menschen in der Region verbinden. Doch was erwartet die Menschen, wenn sie im kommenden Jahr die Schönheit der Natur entlang der Rems erkunden wollen? Unsere Tauschreporterin hat sich einmal mit dem E-Bike umgesehen.

Auf dem Radweg zwischen Beinstein und der Waiblinger Innenstadt ist es ruhig. Hier und da ist ein Fußgänger oder ein entgegenkommender Radler zu sehen, aber im Großen und Ganzen hat man die Strecke fast für sich alleine. Rechts taucht eine Wiese mit mehreren Bänken auf, ein Platz, der zum Verweilen einlädt. Die Blätter rascheln, wenn der Wind durch sie hindurchfährt und die Vögel zwitschern, als sie im Schatten der Bäume von Ast zu Ast fliegen. Die Samen der Pappeln tanzen wie Schneeflocken durch die Luft und bedecken die Wiese mit einer dünnen Schicht Watte.

Der Fluss ist dort kaum zu sehen, er wird rechts und links von hoch gewachsenen Büschen eingezäunt. Nur an einer Stelle blitzt das Wasser zwischen den Gewächsen hindurch. Auf der anderen Seite des Flusses erstreckt sich eine saftig grüne Frühlingswiese. An dieser Stelle kann mit einem Atemzug die ganze Schönheit der Natur in sich aufgenommen werden. Einzig das stete Rauschen der Autos, die über die Bundesstraße fahren, erinnert an die nicht weit entfernte Stadt.

Marke Remstal in die Köpfe der Menschen bringen

Keine Frage: Dort unten an der Rems ist Erholung garantiert. Mit der Remstal-Gartenschau im kommenden Jahr sollen das auch die Menschen außerhalb der Region erfahren. Von der Quelle bis zur Mündung soll sich die Rems in einen „unendlichen Garten“ verwandeln. Das Projekt, dessen Planung 2015 startete, soll nachhaltig sein und nach Wunsch der Verantwortlichen auch nach der Gartenschau noch zahlreiche Touristen ins Remstal locken. „Die Gartenschau dient in erster Linie dazu, die Marke Remstal in die Köpfe der Menschen zu bringen“, sagt Thomas Englert, Geschäftsführer der Gartenschau GmbH.

Weiter soll es die Bürger des Remstals enger zusammenrücken lassen und ihnen „ihre eigene Stadt wieder neu bewusst machen“, erklärt Waiblingens Oberbürgermeister Andreas Hesky. Die 16 Kommunen, die an der Gartenschau beteiligt sind, legen sich dafür mächtig ins Zeug. Es werden nicht nur neue Attraktionen geschaffen, auch die Infrastruktur wird verbessert - unter anderem durch die Anlage neuer Rad- und Wanderwege. Doch was erwartet die Touristen, wenn sie das Remstal besuchen?

80 Kilometer - am besten mit dem Rad

Natürlich gibt es viele Wege, das rund 80 Kilometer lange Gebiet zu erkunden. Mit dem Fahrrad können die Besucher sportlich aktiv werden und gleichzeitig die Schönheit der Natur genießen - eine perfekte Mischung. Interessierte können sich deshalb in einigen Kommunen E-Bikes leihen. So auch in Waiblingen.

Schon beim Start in der Altstadt sticht die Schönheit der historischen Fachwerkhäuser ins Auge, denn die Fassaden säumen rechts und links die engen Gassen. Aber auch die Michaelskirche und die gut erhaltene Stadtmauer sind ein echter Blickfang. Am Rande dieser Altstadt wartet der Eingang in die wundervolle Welt der Natur. Dieser bleibt jedoch erst einmal verschlossen, da die Schilder keinen Hinweis hinterlassen, wo sich die Talaue genau befindet.

Tipp: Stadtplan mitnehmen

Ein Stadtplan ist daher Pflicht! Es geht zunächst bergab, die grobe Richtung ist bekannt. Der Fahrradweg ist noch nicht ausgeschildert. Ein weiterer Blick auf den Stadtplan ist also nötig, um nicht in die falsche Richtung zu fahren. Am Ufer angekommen, können die fleißigen Radler auch schon ihre erste kleine Pause einlegen. Am rechten Ufer des Flusses liegen die Remsterrassen. Auf rund 60 Metern Länge können sich hier Erholungssuchende oder Familien mit Kindern niederlassen und den Blick auf die Rems genießen. Wer will, kann natürlich auch die Wassertemperatur testen, an dieser Stelle ist der Fluss begehbar. „Die Bürger sollen die Rems ganz bewusst erleben können“, sagt Hesky.

Nach der kurzen Pause auf den Remsterrassen geht die Suche nach dem richtigen Weg weiter. Denn auch am Ufer der Rems finden sich erst einmal keine vielsagenden Hinweisschilder. Ein Teil des Uferwegs ist noch gesperrt, an der Hahnschen Mühle ist Schluss. Das wäre ohnehin nicht der Weg zu der Talaue gewesen.

Auf der anderen Seite des Ufers ist dann doch ein kleines rechteckiges Schild zu sehen, auf dem ein grünes Fahrrad und ein Pfeil abgebildet sind. Mit Hilfe dieser Schilder können die Touristen nicht mehr vom Weg abkommen - und können sich nun voll und ganz auf die Landschaft konzentrieren. Der Fahrradweg führt bis zum Remsursprung und durchquert alle Kommunen, die sich 2019 bei der Remstal Gartenschau präsentieren werden.

Die umstrittene Kunstlichtung lädt zum Verweilen ein

Die Luft riecht nach Frühling, nach frisch gemähtem Gras und nach Blumen. Links des Radwegs erstrecken sich schier endlos wirkende Frühlingswiesen. Blumen in Lila, Gelb und Rot sorgen für bunte Tupfer auf der saftig grünen Wiese. Die Halme bewegen sich langsam hin und her, wenn der Wind darüber streift. Dann ist eine Lichtung zu sehen. Die 220 Bäume wurden in einem Muster angeordnet, in der Mitte gibt es hübsche Freifläche, die die Besucher einlädt, sich ins Gras zu setzen und die Ruhe auszukosten. Wer hier ein Picknick mit seiner Familie, Freunden oder dem Partner genießen möchte, ist hier genau richtig.

Doch die Kunstlichtung, die eigens für die Gartenschau angelegt wurde, stieß zunächst bei einigen Bürgern auf Unverständnis. „Diese Baumpflanzungen waren das bisher am stärksten umstrittene Projekt im Rahmen der Remstal-Gartenschau in Waiblingen“, sagt Hesky. Nach mehrmaliger Abstimmung habe sich die Stadt aber klar für die Baumpflanzung entschieden. Die Bürgerschaft nehme die Lichtung mittlerweile auch gut an.

Radweg durch alle Kommunen

Weiter auf dem Weg in Richtung Weinstadt verändert sich das Bild dann. Schnell ziehen die schönen Dinge vorbei, plötzlich macht der Weg eine Linkskurve und die Zivilisation ist zurück - vorübergehend! Denn der kleine Ort Beinstein ist schnell durchquert, anschließend windet sich der Weg wieder zwischen Bäumen und Wiesen in Richtung Weinstadt. Da der Radweg durch alle Kommunen führt, können Radler die Strecke an mehreren Tagen abfahren um auf jedem Teilstück alles Sehenswerte erkunden zu können. Denn auch auf der anderen Seite des Remsufers zurück Richtung Waiblingen gibt es noch einiges zu sehen.

Vorher fallen - wie bereits auf dem Hinweg - zahlreiche große Buchstaben auf, die in Abständen zwischen den Bäumen und auf den Wiesen stehen. Im Internet kann man nachlesen, dass sie den Schriftzug „Remstal-Quellen“ ergeben und einer von Beinsteins Beiträgen zur Gartenschau sind. Denn einst zierten diese Buchstaben das Lagergebäude der Mineralbrunnen AG (Minag). Heute erinnern die Buchstaben an die gut 100-jährige Sprudelförderung in den Beinsteiner Sulzwiesen.

Finanzielle Last schreckt manche Bürger ab

Wieder am Ufer der Rems angekommen taucht auf der linken Seite eine Treppe auf, die zu einer Bank hinabführt. Die kleine versteckte Ecke ist der perfekte Ort für Verliebte. Gemeinsam können sie dort auf die Rems blicken und die romantische Stimmung genießen. Der Weg in die Stadt ist von hier nicht mehr weit. Eine Frau steht auf einem Steg und füttert die Enten, die gierig ihre Köpfe nach oben recken, als die Brotkrümel langsam auf das Wasser segeln. Ansonsten ist es vollkommen still.

2019 werden viele Menschen auf diesem Weg die Schönheit der Natur in sich aufnehmen und die Veranstaltungen besuchen. Und auch die meisten Bürger des Remstals haben die Hoffnung, dass die Gartenschau die Kommunen im Remstal verbindet: „Ich finde das Projekt eine tolle Sache, und ich glaube, dass es ein Gewinn für die Region sein wird“, sagt Eduard Schall aus Schorndorf. Die Kosten für die Daueranlagen in Höhe von über 60 Millionen Euro und weitere Ausgaben für Veranstaltungen haben die Menschen allerdings etwas abgeschreckt. „Manche sind aufgrund der finanziellen Last nicht überzeugt von der Gartenschau. Ich stelle die Kosten aber nicht in den Vordergrund“, sagt Schall. Ein anderer Schorndorfer ist noch skeptisch: „Ob das so toll wird, werden wir sehen. Erst einmal hat es einen Haufen Geld gekostet“, sagt er. Doch er wolle die Gartenschau auf jeden Fall besuchen. Und vielleicht werden dann ja auch die Zweifel ausgeräumt.