Waiblingen

Gefährliche Körperverletzung mit 2,2 Promille

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Das Amtsgericht in Waiblingen. © Ramona Adolf

Waiblingen/Weinstadt. Mit einem blauen Auge davongekommen sind zwei junge Angeklagte, die nach Überzeugung des Jugendschöffengerichts einen Mann grundlos blutig geschlagen haben. Erschwerend hinzu kam für das Gericht, dass die Angeklagten die Tat nicht zugaben, sondern eine offensichtlich abgesprochene Geschichte vorlegten. Ein Handy-Chat belegte eindrucksvoll, dass ihr 14-jähriger Kumpel zu einer Falschaussage angestiftet worden war.

Was genau an diesem Abend im Februar 2016 in der Nähe der Esso-Tankstelle Palmer in Endersbach geschehen ist, darüber gingen die Versionen vor dem Amtsgericht weit auseinander. Auf der einen Seite standen die Aussagen der beiden angeklagten Jugendlichen und ihres 14-jährigen Kumpels, der als Zeuge aussagte. Auf der anderen die des Geschädigten, der so schwer verletzt worden war, dass er eine Woche lang nicht arbeiten konnte, und seines Begleiters. Dazu kam die Sicht einer unbeteiligten Zeugin, die allerdings nur einen Teil der Tat vom Fenster aus beobachtet hatte.

Viel Alkohol und Aggression

Fest steht: Viel Alkohol und Aggression waren im Spiel, als Marvin T. und Antonio N. (Namen geändert) an diesem Abend mit ihrem jüngeren Kumpel aus Cannstatt zurückkamen. 2,2 Promille wurden beim damals 19-jährigen Marvin T. später festgestellt. Als sie den beiden Männern in der Schorndorfer Straße begegneten, hätten sie sie um Zigaretten gebeten, so die Version des Trios. Weil sie keine bekommen hätten, habe Antonio N. „fuck you“ geschrien. Daraufhin hätten ihn die beiden Männer angegriffen, sagt N.. „Ich habe mich verteidigt“, beteuert der 17-Jährige. Sein Kumpel Marvin sei ihm nur zu Hilfe gekommen.

Völlig grundlos beleidigt

Von einem anderen Tathergang berichtet der geschädigte Inhaber eines Garten- und Landschaftsbaubetriebs, der an dem Abend mit einem Mitarbeiter unterwegs war. Völlig grundlos seien sie schlimm beleidigt worden – der Satz selbst ist so ungeheuerlich, dass ihn die Zeugen vor Gericht kaum wiederholen wollen. Dann habe T. sofort zugeschlagen und N. ihn von hinten attackiert, erzählt der 43-Jährige. Als sein Mitarbeiter dazwischenging und die Polizei alarmierte, flüchtete das Trio. Trotz seiner Verletzungen im Gesicht habe er sie verfolgt, um sie aufzuhalten. „Wenn mein Mitarbeiter nicht gewesen wäre, wer weiß, was mir passiert wäre.“ Auch der an dem Abend im Februar kranke Mitarbeiter ist als Zeuge geladen. Die Aussage seins Chefs bestätigt er in allen Punkten. „Es gab keinen Grund, uns zu beschimpfen“, sagt er. „Ich habe diese Jungs noch nie gesehen.“

Der Whatsapp-Verlauf belegt: Lügengeschichte ist abgesprochen

Wer hat nun aber zuerst zugeschlagen? Das weiß auch die Nachbarin nicht – wohl aber sagt sie, dass der Konflikt von den Jungs ausgegangen sei. Den Streit hatte sie vom Fenster aus verfolgt, im entscheidenden Moment aber ihr Telefon geholt, um die Polizei zu verständigen. Umso sicherer gibt sich der Jüngste des Trios, der an der Tat nicht beteiligt war, im Zeugenstand. Er solle die Wahrheit sagen und keine Rücksicht auf Kumpels nehmen, mahnt Richter Luippold, doch der 14-jährige Schnaiter bleibt bei der Version der beiden Älteren. Pech, dass der Chatverlauf auf Whatsapp eindeutig belegt, dass die Aussage vorher abgesprochen wurde.

Zur Tatzeit unter Bewährung

Marvin T. steht an diesem Tag nicht zum ersten Mal vor dem Waiblinger Amtsgericht. Von Sachbeschädigung über Hausfriedensbruch bis zu räuberischem Diebstahl reicht das Vorstrafenregister des 20-Jährigen, der zur Tatzeit unter Bewährung stand. Eine schwierige familiäre Situation bescheinigt ihm die Jugendgerichtshilfe. Die Eltern hätten sich früh getrennt, die Mutter sei krank, Marvin und sein Bruder seien sich deshalb oft selbst überlassen gewesen. Eine Zeit lang lebte er im Wera-Heim, den Hauptschulabschluss schaffte er nur knapp im zweiten Anlauf. Seitdem ist er arbeitslos. Seine Leidenschaft ist das BMX-Fahren. Für die Vereine in Weinstadt und Cannstatt ist er schon Rennen gefahren, dort hat er sich als Trainer engagiert. Im Moment verbringe er seine Zeit mit Jobben und Radfahren, sagt er auf die Frage des Richters. Und dass er gern Zwei-Rad-Mechaniker werden will.

Beide Täter haben ein Alkoholproblem

Nach dem Vorfall im Februar war er auf Alkohol-Entzug. Gute Beurteilungen hat er von „Work and Box“, wo straffällig gewordenen Jugendliche in den ersten Arbeitsmarkt reintegriert werden sollen. Ein Alkoholproblem hat auch Antonio N. Nach der Förderschule in Weinstadt besuchte der Italiener die Maria-Merian-Schule, scheiterte aber. Derzeit versucht er, seinen Hauptschulabschluss zu machen. Er überlege, Koch zu werden, sagte er dem Gericht. Der 17-Jährige wohnt bei seiner Mutter, die von Hartz IV lebt.

Richter ist von der Version des Geschädigten überzeugt

Die unterschiedlichen Varianten des Tathergangs bleiben. Für das Jugendschöffengericht ist am Ende aber klar: „Die Version der Geschädigten ist die richtige“, so Richter Luippold. Die Männer hätten die Jugendlichen kaum wahrgenommen, die Provokationen gingen von den dreien aus. „Die Angeklagten haben sich abgesprochen, weil sie wussten, dass Marvin T. unter Bewährung stand. Sehr schade, dass sie nicht dazu stehen konnten.“

Das Urteil: Jugendstrafe für beide

Zu einer Jugendstrafe von sechs Monaten auf Bewährung wurde Antonio N. verurteilt. Marvin T. bekam zwei Jahre Jugendstrafe mit Vorbewährung. Das heißt: Erst in einem halben Jahr entscheidet das Gericht, ob er ins Gefängnis muss. Bis dahin darf er sich rein gar nichts zuschulden kommen lassen. „Das ist Ihre allerletzte Chance“, sagte Luippold. „Sie müssen Ihre Bewährung verdienen.“

Cabrio beschädigt, den Besitzer verletzt

Weil er in Großheppach in ein fremdes Auto einstieg, es beschädigte und dessen Besitzer zu Boden warf, ist Antonio N. auch wegen Sachbeschädigung und vorsätzlicher Körperverletzung in einem weiteren Fall verurteilt worden. Der 17-Jährige hatte sich mit 2,2 Promille in das vermutlich unverschlossene Auto gesetzt und die Handbremse gelöst. Das Cabrio war daraufhin auf einen Anhänger gerollt.

Als ihn der herbeigeeilte Besitzer aufforderte, den Wagen zu verlassen, und ihn rausziehen wollte, weigerte sich der Junge zunächst. „Plötzlich hat er mich umgeworfen“, berichtete der 61-jährige Autobesitzer vor Gericht. Beim Sturz zog er sich eine Prellung zu. Für den Staatsanwalt ganz klar ein Fall von Sachbeschädigung und vorsätzlicher Körperverletzung.

Dem folgte auch das Jugendschöffengericht. Mit 250 Euro ein kleiner Schaden, urteilte Richter Martin Luippold. Doch der Schaden sei nicht bezahlt worden, weder von Antonio noch von dessen Mutter. Viel schlimmer sei aber, dass er auch den 61-Jährigen gestoßen habe. Berücksichtigt werden müsse, dass er in alkoholisiertem Zustand enthemmt war: „Es ist aber beängstigend, wenn junge Leute so dem Alkohol zusprechen.“