Waiblingen

Gefährliche Körperverletzung: Verfahren eingestellt

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Symbolfoto. © Joachim Mogck

Waiblingen. Eine junge Frau aus Backnang zeichnet im Amtsgericht das düstere Bild einer Beziehung voll psychischer und körperlicher Gewalt. Doch ihr Ex-Freund verlässt den Gerichtssaal ohne ein Urteil. Der Grund: Die Frisörin gilt nach einem vernichtenden Gutachten als unglaubwürdig. Ohne einen Rüffel für sein Frauenbild von Richter Luippold darf der junge Deutschtürke jedoch nicht nach Hause.

„Sie haben ganz offensichtlich ein seltsames Frauenbild“, sagt der Richter am Ende der Verhandlung. „Das passt nicht so gut in die heutige Zeit und auch nicht in die westliche Welt. Die Idee, seiner Freundin bereits nach drei Wochen zu sagen, wie kurz ihr Rock sein darf – das hat schon etwas sehr Archaisches.“ Indes: Das Verfahren gegen den 21-jährigen Deutschtürken wegen gefährlicher Körperverletzung wird eingestellt. Was den noch schwerer wiegenden Vorwurf der Vergewaltigung betrifft, den seine 21-jährige Ex-Freundin gegen ihn erhoben hatte und der dem jungen Mann sieben Wochen in Untersuchungshaft eingebracht hat: Die junge Frisörin gilt nach einem Gutachten als derart unglaubwürdig, dass die Hauptverhandlung in diesem Punkt nicht einmal eröffnet wurde.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart dürfte nun zumindest prüfen, ob sich die 21-Jährige der falschen Anschuldigung strafbar gemacht hat.

Vergewaltigungen in der Beziehung?

Immer wieder hatte sich die junge Frau im Spätsommer 2016 bei der Polizei in kleinere Widersprüche verstrickt: Mal gab sie an, der Ex-Freund habe sie einmal vergewaltigt, dann berichtete sie wieder von zwei Vorfällen. Polizei und Staatsanwaltschaft wurden skeptisch und gaben das Gutachten zur Glaubwürdigkeit in Auftrag. Das kam in puncto Vergewaltigung zu einem vernichtenden Urteil: Ein „Erlebnisbezug“ könne nicht attestiert werden. Der 21 Jahre alte Türke, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, wurde nach sieben Wochen aus der U-Haft entlassen.

Dass er auf Haftentschädigung verzichtet, ist Teil des Deals mit dem Schöffengericht und der Staatsanwaltschaft: Das Verfahren gegen den mehrfach vorbestraften Arbeitslosen wird auch deshalb eingestellt, weil die Verantwortlichen der Meinung sind, die Haft war Strafe genug (siehe Box).

Gewalt? Nicht unwahrscheinlich

Denn es ist recht wahrscheinlich, dass der junge Mann gegen seine Ex-Freundin in der Backnanger Wohnung ihrer Eltern handgreiflich geworden ist. Die junge Frau berichtet von zahlreichen Übergriffen des kontrollsüchtigen Mannes während der Beziehung, die nicht einmal einen Monat währte. Sie sei angespuckt worden, geschlagen, aufs Übelste beleidigt. Chatprotokolle bestätigen den rauen Ton, der zwischen den beiden herrschte. Der Angeklagte gibt zu, dass ihn der „offene“ Kleidungsstil seiner Freundin störte und dass sie mit anderen Männern verkehrte: „Ich wollte sie verändern, aber sie wollte sich nicht verändern.“ Eine Freundin der Frisörin, die ebenfalls als Zeugin geladen ist, sagt, der 21-Jährige sei sehr aggressiv gewesen und habe auch ihr Gewalt angedroht: Er mache so etwas häufiger, wenn Frauen nicht gehorchten.

Würge-Attacke und Schläge mit dem Staubsauger

Konkret wird am Amtsgericht ein Streit verhandelt, in dessen Verlauf der Angeklagte seine Freundin zunächst auf ihr Zimmer geschickt hatte wie ein kleines Kind. Diese leistete zwar Folge, weinte und zeterte aber hörbar. Also folgte ihr der junge Mann und herrschte sie an, still zu sein. Als sie keine Ruhe gab, packte er sie am Hals und drückte zu. Angst um ihr Leben habe sie gehabt, sagt die Frisörin aus, doch schließlich habe ihr Ex-Freund von ihr abgelassen. Dass es den Streit gegeben hat, das bestätigen sowohl ihre Freundin als auch ein Kumpel des jungen Mannes, die an jenem Abend zu Besuch waren. Beide wollen von der tätlichen Auseinandersetzung aber nichts mitbekommen haben, da sie nicht im selben Zimmer waren. Allerdings sagte die Freundin bei der Polizei aus, der Hals der Frisörin sei gerötet gewesen, sie habe geweint und von der Würge-Attacke berichtet.

Der Angeklagte bestreitet, handgreiflich geworden zu sein. Einmal habe allerdings seine Freundin ihn mit dem Staubsaugerrohr geschlagen.

Diese Geschichte wird am Freitagvormittag in Waiblingen zweimal erzählt, einmal von der Frisörin selbst: Sie habe mit dem Metallrohr auf den Freund eingeprügelt, nachdem dieser sie vergewaltigt habe.

Harte Zeit in U-Haft

Der Jugendgerichtshelfer des 21-Jährigen sagt über die siebenwöchige U-Haft des Mannes: „23 Stunden in der Zelle, eine Stunde auf dem Hof – das hat Spuren hinterlassen.“

Vorbestraft ist der 21-Jährige unter anderem wegen Einbruchs ins Haus seiner eigenen Eltern.