Waiblingen

Geisterfahrer: Manche stoppt nichts

Falschfahrer
Bei diesem Unfall am Teiler B 14/B 29 sind damals zwei Menschen verletzt worden. © Büttner / ZVW (Archiv)

Lorch/Waiblingen. Es gibt nicht für alles eine Erklärung. Warum ausgerechnet auf der B 29 und dort speziell bei Lorch mehrere Geisterfahrer unterwegs waren, bleibt ein Rätsel. Vor menschlichem Versagen ist niemand gefeit. Die mobile Gesellschaft nimmt in Kauf, dass jedes Jahr Tausende Menschen bei Unfällen sterben. 20 von ihnen verlieren ihr Leben wegen einer Geisterfahrt.

Die meisten Autofahrer dürften überzeugt sein, ihnen passiert das niemals. Wie kann man nur in falscher Richtung auf eine Bundesstraße oder eine Autobahn auffahren? Das merkt man doch.

Schon mehrere Geisterfahrten bei Lorch

Ein 81-Jähriger hat seinen Fehler am Dienstagabend tatsächlich gerade noch rechtzeitig bemerkt. Kurz vor der Einfahrt in falscher Richtung – schon wieder bei Lorch – wendete der Mann. Mitte Januar endete eine Geisterfahrt einer 72-Jährigen für sie selbst und einen jungen Mann tödlich. Die Frau war an der Anschlussstelle Lorch-Ost falsch aufgefahren. Im Mai 2015 starben dort ganz in der Nähe eine 86-jährige Geisterfahrerin und ein 22-jähriger BMW-Fahrer (wir haben berichtet).

Warum immer wieder auf der B 29, warum bei Lorch? „Wir wissen es nicht“, sagt Susanne Dietterle, Pressesprecherin am Landratsamt Ostalb. „Im Wesentlichen gibt es dort nichts zu deuteln“, erklärt die Sprecherin mit Blick auf Beschilderung und Fahrbahnmarkierung – alles regelkonform. Ein paar kleine Korrekturen nehmen die Behörden dort nun dennoch vor, aber das war’s dann auch. Zehntausende Fahrzeuge passieren diesen Streckenabschnitt Tag für Tag. In der richtigen Richtung.

20 Menschen sterben pro Jahr in Deutschland wegen Falschfahrten

Von Geisterfahrern verursachte Unfälle rücken in der öffentlichen Wahrnehmung ganz besonders ins Blickfeld. Doch nur ein verschwindend geringer Anteil der tödlichen Unfälle geht auf ihr Fehlverhalten zurück. ADAC-Sprecher Andreas Hölzel nennt die Zahl 20: So viele Menschen sterben im Schnitt pro Jahr in Deutschland wegen einer Geisterfahrt.

Wären noch mehr vorbeugende Sicherungen hilfreich?

Niemand sagt das so offen, aber der zynische Schluss liegt nahe: Noch mehr vorbeugende Sicherungen kämen immens teuer. Ob sie wirklich helfen, ist fraglich. Das baden-württembergische Verkehrsministerium schreibt in seiner Antwort auf eine Anfrage des Abgeordneten Stefan Herre: „Der Einsatz blinkender Lampen an Auffahrten ist in seiner Wirksamkeit umstritten, nachdem Fälle bekannt wurden, dass Falschfahrer/innen auch diese Lampen ignorierten.“ Auch den Einsatz von Krallen, die einen Falschfahrer gewaltsam stoppen, indem sie dessen Reifen zerstören, lehnt das Ministerium ab: Es fehle die Rechtsgrundlage.

Ministerium: In Baden-Württemberg sind alle Maßnahmen umgesetzt 

In Österreich sind an manchen Stellen solche mechanischen Barrieren angebracht. Nur in sehr wenigen Einzelfällen erfüllten sie ihren Zweck, schreibt das Ministerium weiter. Aus seiner Sicht wurden in Baden-Württemberg bereits „alle Maßnahmen zur Verbesserung der Falschfahrer-Prävention umgesetzt“. Zumindest an allen zweibahnigen Bundesfernstraßen im Land wurde an sämtliche Anschlussstellen sowie an Tank- und Rastanlagen überprüft, wie es um die Beschilderung, Markierung und Wegweisung bestellt ist. Es wurden Markierungen ergänzt oder verändert – und jetzt ist alles okay, so sinngemäß die Botschaft des Ministeriums.

In Zukunft wird's noch besser 

In Zukunft wird’s noch viel besser als nur okay. Fahrzeuge kommunizieren dann drahtlos mit der Infrastruktur am Straßenrand. Diese fordert Geisterfahrer zum Stopp auf, bevor es zu spät ist. Nicht zu toppen: selbstfahrende Autos. Bis diese fahrenden Computer durch die Straßen tingeln, fließt allerdings noch viel Wasser die Rems runter.

Selbstmord, Mutproben oder Alkohol: "Das gibt es nicht zu selten"

Nichts hilft, sofern ein Geisterfahrer in selbstmörderischer Absicht losrast und den Tod anderer in Kauf nimmt. „Das gibt es nicht zu selten“, sagt ADAC-Sprecher Andreas Hölzel. Mutproben könnten zudem Anlass für eine absichtliche Geisterfahrt sein. Oder der Autofahrer steuert im Alkohol- oder Drogennebel sein Fahrzeug in die falsche Richtung.

Jüngste Geisterfahrten auf der B 29: Ältere am Steuer

Keiner dieser Gründe spielte bei den jüngsten Geisterfahrten auf der B 29 eine Rolle. Doch eine Gemeinsamkeit dieser Fahrten sticht ins Auge: Es saßen Ältere am Steuer.

Das Alter kann eine Rolle spielen. Muss aber nicht. „Ältere sind per se überhaupt kein Risikofaktor“, sagt Andreas Hölzel. Rein statistisch gesehen gebe es keinen Anlass, sie gesondert zu begutachten. Doch rät der ADAC älteren Verkehrsteilnehmern dringend, regelmäßig freiwillig etwa Seh- und Hörtests zu durchlaufen.

Fast-Geisterfahrt eines 81-Jährigen

Die meisten gemeldeten Falschfahrten stellen sich im Nachhinein glücklicherweise gar nicht als wirkliche Falschfahrt heraus (siehe Infobox). In diese Kategorie fällt auch die Fast-Geisterfahrt des 81-Jährigen auf der B 29 am Dienstag dieser Woche. Prompt lief im Radio die Warnung: Vorsicht, Geisterfahrer. Obwohl es – zum Glück – gar nicht zur Geisterfahrt kam.

Strafrechtliche Folgen einer Geisterfahrt

Der Bußgeldkatalog sieht für Geisterfahrer mehrere Monate Fahrverbot oder Entzug der Fahrerlaubnis vor. Je nach den Umständen des Einzelfalles gilt eine Falschfahrt als Straftat wegen Gefährdung des Straßenverkehrs (§315c Strafgesetzbuch). Es drohen Geld- oder sogar Freiheitsstrafen.


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Viel mehr Unfälle durch Falschfahrten

Die Unfallursache „Falschfahrt“ wird laut dem baden-württembergischen Verkehrsministerium erst seit Juli 2015 in der bundeseinheitlichen Straßenverkehrsunfallstatistik erfasst.

Demnach sind in Baden-Württemberg im Jahr 2015 insgesamt 28 Unfälle im Zusammenhang mit Falschfahrten passiert. Im Jahr 2016 (bis einschließlich November) waren es mit 52 Unfällen deutlich mehr. Bei 27 dieser Unfälle kamen Menschen zu Schaden. Acht erlitten schwere Verletzungen, zwei starben.

Die Landesmeldestelle für den Verkehrswarndienst der Polizei Baden-Württemberg erfasst Falschfahrtmeldungen seit dem Jahr 2003. Nur ein geringer Teil der gemeldeten Fälle entpuppt sich laut Ministerium als tatsächliche Falschfahrt. Im Jahr 2016 gab es in Baden-Württemberg 374 Meldungen von Falschfahrten. Im Jahr davor belief sich die Zahl auf 392. Im Jahr 2014 registrierte das Land 443 Falschfahrtmeldungen. 2004 waren es 300, 2003 wurden 325 Meldungen gezählt.

„Die Motivation und Begleitumstände, die zu Falschfahrten führen, sind vielfältig. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass Schwerpunkte bei Falschfahrten in Verbindung mit Akohol-, Drogen- und Medikamentenkonsum sowie bei Orientierungsproblemen der Fahrerinnen und Fahrer ausgemacht werden können.“ Aus der Antwort des baden-württembergischen Verkehrsministeriums zu einer Anfrage des Landtagsabgeordneten Stefan Harre.