Waiblingen

Geistheiler Bruno Göring hat immer noch Fans

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„Wunderdoktor“ Bruno Gröning (1906 bis 1959) mit Anhängern in den fünfziger Jahren. © dpa

Waiblingen.Nicht erst seit das Coronavirus wütet, hegen Menschen weltweit eine tiefe Sehnsucht nach Gesundheit – und wohl noch nie in der Geschichte mangelte es an Scharlatanen und selbst ernannten Wunderärzten, die genau das versprachen. „Heilung auf geistigem Weg“ stellt auch der „Bruno-Gröning-Freundeskreis“ in Aussicht, der bis zur krisenbedingten Schließung des Kulturhauses regelmäßig im Waiblinger „Schwanen“ zusammenkam. Seltsam genug: Die Anhänger eines bizarren Geistheilers aus der Nachkriegszeit haben sich das Zuhause der örtlichen Sub- und Gegenkultur als Treffpunkt ausgesucht.

„Ich freue mich so, dass wir in Waiblingen einen geeigneten Raum für unsere Gemeinschaftsstunden gefunden haben“, schrieb ein Johannes Bernstein an die Mitglieder und lud zu den Zusammenkünften ein. Und schickte ein typisches Gröning-Zitat gleich mit: „Vertraue und glaube, es hilft, es heilt die göttliche Kraft.“

Der Bruno-Gröning-Freundeskreis ist laut eigener Darstellung einer der größten Zusammenschlüsse für Hilfe und Heilung auf geistigem Weg. Weltweit soll es mehr als 75 000 Anhänger geben. Im Freundeskreis werde nicht diagnostiziert, therapiert, untersucht oder behandelt, beteuert dessen Pressestelle. Ebenso wenig werde von Arztbesuchen, Medikamenteneinnahme, Therapien oder operativen Eingriffen abgeraten. Kritiker beurteilen das anders.

Vor allem die Kirchen warnen vor der sektenartigen Bewegung, die im Raum Stuttgart einen ihrer Schwerpunkte hat. „Die Wahrung des freien Willens ist eine wesentliche Grundlage der Lehre Bruno Grönings“, wird offiziell beteuert, doch nach Erkenntnissen der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche Württemberg üben die lokalen Kreise starken Einfluss auf ihre Mitglieder aus. Falls sich Familienmitglieder kritisch verhalten, werde empfohlen, den Kontakt abzubrechen.

Ärztekammer: „Unärztlich und esoterisch“

Angeblich gehören Ärzte und andere Fachleute aus medizinischen Berufen der „medizinisch-wissenschaftlichen Fachgruppe“ des Bruno-Gröning-Freundeskreises an. Doch nicht nur die Kirchen warnen, sondern auch Ärzte. So erklärte Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, Präsident der Landesärztekammer Hessen, die Lehre der Organisation für „unärztlich und esoterisch“. Für die behaupteten Heilungen existierten keinerlei Beweise. Im Wolfhager Land warnte sogar schon die Polizei vor den Werbeblättern der Organisation. Dennoch üben Gröning’sche Parolen wie „Es gibt kein unheilbar“ und „Gott ist der größte Arzt“ eine magische Anziehungskraft auf viele Verzweifelte aus. Berühmt wurde der Gelegenheitsarbeiter Bruno Gröning 1949 durch die angebliche Genesung eines Jungen in Herford, der unter Muskelschwund litt. Dass dieser wenige Jahre später doch an seiner Krankheit starb, schadete der Popularität des selbst ernannten Wunderheilers nicht. Nachdem ihm in Nordrhein-Westfalen seine Tätigkeit untersagt worden war, bezog er im Gestüt Traberhof bei Rosenheim Quartier, was der Stadt einen nie zuvor oder danach erlebten Ansturm der Massen bescherte, befeuert von euphorischen Berichten in manchen Zeitungen. Zehntausende pilgerten in Hoffnung auf Heilung zu ihm: Blinde, Rollstuhlfahrer, Kriegsinvaliden.

Heilverbot für die gesamte Bundesrepublik

1954 erhielt er Heilverbot für die gesamte Bundesrepublik. Wegen Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz und wegen fahrlässiger Tötung eines 17-jährigen lungenkranken Mädchens wurde er zu einer Geldstrafe und Haft auf Bewährung verurteilt. Das Ende des von ihm angestrengten Revisionsprozesses erlebte der gebürtige Danziger nicht mehr, denn er starb 1959 an Krebs. Schon seit Jahren hatte er einen unübersehbaren Kropf – für ihn und die Anhänger das äußere Zeichen des „Heilstroms“, der ihn durchfließe und direkt vom „Herrgott“ stamme. Seine eigene Rolle erklärte Gröning als die eines Transformators: Er wandle die unendliche göttliche Kraft um in ein für Menschen erträgliches Maß an Energie. Diese vermeintliche Heilkraft legte der Kettenraucher gerne in Stanniolkugeln aus Zigarettenpäckchen, gefüllt mit seinen Haaren, Zehen- bzw. Fingernägeln oder Sperma, wie es im Bericht der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen heißt.

Fotos von Bruno Gröning werden verehrt, obwohl sich der Freundeskreis seit einigen Jahren um einen Abbau des Personenkults bemüht. Wichtigstes Werbemittel sind Filme über das Leben des „Wunderapostels“. Der mehr als vierstündige Brocken „Das Phänomen Bruno Gröning“ wurde bereits vor fünf Jahren im Bürgerzentrum gezeigt. „An Orten, an denen er sich aufgehalten hat, ist seine Kraft spürbar“, sagte damals eine Anhängerin unserer Zeitung. Grönings Lehre sei kein Widerspruch zur Schulmedizin, sondern eine „Bereicherung“. In Wirklichkeit soll er Kranken jedoch von Arztbesuchen abgeraten haben.

Schwanen sieht die Treffen mit Skepsis

Positives Denken und Glaube an eine höhere Macht begünstigen Heilungsprozesse – so harmlos versucht sich der Freundeskreis heute nach außen dazustellen. Warum dazu eine groteske Figur wie Bruno Gröning ikonenhaft werden muss, erschließt sich aus den Verlautbarungen nicht. Rationaler klingt da, was die Pressestelle auf Anfrage zum Coronavirus mitteilt: „Wir alle hoffen und wünschen uns, dass alle Menschen die behördlichen Vorgaben befolgen, um Schaden von besonders gefährdeten Gruppen in unserer Gesellschaft abzuwenden.“ Man unterstütze „solidarisch alle positiven Anstrengungen zur Bekämpfung der Pandemie. Daher finden auch seit einiger Zeit keine physischen Zusammenkünfte und Treffen der Freundinnen und Freunde mehr statt.“

Der „Schwanen“ sieht die Treffen mit Skepsis. Jedoch handle es sich bisher nur um ein Häuflein älterer Leute, die regelmäßig einen der Kursräume nutzen. Der harte Kern bestehe aus drei Personen. Allerdings gab es auch schon die Anfrage, für eine größere Veranstaltung den Saal zu mieten – was Schwanen-Leiter Cornelius Wandersleb ablehnte. „Wir sind ein Haus für Kultur und nicht für die Verbreitung von Weltanschauungen.“

Die Kursräume – das sei eine andere, kleinere Hausnummer. Grundsätzlich gebe es aber auch dort Ausschlusskriterien bei der Vermietung – etwa, wenn es sich um extremistische Organisationen handeln würde, die zu Diskriminierung und Ausgrenzung aufriefen.