Waiblingen

Geschichten aus der Kinderklinik

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So war’s damals: Dr. Gottfried Strotbek, Dr. Gerhard Pampel und Prof. Dr. Ralf Rauch (von links nach rechts) beim Treffen. © Eckstein / ZVW

Waiblingen/Winnenden. Wenn drei Kinderklinikchefs zusammen Kaffee trinken, gibt’s richtig was zu quatschen. Von verpassten Krankenhauseinfahrten, wehenden Diakonissen, Headhuntern mit Zettelstapel und Eltern hinter Fensterscheiben. Was waren das für Zeiten! Und wie die Uhren doch heute ticken! Eins aber ist sicher und das auf immerdar: Kinderärzte haben von allem eine Ahnung.

Es gab eine Zeit, da wehten, wenn’s nottat, die Diakonissen zu spätester Stunde im privaten Nachthemd durch die Kinderkrankenhausflure. Nach dem Krieg war das, die Diakonissen wohnten im Krankenhaus, wurden schlecht bezahlt, und es war vollkommen selbstverständlich, dass sie ihr ganzes Leben dem Dienst am Nächsten widmeten.

100 Betten in den Sälen

Damals war das Kinderkrankenhaus noch viel größer, als es heute ist. Zumindest was die Bettenanzahl angeht: 100 standen da in den Sälen. Ärzte gab’s dafür nur acht. Heute kann Kinderklinikchef Ralf Rauch immerhin auf 22 Medizinerinnen und Mediziner zählen – bei 65 Betten.

Aber dafür hat er viel mehr Quadratmeter. Diese, beziehungsweise der Mangel an diesen, war das tägliche Leid seines Vorgängers Gottfried Strotbek. Der nämlich musste sich mit seinem Team zwischen den Intensivbettchen der Säuglingsstation durchquetschen. Zum Glück – allerdings ausschließlich diesbezüglich – waren’s damals noch nur insgesamt 17 Ärzte. Sonst wäre ein Überfüllungsnotstand ausgebrochen.

Als Konfession noch vor Medizin stand: Evangelisch musste man sein

Der Chef der Diakonissen aber, lang ist’s her, war Dr. Gerhard Pampel. Längst ist er ein hoch angesehener, geliebter Alt-Waiblinger. In die Kinderklinik beim Bahnhof aber kam er von weit draußen, aus den bitteren Fernen der Kriegsgefangenschaft. Eine andere Welt. Und dann ein evangelisches Kinderkrankenhaus?

„Ich war nicht sehr fromm“, sagt er, „aber sie haben mich genommen.“ Pampel war’s denn auch, der den Begriff „evangelisch“ gewaltig weitete: Er stellte damals einen Arzt ein, der doch tatsächlich aus Bagdad kam.

Heute nimmt man die Sache mit der Konfession entspannt im Haus am Jakobsweg. Ralf Rauch ist wirklich und wahrhaftig Katholik! Und Gottfried Strotbek setzte bei seiner Anstellung die Latte bezüglich der christlichen Ethik so dermaßen hoch, dass der Wind in den Segeln der evangelischen Fraktion schlagartig in sich zusammenfallen musste. Auf die Frage nach seiner Kirchenzugehörigkeit antwortete er: „Wir behandeln ja aber alle Kinder, oder?“

Haus ohne Schild: Strotbek landete auf Feldwegen

Dass Gottfried Strotbek in der Waiblinger Kinderklinik gelandet ist, grenzt im Übrigen an ein Wunder: Eigentlich nämlich wollte er Kinderkardiologe im schönen Heidelberg werden. Aber irgendwie war ihm das nach einer Weile langweilig. Und so machte er sich auf, um das Haus am Waiblinger Bahnhof zu suchen.

Was er nicht fand. Kein Schild gab’s. In den Feldern, sagt er, sei er gelandet. Na ja, er hat die richtige Kurve ganz offensichtlich doch noch gekriegt, wurde erst Oberarzt und dann, da war die Diakonissenanstalt längst ins normale Krankenhaus in der Winnender Straße integriert, zum Chef. Die hiesigen Kinderärzte rührten die Trommel für ihn.

Ralf Rauch, der auf Strotbek folgte, musste nicht Einfahrten suchen, sondern hatte ein Gespräch mit einem Headhunter. Der allerdings stand davor fassungslos Gottfried Strotbek gegenüber. Den hatte er gefragt, was ein Chefarzt der Kinderklinik denn so können müsste.

Eine Woche Bedenkzeit bat sich Strotbek aus, fragte bei seinen Leuten rum und drückte dem Headhunter dann einen Stapel mit Zetteln in die Hand. Darauf standen so Sachen wie, der neue Chef möge „die Leut’ net verschrecken“.

Heute gibt’s Psychotherapie – früher gab’s Beten

Um eines haben alle drei Kinderklinikchefs gleichermaßen gekämpft. Die Psychosomatik, der Schmerz im Körper wegen des Leidens der Seele, fand erst jüngst einen Platz im Haus. Ralf Rauch ist stolz drauf.

Und ausgebucht. Dabei sind diese Erkrankungen keine Neuerfindung. „So bitter nötig“, sagt Strotbek, war sie schon zu seiner Zeit. Und Gerhard Pampel hörte vom Pfarrer der Diakonie: „Ach, wir brauchen keine Psychotherapie. Wir brauchen nur Beten.“

Kinder hinter Fensterscheiben: Weil’s einfacher war

Ach ja, Kontakt brauchten Eltern damals offensichtlich auch nicht zu ihren Kindern, seien’s kranke oder neugeborene gewesen. Einmal pro Woche durfte man sich zusammen mit vielen vor ein Fenster stellen. Hinter der Scheibe wurden dann die Kinder vorgezeigt. Warum man das so machte? „Weil’s einfacher war“, sagt Gerhard Pampel.

Längst hat die Kinderklinik sogar die beschränkten Besuchszeiten so gut wie abgeschafft. Völlig selbstverständlich ist es, dass bei den Kleinen Mama oder Papa mit im Krankenhaus bleiben. Sogar bei 15- bis 17-Jährigen kommt das bisweilen vor. Das Einzige, was Ralf Rauch als Barriere eingebaut hat, ist eine Glocke an der Tür: Niemand, der hier nichts verloren hat, soll einfach so auf die Station spazieren dürfen.

Die beste Therapie: Tee mit einem Tropfen Kognac

Medizin ist ja eine Wissenschaft im Wandel. Wurden Antibiotika über Jahre gern als Allheilmittel eingesetzt – mit üblen Folgen –, kann Ralf Rauch heute dank Schnelltest dem Bakterium auf die Spur kommen. Und wenn da keins ist, gibt’s auch kein Antibiotikum. Gerhard Pampel hätte vielleicht hin und wieder gerne eins gegeben, doch er, sagt er, hatte einfach keins.

Er wusste sich mit anderem zu helfen. 1946 war’s, da sei sein ganzes Team zum Bahnhof gerannt. „Kommt schnell!“, hatte es geheißen. Ein Notzug mit schwangeren Frauen fuhr ein. Die Therapie für die Erschöpften: „Tee mit einem Tropfen Kognac“.

Legostein und Boxenstopp: Kinderärzte sind Alleskönner

Statistiken werden auch in der Medizin gerne bemüht. Das ist heute und bei Ralf Rauch nicht anders, als es schon bei Gerhard Pampel war. Laut Statistik bleiben Kinder in der Winnender Kinderklinik im Durchschnitt 42 Tage auf Station. Was? Der Aufschrei müsste laut sein.

Was machen die Ärzte denn da? Vor allem, weil Ralf Rauch die Arbeit auf seiner Station ganz keck mit der Formel 1 und deren Boxenstopps vergleicht. Na ja, Statistiken wollen wie immer interpretiert sein. Die Frühchen treiben die Verweildauer hoch. Normalerweise braucht’s so ungefähr zwei Tage, bis die Kleinen wieder fit sind.

Legosteine übrigens machen Ralf Rauch heute wirklich keine Probleme mehr. Selbst dann nicht, wenn sie in der Lunge landen. Die holt sein Lungenspezialist ganz schnell wieder raus. Strotbek musste in solchen Fällen noch nach Stuttgart überweisen. Heute gibt es Spezialisten aller Couleur in der Kinderklinik. Und trotzdem, da sind sich alle drei Kinderklinikchefs einig: „Am Ende muss man von allem eine Ahnung haben.“


Historische Chronologie:

  • 6. September 1877: Honoratioren aus Stuttgart gründen den Verein der Kinderfreunde. Sie wollen die hohe Kindersterblichkeit vermindern. Aufgenommen werden arme, verwaiste oder „sonst dem Verkommen ausgesetzte“ Kinder jeder Konfession bis zum vollendeten sechsten Lebensjahr.
  • 11. September 1877: Am Geburtstag der Schirmherrin Königin Olga beginnt die mit einer Diakonisse und einer Helferin. Zwei Kinder werden im Haus in Stuttgart aufgenommen. Nach einem Jahr haben sich im Haus schon 35 Kinder versammelt. Man zieht nach Rommelshausen um.
  • 1883: Erwerb und Umbau der Bahnhofswirtschaft in Waiblingen. In den späteren Jahren wird auf dem großen Gartengelände noch mehr gebaut, zum Beispiel im Jahr 1902 der Isolier- und Krankenbau, in dem auch kranke Kinder der Bevölkerung aufgenommen wurden. Im Kinderheim finden zeitweise bis zu 300 Kinder eine Heimat.
  • 1919: Dr. Hans Kern, der spätere Schwiegervater von Dr. Gerhard Pampel, wird „Anstaltsarzt“. Zu Beginn kommt er aus Stuttgart angefahren. Ab 1944 wohnt er in Waiblingen auf dem Gelände seiner Kinderklinik.
  • 1924: Einrichtung einer Säuglings- und Kleinkindpflegeschule.
  • 1946: Dr. Gerhard Pampel kommt als weiterer Arzt nach Waiblingen. 1949 wird er Chefarzt des Kinderkrankenhauses.
  • 1975: Das Kinderheim wird geschlossen. Übrig bleibt das Kinderkrankenhaus.
  • 1977: Einrichtung der ersten Frühgeborenenstation. Dr. Gerhard Pampel geht in den Ruhestand. Dr. Walter Kollmann wird sein Nachfolger. Er verstirbt 2011.
  • Ende 1986: Die Diakonissenanstalt beschließt, das Kinderkrankenhaus an den Landkreis abzugeben.
  • 1989 bis 1992: Das Kreiskrankenhaus wird umgebaut. Am 24. März zieht das Kinderkrankenhaus ins Kreiskrankenhaus um.
  • 1995: Dr. Gottfried Strotbek wird Chefarzt.
  • 2004: Die Diskussion um ein neues Klinikum beginnt.
  • Ende Juli 2011: Prof. Dr. Ralf Rauch übernimmt von Dr. Gottfried Strotbek die Leitung der Kinderklinik.
  • 19. Juli 2014: Umzug nach Winnenden