Waiblingen

Glasfaser für alle – und möglichst bald

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Wenn irgendwo Straßen und Wege aufgegraben werden müssen, sollten Glasfaserleitungen gleich mitverlegt werden. © Gaby Schneider / ZVW
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Geplante Trassen, an die die örtlichen Breitbandnetze in den Städten und Gemeinden andocken

Waiblingen. Der Landkreis Rems-Murr hält an seinen Plänen fest, jede seiner 31 Städte und Gemeinden Auffahrten zur Datenautobahn zu schaffen. 13,2 Millionen Euro kostet dem Kreis dieses Rückgrat für Glasfaserleitungen, die sich in den Kommunen bis in die Gewerbe- und Wohngebiete hinein verästeln sollen. Dieser Ausbau braucht Zeit. Doch die Zeit wird knapp.

Digitalisierung, Industrie 4.0 ist in aller Munde. Die Ansprüche der Wirtschaft wie auch der Bürger an schnelle Internetverbindungen steigen. Im Rems-Murr-Kreis sind vor allem der der Norden und Nordosten datentechnisch gesehen Notstandsgebiete, namentlich Spiegelberg, Alfdorf und Kaisersbach sowie Murrhardt, Sulzbach, Großerlach und Althütte. Um den Ansprüchen der Zukunft genüge zu leisten, reicht es nicht, die alten Kupferleitungen aufzurüsten, wie beispielsweise die Telekom propagiert. An modernen Glasfaserleitungen mit ihrem schier unbegrenzten Datenvolumen führt kein Weg vorbei.

Zwei Anträge im Umwelt- und Verkehrsausschuss des Kreistages zum Kreisetat 2018 ließen deshalb Aufhorchen. „Streichung der Mittel für den Breitbandausbau“ forderten die Freien Wähler wie auch die Zählgemeinschaft AfD/Unabhängige. Albrecht Ulreich von den Freien Wählern versicherte, dass seine Fraktion sich keinesfalls gegen das geplante Rückgrat fürs Internet von morgen ausspreche. Es ginge ihnen nur um den Punkt, dass die eingeplante eine Million Euro doch 2018 gar nicht ausgegeben werden könne.

Marktversagen: Deutschland ist international gesehen Schlusslicht

Im Ausschuss machte Jürgen Deller von der Backnanger tkt teleconsult klar, dass für die Backbone-Pläne die Uhr tickt. tkt hatte die Studie für den Kreis erstellt. Bis August 2018 gebe es eine Sperrfrist für das Markterkundungsverfahren. Werde bis dahin mit dem Bau eines Backbone-Netzes begonnen, seien die innerörtlichen Ausbaumaßnahmen der Kommunen vor parallelen Maßnahmen von Providern geschützt. Wie die Erfahrung lehrt, sind Telekom, Vodafone oder Unitymedia nur an den Rosinen im Datenkuchen interessiert. Weniger lukrative Gebiete werden links liegengelassen, wie ein Blick auf die vielen „weißen Flecken“ im ländlichen Raum bei der Versorgung mit schnellem Internet zeigt. Einmal mehr sprach Deller von Marktversagen, das Deutschland bei Glasfaseranschlüssen im internationalen Vergleich beim schnellen Internet hinter Länder wie Estland, Schweden oder sogar Rumänien zurückfallen lässt.

Jürgen Deller empfahl den Kreisräten, möglichst bald und auch mit kleineren Paketen in den Ausbau des Backbone-Netzes einzusteigen. So steige die Wahrscheinlichkeit, dass fristgerecht gestartet werden könne. Nach dem Start der Feinplanung und der Vorbereitung der Förderanträge im Dezember 2017 dauere es sechs bis acht Monate, bis mit den Tiefbauplanungen begonnen werden könne. Aktuell dient der Backbone dem Zweck, unterversorgte Gebiete zu verbinden, um den Kommunen die Möglichkeit zu geben, einen Betreiber fürs innerörtliche Glasfasernetz zu finden. Mittel- und langfristig werde der Backbone die Grundlage, für einen flächendeckenden Ausbau der schnellen Internetverbindungen.

Der weitere Ausbau ist Sache der Kommunen - und das kann teuer werden

Die Backbone-Pläne haben freilich auch Haken. Zwar sind die Kosten für die kreuz und quer durch den Kreis verlegten Glasfaserleitungen mit rund 13 Millionen Euro überschaubar. Doch der weitere Ausbau in die Gewerbe- und Wohngebiete in allen Ortschaften hinein ist Sache der Kommune. Und dies kann teuer werden und die Kosten seien en detail nicht zu beziffern. Jürgen Deller machte den Bürgermeister die Sache jedoch einmal mehr schmackhaft. Die Investitionen des Kreises ins Backbone-Netz und der Kommunen in ihre innerörtlichen Netze sollten sich mittel- und langfristig durch Pachteinnahmen von Netzbetreibern refinanzieren lassen. Denn im Gegensatz zu den heutigen Telekommunikationsnetzen gehören diese Datennetze künftig den Kommunen.

IHK fordert, „umgehend mit dem Glasfaserausbau zu beginnen“

Erst jüngst mahnte die IHK-Bezirkskammer Rems-Murr in Sachen Breitbandausbau zur Eile. „Der Rems-Murr-Kreis hinkt nicht nur im internationalen Vergleich bei glasfaserbasierten Internetanschlüssen meilenweit hinterher, sondern nimmt auch innerhalb der Region Stuttgart einen unrühmlichen hinteren Platz ein“, fasste IHK-Bezirkskammerpräsident Claus Paal den Status quo zusammen. Daran würden auch die aktuellen Ausbauaktivitäten der Deutschen Telekom nichts ändern, da vor allem viel Technik zur Ertüchtigung des alten Kupferkabelnetzes zum Einsatz komme und nicht in eine flächendeckende Glasfaserinfrastruktur investiert werde, kritisierte Paal (wir haben berichtet). Weil von privatwirtschaftlichen Unternehmen keine flächendeckende Glasfasererschließung jedes Gewerbebetriebs, jedes öffentlichen Gebäudes und jedes Privathaushalts zu erwarten sei, müsse die öffentliche Hand auch im Rems-Murr-Kreis in unterversorgten Bereichen umgehend mit dem Glasfaserausbau beginnen.

Schnelles Internet für alle“ heißt das Ziel.

  • Voraussetzung ist, dass alle 31 Kommunen im Rems-Murr-Kreis Auffahrten zu den Datenautobahnen bekommen. Diese 300 Kilometer kreuz und quer durch den Kreis verlegten Glasfaserleitungen werden Backbone genannt, zu deutsch: Rückgrat. Rund 30 Millionen Euro kostet der Aufbau dieses Backbonenetzes. Dank Zuschüssen bleiben am Landkreis Rems-Murr rund 13,2 Millionen Euro hängen.
  • In einem ersten Schritt sollen 126 Kilometer Backbonetrassen verlegt werden, die dem Kreis rund 5,8 Millionen Euro kosten werden. Und zwar in der ersten Ausbaustufe für die Gemeinden Aspach, Spiegelberg, Großerlach, Oppenweiler, Sulzbach und Murrhardt. Die zweite Stufe erfasst die Bereiche von Murrhardt über Althütte, Kaisersbach, Alfdorf bis Welzheim. Die dritte Stufe verbindet die Kommunen in der Backnanger Bucht mit den Datenautobahnen.
  • Die Kosten für ein flächendeckendes innerörtliches Glasfasernetz im Kreis lassen sich nicht beziffern. Wohl aber der Aufbau der Netze in den 13 Notstandsgebieten der Ausbaustufen eins bis drei: Nach Abzug der Förderung blieben rund 45 Millionen Euro an den Kommunen hängen. „Über Pachtzahlungen der Betreiber wird langfristig ein Mittelrückfluss der Investitionen stattfinden“, schrieb die tkt teleconsult Kommunikationstechnik aus Backnang, die die Backbone-Studie für den Landkreis erstellt hat.
  • Der Tiefbau macht den größten Brocken bei den Kosten für ein Backbonenetz aus. Schließlich müssen die Rohre vergraben werden. Die Berater von tkt teleconsult empfehlen, sich beim Bau des Netzes an die Baumaßnahmen der Kommunen oder der Betreiber der Strom-, Gas- und Wassernetze, der Telekommunikationsanbieter sowie den Straßenbauern dranzuhängen. Überall wo Straßen oder Gehwege aufgebuddelt werden, können günstig Glasfaserleitungen beziehungsweise Leerrohre mitverlegt werden.